Ein rätselhafter Patient Traumatisches Geheimnis

Mit Sehstörungen und Krampfanfällen landet eine 19-Jährige in der Notaufnahme. Bald haben die Ärzte einen Verdacht - die Patientin will ihn aber nicht bestätigen. Mit einer Skizze können sie ihr schließlich doch ihr trauriges Geheimnis entlocken.

Schematische Darstellung des Gehirns: Woher kommen die Krampfanfälle der 19-jährigen Patientin?
Getty Images/ De Agostini

Schematische Darstellung des Gehirns: Woher kommen die Krampfanfälle der 19-jährigen Patientin?

Von


Weil sie unter schwerer Übelkeit und Erbrechen leidet, wird eine 19-Jährige in das Universitätskrankenhaus in Lausanne eingeliefert. Als sie dort ankommt, hat sie Sehstörungen und wird für wenige Minuten bewusstlos.

Ihre Eltern berichten den Ärzten von mehreren Krampfanfällen ihrer Tochter. Diese hätten aber von selbst wieder aufgehört. Ansonsten ist die Patientin gesund, einen Drogenmissbrauch streitet sie ab.

Auffällig ist, dass die junge Frau Blutungen außerhalb ihres normalen Zyklus hat. Die letzte Periode liegt drei Wochen zurück. Die 19-Jährige gibt an, sexuell nicht aktiv zu sein. Bei der Untersuchung messen die Ärzte eine erhöhte Temperatur. Auch ihr Blutdruck ist grenzwertig hoch und ihr Puls etwas zu schnell. Beide Beine sind dick, ebenso wirkt ihr Bauch geschwollen, ohne dass die Ärzte etwas besonderes tasten oder dabei einen Schmerz auslösen können.

Sowohl die neurologische Untersuchung als auch eine Kontrolle des Augenhintergrunds bringen keine Hinweise auf die Ursache der Beschwerden. Noch zweimal erleidet die Heranwachsende Krampfanfälle.

Zyste im Gehirn

Auf der Computertomografie (CT) des Kopfes entdecken die Ärzte eine Zyste in einem der mit Liquor gefüllten Räume im Gehirn, der zudem vergrößert ist. Nach einem der Krampfanfälle führen die Mediziner eine Elektroenzephalografie (EEG) durch, bei der die elektrische Aktivität im Gehirn aufgezeichnet wird. Dabei entdecken sie keine Auffälligkeiten. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) bestätigt den Zysten-Befund aus dem CT.

Anzeige
    "Ein rätselhafter Patient"
  • Manchmal müssen Ärzte Detektivarbeit leisten, um mysteriösen Krankheiten auf die Spur zu kommen. In diesem Buch erzählen Dr. Dennis Ballwieser und Dr. Heike Le Ker anhand von wahren Fallgeschichten, warum der Weg zur richtigen Therapie oft kompliziert, aber manchmal erstaunlich simpel ist.

    KiWi-Taschenbuch; 272 Seiten; 9,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
  • Bei Thalia bestellen.
Zudem sehen die Ärzte aber ein sogenanntes Hamartom am Hypothalamus im Zwischenhirn. Es ist bekannt, dass diese meist gutartigen Tumore an dieser Stelle im Gehirn epileptische Anfälle auslösen können.

Gegen die Krampfanfälle bekommt die Patientin das Medikament Levetiracetam, ein Antiepileptikum. Bei der Blutanalyse fällt ein erhöhter Spiegel eines Hormons auf: das humane Choriongonadotropin (beta-hCG), ein Schwangerschaftshormon. Zudem sind zwei sogenannte Tumormarker erhöht: Einer der beiden kann auf Leberkrebs hinweisen, der zweite zum Beispiel auf Eierstockkrebs. Aber auch in der Schwangerschaft können die Blutspiegel beider Tumormarker erhöht sein.

Vergrößerte Gebärmutter

Gegen eine gynäkologische Untersuchung wehrt sich die Patientin, wie Julien Francisco Zaldivar-Jolissaint und seine Kollegen von der Université de Lausanne im Medizinjournal "The Lancet" schreiben. In einer Ultraschallaufnahme des Bauchs erscheint die Gebärmutter leicht vergrößert. Allerdings können die Ärzte darauf nicht die Eierstöcke der Patientin sehen, weshalb sie eine MRT des Bauches planen.

