Elektroschocks als Therapie Wie Stromstöße Depressionen lindern

Die Elektrokrampftherapie war als Folterinstrument verschrien. Dabei geht die Behandlung heute gewaltfrei vonstatten - und kann durchaus sinnvoll sein, wenn keine andere Therapie hilft.

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Mehr als zwei Jahre lang fühlte sich Inge Herbert* nur noch wie eine Hülle, innen leer. Mit 61 Jahren wurde sie schwer depressiv, reagierte nicht mehr auf ihren Mann oder ihre Kinder, wenn diese sie ansprachen. Kein Weinen, kein Lachen. Irgendwann hörte sie auf zu essen, zu trinken, sie wollte nicht mehr leben.

Sie verbrachte viele Monate in Kliniken, Ärzte verschrieben ihr immer wieder andere Arzneimittel: Nichts half ihr, wieder zu sich zu kommen. Eine letzte Option: die Elektrokonvulsionstherapie, auch bekannt als Elektrokrampftherapie.

Ihr Ehemann als gesetzlicher Vormund willigte ein. Zweimal pro Woche strömten nun 130 Volt durch Inge Herberts Gehirn. Wenige Tage nach Beginn der Behandlung besuchte die Familie sie. "Wird Zeit, dass ihr kommt! Wollen wir endlich Kaffee trinken?", habe sie heiter gesagt, erinnert sich ihr Ehemann Horst Herbert*. "Sie war wieder da, die Stromstöße haben sie zurückgeholt."

Eine Erfolgsgeschichte, wie es so manche gibt. Und doch: Die Elektrokonvulsionstherapie (kurz: EKT) ist wohl eine der umstrittensten Methoden in der Psychiatrie.

Kaum ein anderes Behandlungsverfahren wird von so vielen Mythen und Horrorgeschichten umrankt. In Filmen, Büchern und historischen Berichten wird die EKT häufig als Folterinstrument dargestellt, als Strafmaßnahme oder Mittel, um Menschen zum Schweigen zu bringen.

Mit der heutigen Realität in westlichen Ländern haben diese Beschreibungen nichts mehr gemeinsam. Entgegen den brutalen Bildern aus Filmen mutet die Behandlung heute eher sanft an. Einer Studie zufolge bieten etwas mehr als 40 Prozent der Psychiatrien in Deutschland die Methode an. Sie wird vor allem Menschen mit Depression vorgeschlagen, denen trotz mehrerer Therapieversuche auf anderem Wege nicht geholfen werden konnte. Auch für depressive Patienten mit psychotischen Symptomen ist die Methode einsetzbar. Für viele ist es die letzte Option, ein Hoffnungsschimmer.

Die Patienten gehen freiwillig in die Behandlung, sie unterzeichnen vorab eine Einverständniserklärung. Wenn sie dazu nicht in der Lage sind und die EKT aus Sicht der Behandelnden eine sinnvolle Option ist, kann der gesetzliche Vormund - so wie bei Inge Herbert - unter bestimmten Bedingungen entscheiden.

Bei der Maßnahme müssen die Patienten liegen, ihnen werden zwei Elektroden an den Kopf geklebt. Um die Herz-Kreislauf-Funktion zu überwachen, werden Elektroden auf dem Brustkorb sowie eine Blutdruckmanschette oberhalb des Ellenbogengelenks angelegt. Ein Narkosemittel und ein Medikament zur Muskelentspannung werden gespritzt, weshalb es notwendig ist, die Patienten zu beatmen. Zur Überwachung der Atmung bekommen sie einen Fingersensor und zur Sicherheit noch einen Zahnschutz. Erst wenn die Patienten nicht mehr wach sind, schalten die Mediziner den Strom für wenige Sekunden ein. Im Gehirn wird dadurch ein Krampfanfall ausgelöst. Wenige Minuten später wachen sie auf.

Sieben von zehn Patienten haben nach der Therapie deutlich weniger seelische Beschwerden, zeigt eine deutsche Untersuchung von 2014. Dem renommierten Royal College of Psychiatrists zufolge ist die EKT "die effektivste Behandlung für schwere Depressionen".

Die Schattenseiten der EKT

Dass die Behandlung wirkt, bestreiten auch Kritiker nicht. Ob die Therapie aber verhältnismäßig sei und nachhaltig wirke, sei noch nicht abschließend geklärt. "Die Rückfallquoten nach erfolgreicher Akutbehandlung sind leider noch zu hoch", sagt der Psychiater David Zilles von der Universitätsmedizin Göttingen, wo auch Inge Herbert in Behandlung war. Akut wirke die EKT sehr gut: "Während mitunter viele Monate Psychotherapie und zig Versuche mit Medikamenten ohne Erfolg bleiben, kann die EKT in vielen Fällen schon in wenigen Tagen bis Wochen die Beschwerden vermindern", so Zilles. Aber auf lange Zeit zeige die Methode nicht bei allen Patienten die gewünschte Wirkung. Mehr als jeder Dritte erleide Studien zufolge innerhalb eines Jahres wieder eine Depression.

Hinzu kommt: Etwa jeder Dritte hat in den Tagen nach der EKT Kopfschmerzen, andere fühlen sich von der Narkose benommen. Sieben von zehn Patienten beklagen Gedächtnisstörungen. Eine Studie von Medizinern aus den USA legt das ebenfalls nahe. Die Ärzte untersuchten die Gedächtnisleistungen von 347 EKT-Patienten vor und nach der Behandlung. Die Mehrheit büßte in den Tagen direkt nach der Behandlung an Erinnerungsvermögen ein. Aber nach sechs Monaten waren die Gedächtnisprobleme zumeist passé - mitunter wiesen die Patienten sogar bessere Denk- und Merkfähigkeiten auf. Denn eine Depression beeinträchtigt auch das Denkvermögen stark.

