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02. Juli 2012, 16:54 Uhr

Infektionen

Ein Viertel aller Klinikpatienten erhält Antibiotika

Antibiotika-resistente Bakterien in Kliniken gehören zu den größten Gefahren für die Patienten. Eine Erhebung zeigt: Die Zahl der Krankenhausinfektionen ist in den letzten Jahrzehnten stabil geblieben. Der mit Antibiotika behandelte Anteil an Patienten ist jedoch drastisch angestiegen.

Nicht immer macht die Medizin alles besser - manchmal macht sie es sogar schlimmer. Bestes Beispiel sind Infektionen, die Patienten sich in Krankenhäusern einfangen. Tagtäglich haben Ärzte und Patienten in den Kliniken Deutschlands damit zu kämpfen - manchmal geraten die Betroffenen sogar in lebensbedrohliche Situationen oder sterben sogar an diesen Infektionen.

Doch wie häufig kommen nosokomiale Infektionen, wie sie im Fachjargon genannt werden, tatsächlich vor?

Bisher gibt es nur ungefähre Schätzungen darüber. Das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) etwa geht von bis zu 600.000 Fällen jährlich aus. 15.000 Patienten sterben demzufolge an einer Krankenhausinfektion. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) dagegen zeichnet ein noch düsteres Bild. Demnach infizieren sich jährlich 800.000 Patienten, 40.000 sterben an einer nosokomialen Infektion. Probleme bereiten vor allem Infektionen durch jene Keime, gegen die gängige Antibiotika nicht mehr helfen.

Um festzustellen, wie groß das Problem von Krankenhausinfektionen wirklich ist, und wie häufig Antibiotika in deutschen Krankenhäusern verabreicht werden, hat das RKI jetzt die ersten Ergebnisse einer europaweiten Erhebung veröffentlicht. Für Deutschland kommt das RKI zu folgendem vorläufigen Schluss: Etwa 3,5 Prozent aller im Krankenhaus stationär behandelten Patienten haben sich innerhalb des Untersuchungszeitraums in einem Krankenhaus mit einem Keim infiziert. Und knapp ein Viertel aller Klinikpatienten bekommt Antibiotika.

Dem Bericht zufolge hat sich die Häufigkeit von Krankenhausinfektionen im Vergleich zu 1994 kaum verändert - der Anteil jener Patienten, die im Krankenhaus mit Antibiotika behandelt werden, dagegen schon: Er sei seit 1994 um gut ein Drittel auf 24 Prozent gestiegen.

Kürzere Krankenhausaufenthalte

Die Autoren der Studie betonen jedoch, dies sei kein Beleg für den häufigeren Einsatz. "Wir glauben vor allem, dass Patienten heute eine deutlich kürzere Verweildauer im Krankenhaus haben", sagte die Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité, Petra Gastmeier. Früher seien Patienten oft auch nach Ende der Behandlung mit Antibiotika noch einige Tage im Krankenhaus geblieben. Der prozentuale Anstieg müsse daher nicht bedeuten, dass auch in absoluten Zahlen mehr Patienten mit Antibiotika behandelt werden.

Der repräsentativen Studie lag das international anerkannte Krankenhausinfektion-Surveillance-System zugrunde ("KISS") zugrunde, ein System zur statistischen Erfassung nosokomialer Infektionen. 134 Krankenhäuser nahmen insgesamt an der Studie teil. 46 davon wurden der Größe nach als repräsentativ ausgewählte Krankenhäuser in die Erhebung mit eingeschlossen.

In großen Krankenhäusern infiziert sich ein größerer Teil der Patienten. "Das ist eine altbekannte Tatsache, weil dort invasivere Medizin betrieben wird als in Feld- und Wiesenkrankenhäusern", erläuterte Gastmeier. Die Behörden sammelten die Daten im Zeitraum von September bis Dezember 2011. Deutschland ist eines der ersten Länder, das Ergebnisse aus dieser europaweiten Erhebung vorlegt.

Dem Bericht zufolge traten Wundinfektionen am häufigsten auf (24,7 Prozent). Sie sind Folge von operativen Eingriffen. 22,4 Prozent aller nosokomialen Infektionen waren dagegen Harnwegsinfektionen, ein Anteil von 21,5 Prozent fiel auf untere Atemwegsinfektionen. Hervorgerufen wurden die meisten Infektionen von Escherichia-coli-Bakterien (18,4 Prozent). Aber auch Staphylococcus aureus (13,3 Prozent) und Enterokokken (12,8 Prozent) waren häufige Verursacher.

cib/dpa

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