Nach 24 Stunden überprüfen die Mediziner erneut den Beta-hCG-Spiegel im Blut. Der Wert ist deutlich gesunken, wofür es zunächst keine Erklärung gibt. Wegen der Ergebnisse im MRT sowie den Befunden des Labors haben die Ärzte den starken Verdacht, dass die junge Frau vor Kurzem schwanger gewesen sein und sogar ein Kind zur Welt gebracht haben könnte.

Doch die Patientin behauptet weiter, sie habe keinen Geschlechtsverkehr gehabt. Schließlich fürchten die Ärzte, die 19-Jährige könnte irgendwo ein lebendes Neugeborenes zurückgelassen haben.

Ein Gynäkologe spricht noch einmal ausführlich und einfühlsam mit der Patientin. Mithilfe einer einfachen schematischen Zeichnung gelingt es ihm schließlich, von ihr zu erfahren, was geschehen war: Mit dem Finger tippt die Patientin auf das Bild und zeigt dem Arzt so, dass sie offenbar ein totes Kind zur Welt gebracht hat. Die Schwangerschaft hatte die junge Frau verdrängt.

Mithilfe dieser Skizze erfahren die Ärzte, was der 19-Jährigen widerfuhr
The Lancet

Mithilfe dieser Skizze erfahren die Ärzte, was der 19-Jährigen widerfuhr

Kopfschmerzen, Verwirrung und Sehstörungen

Wie sich später herausstellt, litt die 19-Jährige während der Geburt an einer Eklampsie - einer plötzlich auftretenden schweren Erkrankung mit Krampfanfällen, hohem Blutdruck und Schwellungen in den Beinen. Die Beschwerden der Patientin passen außerdem zum sogenannten PRES ("Posterior reversible encephalopathy syndrome"), bei dem die Betroffenen unter Kopfschmerzen, Verwirrung, Krampfanfällen und Sehstörungen leiden.

Einen Tag lang ist die junge Frau nur dazu in der Lage, per Zeichnungen mit ihren Ärzten zu kommunizieren, bevor sie das traumatische Erlebnis der Totgeburt mit Worten beschreiben kann. Eine Woche lang überwachen Gynäkologen in der Klinik die Patientin, um bei erneuten Krampfanfällen eingreifen zu können.

In dieser Zeit wird die 19-Jährige auch von Psychiatern untersucht, die zu dem Schluss kommen, dass sie nicht altersentsprechend entwickelt ist, wenig Selbstbewusstsein hat, körperliche Veränderungen kaum deuten kann und über wenig Wissen zur eigenen Sexualität verfügt. Sie hat ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern und kann kaum über sich selbst bestimmen - so überprüft etwa ihre Mutter monatlich ihre Periode.

Ihre Eltern bewerten Sexualität negativ, ihre eigene Schwangerschaft nahm die 19-Jährige deshalb als falsch wahr. In verschiedenen Gesprächen erzählt sie den Medizinern aber, dass der Geschlechtsverkehr, der zur Schwangerschaft geführt hatte, einvernehmlich gewesen sei. Den Vater des Kindes gibt sie aber nicht preis.

Das Kind wird im Haus der Patientin gefunden. Eine Obduktion ergibt, dass es tatsächlich als Totgeburt zur Welt kam.

