Blinddarm-OP Muss der Wurmfortsatz immer raus?

Entzündet sich der Blinddarm akut, wird der Wurmfortsatz meist entfernt. In leichteren Fällen reichen Antibiotika und Bettruhe. Die Diagnostik ist nicht immer einfach - gerade bei Kindern.
Bauchschmerzen: Nicht in jedem Alter ist die Therapie gleich

Bauchschmerzen: Nicht in jedem Alter ist die Therapie gleich

Foto: Corbis

Spätestens seit der Verfilmung von Noah Gordons Roman "Der Medicus" wissen wir, dass ein entzündeter Blinddarm einst einem Todesurteil gleichkam. Niemand konnte den Betroffenen helfen. Heute geht es glücklicherweise nur noch um die Frage der optimalen Therapie: Muss operiert werden oder kann dem Patienten mit Medikamenten geholfen werden? Diese Entscheidung hängt stark vom Alter des Erkrankten ab.

Der Wurmfortsatz, von Medizinern Appendix genannt, ist das Anhängsel des Blinddarms. Er ist ein dünner, rund zehn Zentimeter langer Schlauch. Seine einzige Öffnung verbindet ihn mit dem Blinddarm. Ist die Verbindung verstopft, stauen sich Sekrete im Wurmfortsatz. Aus dem Dickdarm stammende Bakterien können sich so vermehren und eine Entzündung hervorrufen, auch Appendizitis genannt. Die Verstopfung wird meist durch Kotsteine ausgelöst - verhärteten, stark eingedickten Stuhl.

Ursache genau abklären

"Beim einem Erwachsenen muss mit bildgebenden Maßnahmen, Anamnese und Laboruntersuchungen zunächst eine genaue Diagnostik erfolgen, um das Ausmaß der Entzündung einschätzen zu können", sagt Wolfgang Thasler, Chirurg am Klinikum Großhadern der LMU München. Bis vor Kurzem sei beim Erwachsenen die Entfernung des entzündeten Wurmfortsatzes die bevorzugte Option gewesen. Es sei denn, die Situation war unklar oder jemand konnte nicht operiert werden.

Handelt es sich um eine akute Appendizitis, "dann wird operiert", sagt auch Jakob Izbicki vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Besteht dagegen nur ein leichter Anflug einer Entzündung, dann kann man es erst einmal mit Antibiotika und Bettruhe versuchen", erklärt der Direktor der Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Visceral- und Thoraxchirurgie. Mitunter führe eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung zu ähnlichen Symptomen wie ein entzündeter Wurmfortsatz. Es könne sein, dass der Wurmfortsatz aufgrund der lokalen Nähe dann ebenfalls entzündet ist, so Izbicki.

Komplexe Diagnose bei Kindern

Bei einem Kind ist die Diagnose einer Entzündung deutlich schwieriger. Oft lässt sich nicht eindeutig erkennen, woher die Bauchschmerzen stammen. Ihm wird möglicherweise übel, es kann Fieber haben. Erst schmerzt der Bereich über dem Nabel, ein paar Stunden später verlagern sich die Beschwerden in den rechten Unterbauch.

"Je jünger die Kinder sind, desto untypischer ist häufig die Symptomatik. Und desto fortgeschrittener ist dann die Entzündung, wenn sie in die Klinik eingeliefert werden", berichtet Bernd Tillig. Er ist Direktor der Klinik für Kinderchirurgie vom Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin.

Häufig stünde bei Klein- und Vorschulkindern der Wurmfortsatz bereits vor dem Durchbruch, eitriges Sekret droht dann, in die Bauchhöhle zu gelangen. Oft sei die Entzündung des Bauchfells schon fortgeschritten. Blutvergiftungen, Verwachsungen im Bauchraum und Störungen der Darmfunktion zählen zu den möglichen Komplikationen. Bestätigt sich der Verdacht auf eine akute Appendizitis, wird der Wurmfortsatz bei einer Bauchspiegelung minimalinvasiv entfernt.

Fehlender Schmerz ist nicht immer ein gutes Zeichen

Operationen sollten laut Tillig aber nur erfolgen, wenn sie wirklich sein müssen. Der Wurmfortsatz spielt eine wichtige Rolle im Immunsystem. Das unscheinbare Blinddarm-Anhängsel beherbergt Zellen des Lymphsystems und ist damit Teil der Körperabwehr. Zudem ist er Rückzugsgebiet für nützliche Darmbakterien.

"Da Bauchschmerzen bei Kindern vielerlei Ursachen haben können, muss zunächst genauestens mit Ultraschall untersucht werden", sagt der Berliner Kinderchirurg. Bei älteren Kindern schreite die Krankheit nicht so schnell voran wie bei den jüngeren und es ließe sich eher therapeutisch eingreifen. "Dann ist allerdings eine längere Antibiotikabehandlung nötig, was ebenfalls gesundheitsschädliche Folgen haben kann", sagt Tillig.

Zudem kann es sein, dass die Ursache für die Entzündung des Blinddarms auch nach Entfernen des Appendix nicht beseitigt ist. "Mitunter kommen die Kinder nach einer gewissen Zeit wieder, weil die zunächst unerkannten ursächlichen Kotsteine noch da sind", so Tillig.

Anders als bei Erwachsenen könne man dies aber nicht im Vorfeld per Computertomografie abklären. Die Untersuchung ist mit einer Strahlenbelastung für Keimdrüsen und Eierstöcken verbunden, für Kinder kommt sie nicht infrage. "Dadurch haben wir bei Kindern nicht die Möglichkeit, so präzise wie bei Erwachsenen festzustellen, in welchem Stadium sich die Appendizitis befindet", sagt Tillig.

Deshalb sei für die Behandlung von Kindern spezielle Expertise nötig. Es sei daher nicht nachvollziehbar, dass rund die Hälfte aller Operationen bei Kindern von Erwachsenenchirurgen durchgeführt würden. "Es ist wichtig, dass möglichst Kinderchirurgen zumindest bei Kindern unter 13 Jahren den Eingriff durchführen", fordert Tillig. Wenn möglich, sollte ein Kinderarzt in die Diagnostik mit einbezogen werden.

Zur Autorin

Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.