Mythos oder Medizin Wird man krank, wenn man zu dünn angezogen ist?

"Zieh dich warm an, sonst erkältest du dich", warnt Oma bei jeder Gelegenheit. Kälte bringt Erkältungen, das leuchtet ein. Doch die Wissenschaft zeigt, dass der Zusammenhang nicht so eindeutig ist.
Schnäuzer ins Taschentuch: Führt Kälte zu Erkältungen?

Schnäuzer ins Taschentuch: Führt Kälte zu Erkältungen?

Foto: Corbis

Schon der Name deutet darauf hin, dass eine Erkältung etwas mit Kälte zu tun haben könnte - und das gleich in mehreren Sprachen. Im Englischen sagt man "cold", im Spanischen "resfriado" ("tener frío" heißt frieren) und "verkoudheid" in den Niederlanden. Kein Wunder, dass sich der Spruch "Zieh dich warm an, sonst erkältest du dich" in den Sprachgebrauch eingebrannt hat. Kälte gleich Erkältung - so einfach ist es dann aber doch nicht.

Fest steht: Niedrige Temperaturen können dem Körper gehörig zusetzen. Bei einer zu geringen Körpertemperatur arbeiten Zellen, Gewebe und Organe nicht mehr in normaler Geschwindigkeit und Qualität. Das schwächt den Körper.

Normalerweise beträgt die Temperatur in unserem Inneren etwa 37 Grad Celsius. Gesteuert wird sie von der Temperaturzentrale im Gehirn, die den Ist-Wert im gesamten Körper erfasst und regelt: Ist uns zu warm, weiten sich die Gefäße, sodass die Wärme an die Körperoberflache strömt und über die Haut abgegeben werden kann. Wird es kalt, ziehen sich die Gefäße zusammen, um die Wärme zu speichern. Das oberste Ziel der Regelzentrale ist dann, die Temperatur im Inneren des Körpers so lange wie möglich aufrechtzuerhalten und damit Herz und Lunge bestmöglich zu schützen.

Organismus auf Sparflamme

Sinkt die Körpertemperatur dennoch, lassen die Funktionen des Körpers allmählich nach. Muskeln werden steif, die Durchblutung wird schlechter, die Kommunikation zwischen Zellen und Organen friert regelrecht ein. Wie sich das auf das Immunsystem auswirkt, zeigt eine kuriose Behandlungsmethode bei einem Herzstillstand . Um Hirnschäden zu vermeiden, kühlen Mediziner die Körper der Patienten auf 34 bis 32 Grad Celsius herunter. Eine Auswertung von Studien zu der Kältetherapie hat gezeigt, dass sich solche Patienten häufiger eine Lungenentzündung einfangen als solche, die nach der Reanimation ihre natürliche Körpertemperatur behalten.

Direkt übertragen auf die winterliche Kälte vor der Haustür lässt sich das allerdings nicht. "Dass eine leichte Unterkühlung durch unzureichende Kleidung die Ansteckungsgefahr erhöht, ist nicht nachgewiesen", sagt Walter Haas von der Abteilung für Infektionsepidemiologie am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Entscheidend sei, ob man mit Krankheitserregern in Berührung kommt. Im Fall einer Erkältung handelt es sich dabei typischerweise um Rhinoviren. "Sie sind von Oktober bis April besonders häufig", so Haas. Der Grund dafür: Im Herbst und Winter überstehen die Viren längere Zeiten ohne einen Wirt, mehr Menschen erkranken, die wiederum andere anstecken.

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Zusätzlich in die Karten spielt den Viren unser Verhalten: Im Winter verbringen wir mehr Zeit gemeinsam in geschlossenen Räumen, fahren häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln als mit dem Rad. Durch Heizungsluft trocknen die Schleimhäute in Nase und Rachen aus, sodass die Viren sich bequemer einnisten können. "Die Ansteckungsgefahr ist im Winter insgesamt erhöht", sagt Haas. "Warme Kleidung kann daran nichts ändern." Zu allem Überfluss verändern sich Grippe- und Erkältungsviren schnell, und das Immunsystem hat kaum eine Chance, sich auf sie einzustellen.

Behandlung sinnlos

"Letztlich entscheidet unser gesamter Lebensstil darüber, wie effektiv sich der Körper gegen Erkältungsviren, denen wir im Winter zwangsläufig begegnen, zur Wehr setzen kann", sagt Andreas Gerstner, Chefarzt der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik am Klinikum Braunschweig. Eine Infektion muss nicht zwangsläufig auch zu einer Erkrankung führen. Gesunden empfiehlt Gerstner sogar, bei schlechtem Wetter nach draußen zu gehen und körperlich aktiv zu werden, auch wenn Hände und Füße dabei etwas frieren. Solange die Kleidung die Körpermitte warmhält, droht keine Gefahr.

"Bewegung an der frischen Luft, viel frisches Obst und Gemüse, ausreichend Schlaf und der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten halten den Körper gesund, sodass er sich besser gegen Krankheitserreger wehren kann", so Gerstner. "Es kommt auf das Gesamtpaket an."

Ansonsten hilft nur, Abstand zu Erkälteten zu halten, regelmäßig zu lüften und sich die Hände zu waschen. Medikamente, die die Erkältungsverursacher wirksam bekämpfen, gibt es nicht. Antibiotika können gegen Viren nichts ausrichten, auch wenn sie nach wie vor häufig bei Schnupfen verschrieben werden. Das Wohlbefinden lässt sich dagegen mit Hausmitteln wie Tees oder Dampfbädern verbessern. So oder so dauert eine Erkältung etwa sieben Tage.

Fazit: Warme Kleidung kann Erkältungsviren nicht abhalten. Dagegen senkt ein insgesamt gesunder Lebensstil das Krankheitsrisiko: Neben ausgewogener Ernährung und ausreichend Schlaf können dazu auch ausgiebige Winterspaziergänge beitragen. Anschließend eine Tasse heiße Schokolade - etwas Sünde muss erlaubt sein.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem aktuell erschienenen Buch "Mythos oder Medizin: Brauchen Wunden Luft oder Pflaster? Die spannendsten Fragen und Antworten aus der beliebten Kolumne bei SPIEGEL ONLINE" von Irene Berres und Julia Merlot. Der Artikel wurde für den Online-Auftritt leicht bearbeitet.

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