Weichmacher, Imprägniermittel, Pestizide Wenn Chemikalien den Hormonhaushalt stören

Sie machen Textilien atmungsaktiv, Plastik flexibel, sorgen dafür, dass in der Pfanne nichts haftet - und im Körper wirken sie auf das Hormonsystem. Ein Überblick über eine gefährliche Gruppe von Chemikalien, die endokrinen Disruptoren.
Babyfläschchen: Weichmacher im Kunststoff können gesundheitsschädlich sein

Babyfläschchen: Weichmacher im Kunststoff können gesundheitsschädlich sein

Foto: FRED DUFOUR/ AFP

Wann müssen schädliche Chemikalien komplett vom Markt verschwinden, wann reicht es, ihren Einsatz strengen Regeln zu unterwerfen? Darüber werden in der EU derzeit Machtkämpfe geführt, wobei sich zeigt, wie groß der Einfluss der Industrielobby ist.

Konkret geht es um die sogenannten endokrinen Disruptoren. Was hat es mit diesen Stoffen auf sich?

Endokrine Disruptoren - was bedeutet das genau?

So bezeichnet werden Substanzen, die nicht vom Körper selbst produziert wurden und auf negative Weise ins Hormonsystem eingreifen. Die Stoffe können Menschen oder Tiere Schaden zufügen, ihre Nachkommen schädigen oder auch ganze Bestände negativ beeinflussen.

Endokrine Disruptoren können auf unterschiedliche Weise im Körper aktiv sein: Manche verhalten sich ähnlich wie ein Hormon, sodass dessen Effekt zur falschen Zeit oder in zu großem Ausmaß ausgelöst wird. Sie können die Wirkung der körpereigenen Stoffe aber auch blockieren oder auf anderem Wege die Menge der natürlich produzierten Hormone verändern.

Besonders gefährlich sind diese Substanzen, wenn sie während der Schwangerschaft die Entwicklung des ungeborenen Kindes beeinträchtigen.

Welche Gesundheitsprobleme können die Substanzen auslösen?

Endokrine Disruptoren werden laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation  mit einer großen Reihe von Krankheiten in Verbindung gebracht. Dazu zählen Brustkrebs, Diabetes, Asthma, Alzheimer, Parkinson, ADHS und Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich deuten Studien darauf hin, dass sie Übergewicht und Bluthochdruck begünstigen sowie ein früheres Einsetzen der Pubertät auslösen können.

Diverse Probleme, die mit Störungen des Hormonhaushalts zusammenhängen, treten heute in vielen Ländern häufiger auf als früher, schreibt die WHO. Dazu zählen laut dem Bericht schlechte Samenqualität bei Männern, Fehlbildungen an den Geschlechtsorganen bei neugeborenen Jungen, hormonabhängige Krebsformen und Fehl- oder Frühgeburten. Ob der vermehrte Einsatz der Chemikalien dies verursacht, ist allerdings nicht belegt - und auch nicht leicht nachzuweisen.

Dazu kommen die negativen Effekte, die die Substanzen auf Wildtiere haben können. Für Fische können etwa die in Antibabypillen enthaltenen, von Frauen mit dem Urin ausgeschiedenen und in Kläranlagen nicht herausgefilterten Hormone verheerend sein: indem sie dafür sorgen, dass Bestände verweiblichen.

Welche Stoffe zählen dazu?

Diskutiert wird in diesem Zusammenhang vor allem über Chemikalien, die als Weichmacher, Flammschutzmittel oder auch als Pestizid eingesetzt werden. Dazu zählen bereits verbotene Substanzen, zum Beispiel das Insektizid DDT oder die polychlorierten Biphenyle, die als Weichmacher beliebt waren, ehe ihre schädlichen Auswirkungen erkannt wurden.

Über den Einsatz weiterer Substanzen, wie etwa Bisphenol A, wird seit Jahren heftig gestritten.

Doch auch natürliche Stoffe können endokrine Disruptoren sein. Die in Soja vorkommenden Phytohormone  zum Beispiel können nicht nur positive Auswirkungen haben, sondern auch negative.

Über wie viele Substanzen redet man?

Im WHO-Bericht zum Thema heißt es, bei knapp 800 Chemikalien ist bekannt oder wird zumindest angenommen, dass sie den Hormonhaushalt beeinflussen. Doch nur bei einem kleinen Teil davon wurde bisher erforscht, welche Effekte sie haben. Für die meisten Substanzen fehlen diese Daten bisher.

Warum verbietet man nicht einfach alle diese Substanzen?

Ein aktuelles Beispiel zeigt, welche Schwierigkeiten sich auftun können. Es geht um sogenannte poly- und perfluorierte Chemikalien, die auch als perfluorierte Tenside bezeichnet werden. Sie haben als Material einige praktische Eigenschaften und werden deshalb vielfältig eingesetzt: unter anderem als Imprägniermittel für wasserabweisende, atmungsaktive Jacken, als Teil von Pfannen-Beschichtungen, als Zutat von Möbelpolituren, von schmutz- und wasserabweisendem Papier und auch in Feuerlöschschäumen.

In der Natur kommen diese Stoffe nicht vor. Weil sie biologisch schwer abbaubar sind, reichern sie sich dort jedoch an und sind inzwischen fast überall nachweisbar: im Trinkwasser, in Lebensmitteln, in Blutproben von Mensch und Tier. Unter anderem hat eine kürzlich von dänischen Forschern veröffentlichte Untersuchung  gezeigt, dass Schwangere mit einem höheren Spiegel bestimmter perfluorierte Chemikalien im Blut ein größeres Risiko haben, eine Fehlgeburt zu erleiden.

Einige dieser Substanzen sind bereits verboten worden. Als Ersatz dienten oft andere perfluorierte Tenside - die zum Teil noch schädlicher sein könnten als ihre Vorgänger, wie Forscher betonen. Im "Madrid Statement"  fordern Wissenschaftler jetzt, die Nutzung der gesamten Substanzgruppe einzuschränken und sicherere, nicht-fluorierte Alternativen zu entwickeln.

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