Mann im Krankenhaus: Warum der epileptische Anfall? (Symbolbild)
Mann im Krankenhaus: Warum der epileptische Anfall? (Symbolbild)
Foto: Jackyenjoyphotography / Getty Images

Ein rätselhafter Patient Warum ist er ins Koma gefallen?

Ein 48-Jähriger erleidet einen schweren Krampfanfall und muss beatmet werden. Was war die Ursache? Den Ärzten fällt vor allem der hohe Blutdruck auf. Doch der besteht schon seit 20 Jahren.
Von Heike Le Ker

Der 48-Jährige ist tief komatös, als er im Krankenhaus eingeliefert wird. Zuvor hat der Mann, so erfahren die Ärzte der Kheif Shalifa Medical City-Klinik in Abu Dhabi, einen schweren epileptischen Anfall gehabt. Eine Epilepsie ist bei ihm allerdings bislang nicht bekannt. Schnell messen die Ärzte den Blutdruck, der mit 178/122 Millimeter Quecksilbersäule (mmHG) deutlich zu hoch ist. Sie intubieren den Patienten und verlegen ihn zur weiteren Überwachung und Abklärung auf die Intensivstation.

Ein epileptischer Anfall kann viele unterschiedliche Ursachen haben - manche von ihnen lebensbedrohlich. Die Ärzte müssen nun schnell nach möglichen Ursachen im Gehirn, im Blut, im Herzen, in den Nieren - und im gesamten Körper suchen.

An Vorerkrankungen ist bei dem Mann vor allem ein Bluthochdruck bekannt. Der allerdings besteht schon seit 20 Jahren und lässt sich auch mit vier Medikamenten kaum beeinflussen, die er nimmt. Er ist übergewichtig und hat einen Typ-2-Diabetes. Ansonsten war der Patient aber gesund, er raucht und trinkt nicht und nimmt keine Drogen. Auch ein Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma hat nicht stattgefunden, das hätte den epileptischen Anfall erklären können.

Viele unauffällige Befunde

Bei den ersten schnellen Blutuntersuchungen fällt auf, dass der Kaliumwert zu niedrig ist, wie die Mediziner im "Journal of Medical Case Reports" berichten . Der Mineralstoff ist maßgeblich an zellulären Prozessen beteiligt und reguliert unter anderem den Blutdruck. Hinweise auf eine Entzündung im Körper lassen sich im Blut nicht entdecken, die Schilddrüsenparameter sind normal, und auch einige andere Hormone sind unauffällig, ebenso Werte, die auf einen Herzinfarkt deuten könnten.

Im Röntgenbild der Lunge finden die Ärzte keinen Hinweis auf Lungen- oder Herzprobleme, auch die Urinuntersuchung fällt normal aus. Das EKG, mit dem sie das Herz überprüfen, zeigt einen regelmäßigen, wenn auch etwas schnellen Rhythmus. Bei der Hirnstrommessung gibt es keine Hinweise auf weitere epileptische Anfälle.

Als Nächstes schieben die Radiologen der Klinik den Patienten in eine CT-Röhre. Sie müssen schnell ausschließen, dass der Mann eine Hirnblutung oder einen Schlaganfall erlitten hat. Die Bilder sehen völlig normal aus. Auch die Kernspintomografie-Aufnahmen seines Kopfes, die sie am folgenden Tag anfertigen, sind unauffällig: kein Hinweis auf einen Schlaganfall, eine Blutung, eine Entzündung, einen Tumor oder ein Trauma.

Woher kommt der Bluthochdruck?

Um zu klären, warum die Kaliumwerte so niedrig sind, lassen die Ärzte nun weitere Blutwerte untersuchen. Dabei fällt auf, dass das sogenannte Aldosteron mehr als doppelt so hoch ist wie der Normalwert. Das Hormon wird in der Nebennierenrinde gebildet und reguliert den Wasserhaushalt im Körper - und damit auch den Blutdruck. Es bewirkt, dass Natrium - ebenfalls ein wichtiger Mineralstoff - vermehrt im Körper gehalten und Kalium ausgeschieden wird. Damit haben die Ärzte zumindest den Mechanismus gefunden, über den die Elektrolytstörung und vermutlich auch der Bluthochdruck entstehen.

Doch warum ist das Aldosteron zu hoch?

Die Ärzte überprüfen noch weitere Werte, denn das Hormon ist in ein fein abgestimmtes Regelwerk verschiedener Hormone eingebunden, die unter anderem im Gehirn produziert werden und die Nebenniere steuern. Das Hormon Cortisol aber etwa, das ebenfalls aus der Nebenniere stammt, liegt im Normalbereich.

Anders verhält es sich beim aus der Niere stammenden Renin, das gemeinsam mit Aldosteron den Wasserhaushalt im Körper und den Blutdruck reguliert: Je mehr Aldosteron im Blut schwimmt, umso weniger Renin, das den Blutdruck noch weiter in die Höhe treiben würde, produziert die Niere. Das ist auch bei dem Patienten so.

Murmelgroßer Knoten in der Nebenniere

Aufgrund der Laborergebnisse vermuten die Ärzte nun, dass das Problem direkt in der Nebennierenrinde liegt, und zwar in den Zellen, die das Aldosteron produzieren. Häufigste Ursache ist ein gutartiger Tumor - das daraus resultierende Krankheitsbild nennen Mediziner auch Conn-Syndrom.

Tatsächlich entdecken die Radiologen auf Computertomografie-Bildern des Bauchraumes eine auffällige, etwa murmelgroße Struktur an der linken Nebennierenrinde des Patienten. Dieser ist nach zwei Tagen aus dem Koma erwacht und kann wieder ohne Hilfe atmen.

Den seit Jahren stark erhöhten Blutdruck, den der Mann mit Medikamenten kaum beherrschen konnte, den epileptischen Anfall und das darauffolgende Koma führen die Ärzte nun auf den hormonproduzierenden Tumor zurück. In ihrer Veröffentlichung schreiben sie: "Nach unserem Wissen ist dies der erste beschriebene Fall eines epileptischen Anfalls und Komas als Komplikation eines Conn-Syndroms."

Nachdem sie ihre Befunde und die Verdachtsdiagnose mit dem Mann besprochen haben, legen sie einen Termin für die chirurgische Entfernung des Tumors fest. Der Eingriff soll den Mann im besten Fall von seinem Bluthochdruck befreien und ihn vor allem vor schwerwiegenden Folgen dadurch bewahren. Bei einem minimal-invasiven Eingriff entnehmen die Chirurgen die linke Nebenniere, die rechte kann die Aufgaben des fehlenden Organs übernehmen. Das histologische Bild ist eindeutig: Ein gutartiger Tumor ist die Ursache für die übermäßige Aldosteronproduktion und den seit 20 Jahren bestehenden Bluthochdruck.

Im Lauf der folgenden zwölf Monate kann der Patient seine Medikamente immer mehr reduzieren. Ein Jahr nach der Operation sind seine Hormon- und Elektrolytwerte normal und er benötigt nun nur noch ein einziges blutdrucksenkendes Mittel.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir gefragt, warum der Aldosteronwert so niedrig sei. Es muss richtig heißen, warum der Aldosteronwert so hoch ist. Wir haben entsprechend korrigiert.

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