Erinnerungshelfer für Medikamente Morgens, mittags, abends

Damit Medikamente wirken können, müssen sie regelmäßig eingenommen werden. Doch im Alltag vergessen viele Patienten ihre Tabletten. Findige Hersteller bieten Erinnerungshelfer an.

Corbis

"Wie oft soll ich die Tabletten einnehmen?", ist eine Standardfrage in Arztpraxen. Motiviert geht der Patient nach Hause und denkt im besten Fall tatsächlich an die regelmäßige Einnahme der Arznei. Doch vergisst er sie, gefährdet das den Behandlungserfolg.

Wie lässt sich sicherstellen, dass Medikamente regelmäßig eingenommen werden? Wenn die Wirkstoffdosis ausbleibt, drohen deutliche, mitunter lebensbedrohliche Reaktionen des Körpers.

Der US-Hersteller Merck Inc. geht von jährlich 125.000 Herz-Kreislauf-Patienten aus, die in den USA deswegen sterben, weil sie die verschriebene Therapie nicht wie angegeben umsetzten. Das Unternehmen argumentiert auch mit Kosten, die dadurch entstünden: "Bis zu 23 Prozent der Kosten für Pflegeheime und zehn Prozent derer für Krankenhausaufenthalte, Arztbesuche, Diagnosetests und unnötige Behandlungen ließen sich vermeiden, wenn die Patienten ihre Medikamente wie vorgesehen einnehmen würden."

Bei der Weltgesundheitsorganisation WHO ist man sich des Problems bewusst. Die WHO stellte bereits 2010 fest: "Die Hälfte aller Patienten nimmt ihre Medikamente nicht korrekt ein."

Therapiestudie mit deutschen Patienten

Auch in Deutschland beschäftigt man sich mit dem Problem der "Non-Compliance". So nennen Fachleute das Problem, das die von Ärzten empfohlene Therapie vom Patienten nicht umgesetzt wird. Die gravierenden Folgen für Patienten und das Gesundheitssystem untersucht eine aktuelle Studie mit dem Namen "Pharmacy-Based Interdisciplinary Program for Patients with Chronic Heart Failure", kurz Pharm-CHF. Seit Oktober 2012 nehmen daran deutschlandweit 2060 Patienten über 65 Jahren in 300 Arztpraxen und ebenso vielen Apotheken teil. Organisiert wird die Studie von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände und der Universität des Saarlandes.

Bei Pharm-CHF soll die sogenannte Therapietreue von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz verbessert werden. Die Forscher fragen, "ob die Verbesserung der Medikamenteneinnahme Arzneimittelrisiken, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle vermindern kann". Weltweit ist das die erste Studie "die den Effekt einer regelmäßigen Maßnahme zur Verbesserung der Einnahmetreue untersucht". Die teilnehmenden Patienten erhalten wöchentliche Dosierhilfen, Besuche und werden regelmäßig angerufen. Ergebnisse gibt es frühestens 2015.

Apps und SMS bevorzugt

In den USA setzt man auf technische Lösungen des Problems. So existieren kostenlose Apps wie "Healow" (iTunes, Google Play) oder "Virtual Pillbox" (iTunes, Google Play), die sich zum zuvor festgelegten Zeitpunkt in bis zu acht unterschiedlichen Sprachen beim Patienten melden.

Als Zusatzservice rufen Praxismitarbeiter die Patienten an und erinnern an die pünktliche Medikamenteneinnahme. Oder die Praxis schickt Text- und Spracherinnerungen auf das Mobiltelefon, wenn es Zeit für die Tabletten ist. Die Kosten für den Service übernimmt der Arzt.

Noch mehr Gedanken hat man sich beim "Medisafe Project" gemacht. Antwortet der Patient hier nicht auf die an ihn gesendete Nachricht, so wird ein Angehöriger darüber automatisch informiert und kann nachhaken.

Für 80 US-Dollar bietet die Firma Vitality ihre GlowCap an. Diese schraubt man auf die jeweilige Medikamentenflasche oder Tablettenbox. Die Kappe leuchtet auf, wenn es Zeit für die Arzneimittel ist, ein Alarmton lässt sich einstellen. Aktiviert wird die Kappe über W-Lan.

Das Angebot von Proteus Digital Health klingt wie Science-Fiction, ist aber seit 2012 auf dem Markt. Der Ingestible Event Monitor ist ein Sensor, den der Patient verschluckt. Das Gerät teilt per Funk aus dem Magen heraus mit, wenn die Medikamente tatsächlich eingenommen wurden. Auf der Haut empfängt eine Antenne in Pflasterform das Signal. Vorstellbar wäre, dass solche Sensoren die Information irgendwann über das Mobiltelefon direkt in die Arztpraxis schicken. So ließe sich der Kreis von der Therapieempfehlung bis zur Einnahmekontrolle schließen.

insgesamt 9 Beiträge
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chalchiuhtlicue 25.08.2013
1. optional
Ja, nee, schon klar, die Kosten für das Personal, das vergessliche Patienten telefonisch an ihre Medikamenteneinnahme erinnert, würde bei uns mit Sicherheit kein Arzt übernehmen. Nicht bei den deutschen Lohn(neben)kosten! Und warum sollten sie auch? Es sollte des Patienten ureigenstes Interesse sein, seine Medikamente richtig einzunehmen.
Munku 25.08.2013
2. Warum ein Call-Center, wenn es auch ein Wecker tut
Anstatt jeden Tag dreimal vom Betreuer angerufen zu werden, ob man auch ja schon seine Tabletten eingenommen hat (wer sagt eigentlich, ob die Patienten ehrlich sind ?), kann man sich für solche wiederkehrenden Erinnerungen auch einfach einen Wecker stellen.
spmc-133840813317447 26.08.2013
3. Hilfe von rechtsoben
Könnte das nicht die NSA ubernehmen mit der Überwachung der Einnahme, das würde die Akzeptanz in der Bevölkerung für Überwachungsmaßnahmen erhöhen und die exorbitanten Kosten der Weltüberwachung auch nützlichen Dingen zuführen. Es gibt bestimmt auch andere Bereiche in denen es wichtig ist dass jemand zuhört und an Dinge denkt. Ich Denke hier an Politiker und Ihre Wahlversprechen oder sonstige demenzkranke, oder auch der ordinäre Ehestreit. Auch hier ließe sich nun endlich nachvollziehen wer wann was gesagt hat und in welchem Zusammenhang. Sonde im Bauch ist auch eine tolle Idee. Die könnte nicht nur Pillen zählen, sondern auch sonst alles was man so zu sich nimmt. Das Gerät wieder vernetzt mit Big Brother und nach dem dritten Bier erscheint eine Meldung auf dem Smartphone, das ab nun Autofahrten nicht mehr möglich ist, oder die tägliche Von der AOK empfohlene Kalorienzahl überschritten ist. Da gewinnt die Redewendung aus dem Bauch heraus entscheiden einen ganz neuen Sinn. SCHÖNEN TAG NOCH
peter_schlemihl 26.08.2013
4. Ach Gottchen, die Lohnnebenkosten....
Mir kommen die Tränen. Die armen deutschen Ärzte. Nagen alle am Hungertuch und können sich nicht mehr jedes Jahr ihren neuen SUV leisten sondern nur noch alle zwei Jahre. Arzthelferinnen sind die mit am schlechtest bezahlten Arbeitnehmer in D.
leonhardt221066 26.08.2013
5. Big Brother im Bauch
genau, und wer seine Pillen nicht brav nimmt bekommt eine Abmahnung von der AOK. Gehts noch?
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