Ein Psychologen-Duo aus Neuseeland und Großbritannien hält die EKT sogar für gefährlich, weil wiederholt Todesfälle auftraten. "Der sehr kurze Erfolg, den eine kleine Minderheit erfährt, rechtfertigt nicht die Risiken, denen die EKT-Patienten ausgesetzt werden", schreiben sie. Ob die Todesfälle, die die Psychologen in einer Übersichtstudie von 2010 auflisten, in einem kausalen Zusammenhang standen, die EKT also tatsächlich zum Tod geführt hat, prüfen sie allerdings nicht.

Die Bundesärztekammer urteilte in einer Stellungnahme zur EKT ganz anders: "Die lege artis durchgeführte EKT ist eines der sichersten Behandlungsverfahren in Narkose überhaupt. Die Risiken der Behandlung sind im Wesentlichen die Risiken der Narkose." Zilles zufolge sind das zwei bis zehn Todesfälle auf 100.000 Patienten. "Wir behandeln täglich vier bis fünf Patienten mit der EKT, allein 2015 waren das mehr als tausend EKT-Sitzungen pro Jahr", so Zilles. "In den vergangenen zehn Jahren gab es bei uns keinen einzigen Todesfall wegen der Behandlung."

Für Inge Herbert war die EKT die Rettung - aber auch sie kennt die Schattenseiten. In den vergangenen drei Jahren war sie anfangs zweimal pro Woche, später alle zwei Wochen, zuletzt viermal im Jahr in Behandlung. Danach hatte sie oft Kopfschmerzen und Muskelkater.

Auch ihr Gedächtnis leidet. "Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, kann es sein, dass ich jemanden nicht wiedererkenne", sagt sie. Schlimm findet sie das nicht. "Ich bin so froh, dass ich ins normale Leben zurückgekehrt bin", sagt die heute 67-Jährige. "Wer weiß, wo ich heute ohne diese Behandlung wäre. Vermutlich im Heim."

Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weitverbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 5 bis 12 Prozent der Männer sowie 10 bis 25 Prozent der Frauen im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für einen Großteil der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist für Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich beispielsweise Hilfe bei einem Arzt, Psychiater, Psychologen oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Bielefeld. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind, und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Webseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst zu einer Depression neigt, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

* Name geändert



insgesamt 12 Beiträge
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loeweneule 26.09.2016
1. Sonnenaufgang
Persönliche Erfahrung mit der EKT: Bereits nach der ersten Anwendung ging bei mir die Sonne wieder auf nach über eiem Jahr innerer Dunkelheit und einem Suizidversuch. Dass ich generell ein depressiver Mensch bin, daran hat sich nichts geändert, aber in so ein tiefes Loch wie damals (sieben Jahre her) bin ich nie wieder gefallen.
Böses Auto 26.09.2016
2. Die kritische Studie
https://www.power2u.org/downloads/1012-ReadBentallECT.pdf
JaGenau 26.09.2016
3. Naja...Gibt denke ich bessere Methoden
Ich würde es lieber mit Meditation probieren anstatt mich Clockwork Orange Style brutzeln zu lassen...Da schwinge ich mich bewusst auf der gewünschten Frequenz ein.
Böses Auto 26.09.2016
4. Die Wahnvorstellungen der Psychiater
Faszinierend. Die Psychiatrie erfindet irgendwelche vagen Diagnosen, die aufgrund von einer menge verschiedenster Symptome gestellt werden und da sie so vage sind, sich auch jederzeit ändern und neu gestellt werden können. Dann erfinden sie durch frisierte Studien Psychopharmaka (z.B. "Anti-Deptressiva"), deren Wirksamkeit teilweise nur marginal besser als Placebo sind, die Aufgrund der Nebenwirkungen aber bei Langzeitanwendung eher zur Verschlechterung beitragen. Dies wird dann als gleich noch Beweis genommen, dass der Patient an einen lebenslangen Krankheit leidet (am besten mit der phantasierten "Hirnstoffwechselstörung" begründet). Wenn dann also diese wenig wirksamen und auf Dauer krankmachenden Medikamente keine Besserung bringen, bezeichnet der Psychiater das einfach als "Treatment Resistant" und schlägt EKT-Voodoo vor. Sie wissen zwar nicht wie es wirkt, aber alle glauben so dolle dran, dass es am Ende gar nicht anders kann, als wirken muss. Die neuronale Langzeitschäden werden schön wegrelativiert und für den Spiegel schreibende Psychologinnen machen kostenlose Werbung für der Kaste der Ahnungslosen. http://www.ingentaconnect.com/contentone/springer/ehpp/2016/00000018/00000001/art00007
Mmk51 26.09.2016
5. Keine Urteile bilden
@Böses Auto. Wie kommen Sie zu Ihren Urteilen. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann sich wohl kaum ein Urteil darüber bilden. Und wer es erlebt hat, dass so etwas hilft, wo man selbst keinen Weg mehr gesehen hat, wird von Menschen wie Ihnen als Scheinkrank hingestellt. Vielleicht gibt es eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht einfach erklärbar sind und doch sind. Und merke: Es wird niemand zu einer solchen Behandlung gezwungen.
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