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Eine rätselhafte Patientin Plötzlicher Tod mit 19 Jahren

Eine junge Frau kommt mit starken Bauchschmerzen, Verstopfung und einem Hautausschlag ins Krankenhaus. Nicht mal einen Tag später ist sie verstorben.
Von Nina Weber

Die 19-jährige Chinesin verlässt die Hautklinik mit einer ernsten Diagnose: Sie hat systemischen Lupus erythematodes. Bei dieser Autoimmunkrankheit greift das Immunsystem körpereigene Strukturen an. Betroffene leiden oft an Gelenkschmerzen und Müdigkeit, häufig nehmen mit der Zeit die Nieren Schaden, ebenso kann es zu Entzündungen von Herz oder Lunge kommen. Typisch ist zudem ein roter Ausschlag. Die Ärzte verschreiben ihr ein sogenanntes Glukokortikoid, welches das Immunsystem der Patientin unterdrückt und Entzündungen vorbeugen soll.

Zwei Wochen später sucht die Patientin die Notaufnahme des Huashan Hospitals in Shanghai auf. Sie leidet seit einem Tag an Bauchschmerzen, seit drei Tagen hatte sie keinen Stuhlgang mehr. Über ihre Stirn und ihren Bauch ziehen sich rote Knötchen. Beim Abtasten entdecken die Ärzte eine empfindliche Stelle am Oberbauch.

Blutgerinnung außer Kontrolle

Sie führen umgehend eine Computertomografie (CT) des Bauchraums durch, die größere Ansammlungen von Luft und Flüssigkeit im Darm zeigt. Die Aufnahme spricht dafür, dass die 19-Jährige einen Darmverschluss hat; dies ist ein lebensbedrohlicher Notfall. Das Team um Wei Zhang will die Frau eigentlich sofort operieren. Doch das Ergebnis eines Bluttests macht dies unmöglich. Mehrere Blutwerte, darunter ein Mangel an Blutplättchen, zeigen an, dass bei der Patientin die Blutgerinnung außer Kontrolle geraten ist.

Normalerweise sorgt der ausgeklügelte Prozess dafür, dass man nach einer Verletzung möglichst wenig Blut verliert: Gerinnungsfaktoren und eine spezielle Art von Zellen, die Blutplättchen, sorgen dafür, dass sich auf Wunden möglichst schnell eine feste Schutzschicht bildet. Bei einer sogenannten disseminierten intravasalen Gerinnung (DIG) läuft dies zunächst in viel zu starker Form ab. Infolge dessen bilden sich kleine Gerinnsel im Blutkreislauf, die wichtige Gefäße verstopfen können. Zudem werden die für die Gerinnung nötigen Bestandteile verbraucht, weshalb Betroffene nach der ersten Phase stärker zu Blutungen neigen. Eine Operation wäre für die Patientin in diesem Zustand extrem gefährlich. Stattdessen verabreichen die Ärzte der Frau nun Blutplasma sowie einen Gerinnungsfaktor, um der DIG entgegenzuwirken. Den gestauten Darminhalt saugen sie ab, darunter sind größere Mengen Blut.

Der Bluttest zeigt zudem eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen und erhöhte Leberenzym-Werte. Bei Lupus-Patienten ist die Zahl der weißen Blutkörperchen eigentlich verringert, nicht erhöht.

Vier Stunden nach der Aufnahme in der Klinik hat die Patientin einen epileptischen Krampfanfall, der fünf Minuten andauert. Mittels einer Computertomografie des Kopfes können die Ärzte ausschließen, dass die Frau eine Hirnblutung erlitten hat. Parallel zeigt ein weiteres CT aber, dass sich im Dickdarm erneut Gase und Flüssigkeit sammeln. Als die Mediziner einen Blasenkatheter legen, entdecken sie auch Blut im Urin.

Eine Krankheit, die oft unkompliziert verläuft - aber nicht immer

Die Patientin wird jetzt auf die Intensivstation verlegt. Dort stellen die Ärzte aufgrund der bisherigen Symptome und Blutwerte eine Verdachtsdiagnose: Möglicherweise verursachen Windpocken die schwere Krankheit der Patientin.

Die meisten kennen Windpocken als unangenehme, aber weitgehend komplikationslose Krankheit. Betroffene haben Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und entwickeln den für Windpocken typischen Hautausschlag. Doch wenn Menschen Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken, können die Windpocken einen sogenannten hämorrhagischen Verlauf nehmen, der nicht selten mit dem Tod endet. Auch bei Neugeborenen ist das Risiko größer, dass die Krankheit sich so entwickelt. Die 19-Jährige bekommt ja wegen ihres Lupus ein Glukokortikoid, um ihre Körperabwehr zu schwächen, sie gehört also zu den Menschen, für die die Windpocken ein größeres Risiko darstellen.

Die Mediziner geben der Patientin jetzt antivirale Mittel. Doch ihr Zustand verschlechtert sich unaufhaltsam weiter, trotz aller weiteren ergriffenen Maßnahmen. 18 Stunden nach ihrer Aufnahme in der Klinik stirbt die Frau an Multiorganversagen, berichten die Ärzte im Fachblatt "BMC Infectious Diseases" . Ein Test bestätigt die Windpockeninfektion.

Ein Mangel an Blutplättchen geht laut dem Bericht der Mediziner häufiger mit dem schweren Windpockenverlauf einher. Schwere Bauchschmerzen sind ein typisches Symptom, wenn sich die Windpocken im ganzen Körper und damit auch im Magen-Darm-Trakt ausbreiten. Allerdings treten diese auch bei vielen Krankheiten auf, weshalb die Ärzte nicht sofort die richtige Diagnose parat hatten. Ob eine wenige Stunden früher gestellte Diagnose das Leben der jungen Frau hätte retten können, lässt sich allerdings auch nicht beantworten.

Laut dem Fallbericht war die Patientin nicht gegen Windpocken geimpft - und nach ihrer Lupus-Diagnose hätte sie diese Lebendimpfung auch nicht mehr bekommen dürfen.