Fund im Fußball-EM-Hotel Spritzen und Schmerzmittel im Müllbeutel

Welche Medikamente bekommen Fußballprofis bei der EM? Ein vom Team der Ukraine im Hotel zurückgelassener Müllbeutel erlaubt Einblicke in die Behandlungspraxis.

Funde im Müll vor dem Hotel der Ukraine
CORRECTIV/ Jannik Jürgens

Funde im Müll vor dem Hotel der Ukraine


Fußball und Doping? Ob die hochbezahlten Profis zu hundert Prozent sauber sind, ist immer wieder Gegenstand der Debatte. Glasklare Beweise für systematisches Doping im Fußball gibt es bislang nicht.

Nun haben Journalisten des Recherchekollektivs Correctiv Müllsäcke aus einem EM-Quartier in Frankreich durchsucht. Die Säcke standen neben dem Mannschaftshotel der Ukraine in Aix-en-Provence. Am 21. Juni hatte das ukrainische Team sein letztes Spiel der EM-Gruppenphase gegen Polen verloren und war danach abgereist. Einen Tag später stellten Hotelangestellte den Müll zur Abholung auf die Straße.

Man habe im Müll benutzte Spritzen, Medikamentenpackungen und kleine Ampullen gefunden, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit, berichten die Journalisten von Correctiv. Die Medikamente seien kyrillisch bedruckt, auf Russisch und Ukrainisch. Außerdem steckten in den Abfällen eine blaue Kapitänsbinde der Uefa, ein Aufwärmshirt, eine Liste mit der Zimmerbelegung der ukrainischen Spieler und mehrere leere Flaschen Schnaps.

Bunter Strauß von Arzneien

Verbotene Dopingsubstanzen, habe man nicht entdeckt, betonen die Journalisten. Dafür aber einen bunten Strauß von Schmerzmitteln, Infusionslösungen, Vitaminen und Mineralien. Somit gewährt der Fund einen Einblick in die Behandlungspraxis der Mediziner bei Fußballprofis. Auf dem von Correctiv veröffentlichten Foto (s. oben) zu sehen sind unter anderem:

Diclofenac: ein Schmerzmittel, das Entzündungen hemmt und Fieber senkt. Eingesetzt wird es daher etwa bei Rheuma, Arthrose und bei Fieber. Weil die Arznei ein bestimmtes Enzym hemmt, das auch im Verdauungstrakt vorkommt, sind insbesondere Magen- und Darmgeschwüre bei längerer Anwendung die gefährlichsten Nebenwirkungen. Dadurch kann es zu schweren Blutungen kommen. In geringeren Dosierungen ist Diclofenac in Deutschland rezeptfrei erhältlich.

Der offenbar exzessive Einsatz von Schmerzmitteln bei Fußballern wird von Medizinern immer wieder kritisiert. Wer seine Schmerzen häufig durch Medikamente unterdrückt, kann die Grenze seiner körperlichen Leistungsfähigkeit natürlich verschieben. Unter die Definition Doping fällt diese Art der Leistungsänderung aber nicht.

Cyanocobalamin: ein Vitamin-B-12-Präparat. Im menschlichen Körper dient die Substanz der Blutbildung und dem Abbau von Fettsäuren. Normalerweise nimmt der Mensch genug Vitamin-B-12 mit der Nahrung (Fisch, Fleisch, Milchprodukte) auf. Auch zu sehen ist ein weiteres Vitaminpräparat, vermutlich Vitamin E, das auch Zellschutzvitamin genannt wird.

Magnesiumsulfat: wirkt als Abführmittel. Kurzfristig kann es zu starken Bauchschmerzen und langfristig zu Elektrolytstörungen führen. Gegen Muskelkrämpfe nehmen viele Menschen Magnesium ein.

Glukoseinfusionen: füllen die Energiespeicher im Körper auf. Man gibt sie normalerweise unterzuckerten Ausdauersportlern, etwa nach einem Triathlon oder einer langen Bergetappe im Radsport. Eine Infusion vor der Belastung kann auch den Zeitpunkt der Erschöpfung herauszögern.

Die Correctiv-Journalisten haben auch an vier anderen Teamhotels recherchiert. An den Quartieren der Schweizer Mannschaft und der Isländer fanden sie keine Medikamente im Müll. Die Abfallcontainer der Italiener und der deutschen Mannschaft seien nicht zugänglich gewesen.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Glukoseinfusionen dienten dem Ausgleich des Wasserhaushalts bei starkem Flüssigkeitsverlust. Hauptsächlich geht es dabei jedoch ums Auffüllen der Zuckerspeicher im Körper.

hda/hei

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