Ende für BSE-Tests Britisches Roulette beim Burger-Essen

Die Bilder torkelnder Kühe mit irrem Blick scheinen vergessen: Jahre nach dem letzten BSE-Fall werden in Deutschland jetzt nur noch Milchkühe auf den Erreger getestet. Doch ein Restrisiko beim Fleischessen bleibt.
Rinder: Erst bei achtjährigen Kühen wird künftig auf BSE getestet

Rinder: Erst bei achtjährigen Kühen wird künftig auf BSE getestet

Foto: DPA

Es waren gruselige Fernsehbilder: kranke englische Rinder blicken nervös, aggressiv und schreckhaft in die Kamera, sie halten sich nur unsicher auf den Beinen, manche sind bereits unfähig aufzustehen - Rinderwahn, so wie er in den achtziger und neunziger Jahren in Großbritannien auftauchte. Die im Fachjargon Bovine Spongiforme Enzephalopathie genannte Krankheit, kurz BSE, kann auch für den Menschen gefährlich werden.

Beim Menschen führt der BSE-Erreger zu einer neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), einer schweren, meist tödlichen Nervenkrankheit. Wer sie hat, leidet unter denselben Bewegungsproblemen wie ein BSE-krankes Rind und verdämmert irgendwann in der Demenz. Vor allem junge Menschen, noch keine 30 Jahre alt, erkranken an dieser CJK-Variante (vCJK). Beim Erreger handelt sich um ansteckende Eiweißkörper mit hohem Zerstörungspotential, die BSE-Prionen. Den letzten deutschen BSE-Fall gab es im Jahr 2009, ein vCJK-Fall trat hierzulande gar nicht auf.

Vermutlich ist das die Folge eines Bündels europaweiter Schutzmaßnahmen, so das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Dazu gehört auch der Test auf BSE bei Schlachtrindern. Die EU-Kommission bezahlt bisher die Hälfte der Kosten in Höhe von 20 Euro je Test. Nun hat sie beschlossen, sich das Geld ab März 2013 zu sparen.

BSE-Test nur noch für Milchkühe

Die einzelnen Länder können aber selbst entscheiden, ob sie den Test beibehalten wollen. Tatsächlich nahm die Fallzahl BSE-infizierter Rinder im Laufe der Jahre stetig ab. Das führte dazu, dass das Alter zu testender gesunder Rinder von zunächst 30 Monaten zuerst auf 48 Monate auf heute 72 Monate hochgesetzt wurde. "Die Tiere, bei denen BSE festgestellt wurde, wurden im Laufe der Jahre immer älter. Deshalb konnte man davon ausgehen, dass sie alle geboren wurden, bevor die BSE-Schutzmaßnahmen in Kraft traten. Daher hat man es als sicher angesehen, das Testalter nach oben zu verschieben", erklärt die BSE-Expertin Alexandra Fetsch vom BfR.

Die deutschen Verantwortlichen bleiben dennoch vorsichtig. "In Deutschland wird nach Beschluss des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz weiterhin getestet", so ein Ministeriumssprecher. Allerdings werden fortan nur noch Tiere überprüft, die älter als acht Jahre sind. Damit werden nur noch Milchkühe erfasst.

Mittlerweile steht allerdings fest, dass es neben der klassischen Form auch noch eine vermutlich spontan auftretende BSE-Erkrankung gibt. "Und diese Krankheit tritt, nach dem was wir heute wissen, fast ausnahmslos bei Rindern auf, die älter als acht Jahre sind", so Alexandra Fetsch. "Beim Vergleich der atypischen BSE-Variante mit der klassischen BSE-Form fällt auf, dass sich die Vorgänge im Körper ähneln. Dennoch gibt es Unterschiede zur klassischen BSE." Letztendlich weiß die Wissenschaft noch zu wenig darüber.

Künftig gilt: Vertrauen statt Kontrolle

Bis heute ist unklar, wie BSE entsteht. Die wahrscheinlichste Theorie: Die BSE-Erreger könnten in nicht ausreichend erhitzten und zu Tiermehl verarbeiteten Schafskadavern an die Rinder verfüttert worden sein. Die Schafe litten an Scrapie, einer ebenfalls tödlich verlaufenden Gehirnerkrankung. Die wird offenbar durch den gleichen Erreger wie BSE verursacht und übertragen.

Das Tiermehl wurde im Jahr 2000 verboten, in Deutschland ist es auch nicht mehr erlaubt, tierische Fette zu verfüttern. "Die wichtigste Maßnahme zum Schutz des Verbrauchers ist die im Jahr 2000 eingeführte Entsorgung des sogenannten 'spezifizierten Risikomaterials' gewesen", so BSE-Expertin Fetsch. Dazu zählen alle Gewebe, von denen durch Versuche mit künstlich herbeigeführten Infektionen bekannt ist, dass sie den BSE-Erreger enthalten.

"Da es auch künftig weiterhin EU-weit beseitigt werden muss, müssen wir keine Angst haben, dass mit BSE kontaminiertes Fleisch künftig nach Deutschland gelangt. Es kommt nur sicheres Fleisch auf den Markt", sagt Fetsch. Voraussetzung ist allerdings, dass sich alle Beteiligten an die Vorschriften halten.

Rinder werden für Tests zu jung geschlachtet

Das Rindfleisch, das auf deutschen Tellern landet, stammt meist von höchstens drei Jahre alten Rindern. Bei diesen Rindern hilft allerdings das neue BSE-Testalter von acht Jahren nicht. Zwischen der Ansteckung eines Rindes zumeist schon als Kalb bis zum BSE-Ausbruch vergehen etwa drei Jahre. In dieser Zeit wandern die Erreger vom Verdauungstrakt ins Gehirn der Tiere.

"Wenn sie im Gehirn angekommen sind, verursachen sie eine schwammartige Gehirnerweichung. Aber es dauert dann noch mal Wochen bis Monate bis sich die ersten Symptome zeigen", erzählt Expertin Fetsch. Erst wenn die Tiere sichtbar krank sind, breiten sich die Prionen auch auf das Muskelfleisch aus. Bis erste Symptome auftreten, würde man also bei Jungrindern die Infektion nicht bemerken. "Das ist aber kein Problem, weil sich die BSE-Prionen bis dahin nur in jenen Organen aufhalten, die zum spezifizierten Risikomaterial gehören. Und dieses wird ja entsorgt", so Fetsch.

Allerdings kann niemand garantieren, dass Wissenschaftler nicht in ein paar Jahren auf Erkenntnisse stoßen, die erneut verunsichern, zum Beispiel heute unbekannte Varianten der Krankheit. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es wohl nie geben. Damit müssen Verbraucher leben - oder Vegetarier werden.

Das müssen Sie über BSE wissen
Foto: Corbis

Prionen: Was sind das für Erreger?Wie kann der Mensch sich anstecken?Wie verläuft die Krankheit?

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