ZUM AUTOR
  • Dennis Ballwieser arbeitet für den Verlag der "Apotheken-Umschau" und ist Arzt. Von 2011 bis 2013 war er Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
k.hauser.15 15.03.2015
1. Ich weiß, ich weiß...
das ewige Belehren. Dennoch, bei der genannten Frau geht es nicht um das geringe Selbstbewusstsein, sondern um das geringe Selbstwertgefühl verbunden mit dem daraus reslutierenden Mangel an Selbstvertrauen. Ihr Selbstbewusstsein ist im Gegenteil gut entwickelt, denn sie weiß dass sie etwas Falsches getan hat aus der Sicht derer, die sie erzogen haben. Aber sie fühlt anders! Wäre das nicht so, wäre sie nicht schwanger geworden, denn dann hätte sie nicht in Frage gestellt was versucht worden war ihr als Lebenspraxis zu vermitteln. Also mal drauf achten: Da wo im alltäglichen Sprachgebrauch von Selbstbewusstsein die Rede ist geht es fast immer eigentlich um das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Ach ja und wenn einer was gemacht hat was nicht in Ordnung ist, so heißt es auch nicht "Ich entschuldige mich" sondern es MUSS heißen: ich bitte um Entschuldigung. In diesem Sinne mögen mir bitte alle Leser dieses Beitrags meine Klugschei....verzeihen.
discprojekt 15.03.2015
2. k.hauser
Also, das "ich habe mich entschuldigt" (oder Varianten) ärgern mich auch sehr. Nicht so sehr bei Hans und Franz, eher bei unseren Eliten in Politik, Wirtschaft usw. Aber ich glaube, es sind eher die Alphatiere, wenn sie nicht umhin kommen, Fehlverhalten eingestehen zu müssen. Es klingt nicht ehrlich.
ohminus 15.03.2015
3.
Zitat von k.hauser.15das ewige Belehren. Dennoch, bei der genannten Frau geht es nicht um das geringe Selbstbewusstsein, sondern um das geringe Selbstwertgefühl verbunden mit dem daraus reslutierenden Mangel an Selbstvertrauen. Ihr Selbstbewusstsein ist im Gegenteil gut entwickelt, denn sie weiß dass sie etwas Falsches getan hat aus der Sicht derer, die sie erzogen haben. Aber sie fühlt anders! Wäre das nicht so, wäre sie nicht schwanger geworden, denn dann hätte sie nicht in Frage gestellt was versucht worden war ihr als Lebenspraxis zu vermitteln. Also mal drauf achten: Da wo im alltäglichen Sprachgebrauch von Selbstbewusstsein die Rede ist geht es fast immer eigentlich um das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Ach ja und wenn einer was gemacht hat was nicht in Ordnung ist, so heißt es auch nicht "Ich entschuldige mich" sondern es MUSS heißen: ich bitte um Entschuldigung. In diesem Sinne mögen mir bitte alle Leser dieses Beitrags meine Klugschei....verzeihen.
Ähm, nein. Bitte den Artikel nochmal lesen. Ob sie tatsächlich irgendetwas in Frage gestellt hat ist vollkommen spekulativ und eher unwahrscheinlich. Wie es zur Schwangerschaft gekommen ist, wissen wir nicht. Sicher wird sie Geschlechtsverkehr gehabt haben, aber inwieweit der einvernehmlich war - oder im Bezug auf ihre Persönlichkeitsstruktur tatsächlich realistisch einvernehmlich sein kann - können wir nicht beurteilen.
libertarian2012 15.03.2015
4.
Ich bin immer wieder beeindruckt wie schnell und sicher Psychiater und Psychologen zu absoluten und gesicherten Erkenntnissen kommen. Da wird dann ganz schnell erkannt, dass da was "ausgeblendet" worden ist - obwohl später klar wird, dass sie mit den Leuten (oder vielleicht sonst auch niemanden) schlicht nicht drüber sprechen will, was da für eine Katastrophe abgelaufen sein könnte. Nein, da wird rappzapp spekuliert und dann diagnostiziert nach Schema F. Und was wurde aus den auffälligen CT und MRI Befunden? Kann man die aufgrund der "Erkenntnisse" der Seelenklempner ignorieren? Manchmal kann man sich nur wundern, wie sehr der medizinische Betrieb im 19. Jahrhundert festhängt.
dorok 15.03.2015
5. Riecht verdächtig
Zitat: "wenig Selbstbewusstsein, wenig Wissen zur eigenen Sexualität, sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern, kann kaum über sich selbst bestimmen, Mutter überprüft monatlich ihre Periode". Fragen: Wie kann so jemand schwanger werden?? Vor allem, ohne dass dies bemerkt wird (wo sie doch angeblich ein sehr enges Verhältnis zu den Eltern hat und kaum über sich selbst bestimmen kann)?? Warum überprüft die Mutter monatlich die Periode??? Tut mir leid, aber für mich (Betroffene von sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie) riecht dies verdächtig nach einer "typischen Missbrauchsfamilie", in der der Vater übergriffig ist und die Mutter Bescheid weiß. Wahrscheinlich gibt es gute Gründe dafür, dass die junge Frau den Namen des Kindsvaters verschweigen (verleugnen?) muss. Ihre extrem heftigen psychosomatischen Reaktionen jedenfalls würden vor so einem Hintergrund mehr Sinn machen, als bei einer "normalen" Schwangerschaft, die "bloß" vor strengen Eltern geheim gehalten werden muss...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.