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03. Oktober 2014, 08:03 Uhr

Mythos oder Medizin

Hilft Zink bei Erkältung?

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Die Nase läuft, der Hals kratzt: Ein Wundermittel gegen Erkältung wünscht sich jeder. Doch in wissenschaftlichen Studien konnte bisher kaum ein Produkt überzeugen. Ist Zink die Ausnahme?

Es ist einfach lästig. Jedes Jahr, wenn sich der Himmel schon um sechs Uhr abends rot verfärbt, wenn die Blätter bunt werden und die Ärmel länger, kann der Großeinkauf beginnen: Taschentücher, in rauen Mengen, möglichst weich. Thymiantee, gemischt mit Kamille und Eukalyptusöl zum Inhalieren. Die Erkältungszeit kommt und mit ihr mehr als hundert verschiedene Viren, die sich in der kühlen, feuchten Luft besonders wohlfühlen.

Auch wenn sich damit sehr viel Geld verdienen ließe - keinem Forscher, keinem Pharmahersteller ist es bisher gelungen, eine schnell heilende Pille gegen Erkältungen zu entwickeln. Viele aber legen deshalb unter anderem Hoffnung in einen Mineralstoff, dessen Wirkung sogar schon in Studien überzeugen konnte: Zink. Wer sich ausgiebiger mit den Untersuchungen beschäftigt, beginnt jedoch auch hier zu zweifeln.

Das Rätseln um Zink und sein Potenzial bei Erkältungen hat seinen Ursprung im Jahr 1984. Damals beobachteten Forscher in der Petrischale, dass der Mineralstoff die Vermehrung häufiger Erkältungserreger, sogenannter Rhinoviren, hemmen kann. Sofort versuchten Wissenschaftler, auch eine Wirkung bei Erkälteten zu belegen - mit gemischten Ergebnissen. Mal half das Zink in den Untersuchungen, mal nicht. So blieb der Forschungsstand unklar und Mediziner und Journalisten hielten sich mit Empfehlungen zurück - bis 2011.

Die Viren starben - und alles andere auch

Damals fassten Forscher des renommierten Cochrane-Instituts alle hochwertigen Studien zum Thema zusammen und kamen zur frohen Botschaft: Zink hilft! Wer innerhalb der ersten 24 Stunden einer Erkältung mindestens 75 Milligramm des Mineralstoffs einnehme, sei durchschnittlich einen Tag kürzer krank und häufiger nach sieben Tagen wieder gesund als jemand, der nur ein Placebo schlucke, so das Fazit. War endlich ein wirksames Erkältungsmittel gefunden?

"Die Untersuchung ist sehr solide, aber sie wirft auch Fragen auf", sagt Stephan Ludwig, Experte der Gesellschaft für Virologie (GfV). Die Ergebnisse der Studien unterscheiden sich noch immer sehr. Hinzu kommt, dass manche der positiven Studien von einem Zinktabletten-Hersteller finanziert wurden. Auch was die Dosierung angeht, ist die Studienlage noch unklar.

"Trotzdem haben die Forscher schon eine Empfehlung ausgesprochen", sagt Ludwig, der als Virologe an der Universität Münster arbeitet und selbst schon mit Zink experimentiert hat: "Auf Anregung eines Herstellers von Zinkpräparaten hin haben wir die Wirkung von Zink in einer Zellkultur mit Grippeviren ausprobiert", erzählt der Experte. "In der empfohlenen Dosierung sind alle Zellen abgestorben. Die Grippeviren haben also nicht überlebt, alles andere aber auch nicht." Da es sich nur um einen Versuch in der Petrischale handelt, will der Virologe das Ergebnis nicht zu hoch hängen. Dennoch zeigt es etwas, das in die Diskussion um die Wirkung von Zink immer einfließen sollte: das Risiko von Nebenwirkungen.

Übelkeit und schlechter Geschmack

Wer eine Lutschtablette mit den empfohlenen Konzentrationen des Mineralstoffs einnimmt, leidet häufig unter Übelkeit und einem schlechten Geschmack im Mund. Ist es wert, das in Kauf zu nehmen, für eine eventuell um einen Tag verkürzte Erkältung? "Also ich persönlich würde es nicht nehmen", sagt Ludwig. Ein anderer Aspekt ist die Prophylaxe: Hier weisen Studien mit Kindern darauf hin, dass die monatelange Einnahme von Zink möglicherweise Erkältungen verhindert - allerdings drohen auch hier Nebenwirkungen.

Wer Zink über einen langen Zeitraum isoliert und konzentriert einnimmt, läuft Gefahr, unter anderem dem Immunsystem zu schaden. Aus diesem Grund rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) grundsätzlich davon ab, Kindern und Jugendlichen Nahrungsergänzungsmittel mit Zink zu geben. Erwachsene sollten demnach täglich auf längere Zeit höchstens 25 Milligramm Zink aufnehmen - das ist ein Drittel der Dosis, bei der das Mineral bei Erkälteten eine Wirkung gezeigt hat.

"Wenn man sich ausgewogen ernährt, ist man ausreichend mit Vitaminen und Spurenelementen versorgt", sagt Ludwig. "Alles, was man isoliert und in großen Konzentrationen aufnimmt, ist in der Regel nicht gut." Kommt die Erkältung trotzdem, bleibt nur noch der Einsatz der bewährten Hausmittel. "Wenn man Schnupfen hat, hat man ihn", sagt Ludwig. "Das ist noch immer so, trotz jahrelanger, vielfältiger Forschung". Inhalieren, Tee und schonende Taschentücher - der Einkauf kann beginnen.

Fazit: Zinktabletten können eine Erkältung zwar möglicherweise verkürzen, aber auch erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringen. Besser ist es, sich gesund zu ernähren, sowie Hustentee und eine Familienpackung Taschentücher bereitzuhalten.

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