Die Wortwahl entscheidet Facebook-Postings können auf Depressionen hinweisen

Mehr Ich-Perspektive, mehr Berichte über körperliche Beschwerden: Menschen mit Depressionen verändern ihre Wortwahl auf Facebook. Das zeigt eine aktuelle Studie.
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Die Facebook-Timeline verrät weit mehr als den Urlaubsort, den Beziehungsstatus oder den Job. Laut einer aktuellen Studie könnten die Beiträge auf der Plattform Hinweise darauf liefern, ob ein Mensch in den folgenden Monaten an einer Depression erkrankt. Demnach unterscheidet sich die Wortwahl depressiver Menschen häufig von der anderer Menschen.

Als Grundlage dienten den Forschern die Daten von 683 Patienten, die aufgrund einer Erkrankung in die Notaufnahme der University of Pennsylvania gekommen waren. Alle Teilnehmer waren damit einverstanden, dass die Forscher neben ihrer Krankenakte auch ihre Facebook-Postings auswerteten. Insgesamt analysierten die Forscher so mehr als 500.000 Beiträge auf der Social-Media-Plattform und brachten sie in Zusammenhang mit der Krankengeschichte.

Mehr Ich-Perspektive, mehr körperliche Beschwerden

114 der 683 Teilnehmer hatten eine diagnostizierte Depression, wie die Forscher im Fachblatt "PNAS" berichten . Ihre Wortwahl unterschied sich in mehreren Punkten von der anderer Patienten:

  • Die Menschen mit Depressionen nutzten der Analyse zufolge vermehrt die Ich-Perspektive. Konkret kamen in ihren Postings häufiger die Worte "ich" und "mich" vor. Das spreche dafür, dass sich die Betroffenen gerade viel mit sich selbst beschäftigten, schreiben die Forscher.
  • In ihren Postings beschrieben sie außerdem vermehrt Merkmale einer depressiven Stimmung, es ging häufiger um Einsamkeit und Traurigkeit. Konkret machte sich das durch Ausdrücke wie "Tränen", "weinen" und "Schmerz", aber auch "vermissen", "verloren" und "allein" bemerkbar.
  • Auch körperliche Beschwerden waren bei Menschen mit Depressionen ein größeres Thema. Konkret zeigte sich das an Begriffen wie "Schmerz", "Kopf", "Krankenhaus", "Operation", "müde" und "krank". Das lasse sich damit erklären, dass Depressionen häufig mit körperlichen Leiden einhergehen, schreiben die Wissenschaftler.
  • Daneben äußerten sich die depressiven Teilnehmer allerdings auch häufiger feindselig, was die Forscher an Begriffen wie "Hass", "Pfui" und "smh" (Abkürzung für "shaking my head", also Kopfschütteln) festmachten.

Die Ergebnisse decken sich mit denen früherer Untersuchungen. Mehrere andere Studien  kamen ebenfalls zum Schluss, dass Menschen mit Depressionen häufiger die Personalpronomen "ich" und "mich" nutzen. Die meisten bisherigen Analysen hatten sich jedoch auf private Texte konzentriert und nicht auf die deutlich öffentlicheren Botschaften in sozialen Medien.

Algorithmus erkannte Teilnehmer mit Depressionen

Mithilfe der Daten programmierten die Forscher außerdem einen Algorithmus, der Depressionen ausschließlich anhand der Facebook-Timeline erkennen sollte. Als Basis dienten die Beiträge aus den sechs Monaten vor der Diagnose. Dabei identifizierte der Computer die Depressionen etwa so gut wie herkömmliche Screening-Selbsttest, schreiben die Forscher.

Werteten die Wissenschaftler hingegen Postings aus, die Betroffene mehr als ein halbes Jahr vor der Diagnose verfasst hatten, erkannte der Computer die Depressionen kaum noch. Dieses Ergebnis spricht dafür, dass die Krankheit die Wortwahl der Betroffenen im Laufe der Zeit tatsächlich verändert hat.

Die Forscher hoffen, mit ihrer Arbeit irgendwann tatsächlich Menschen mit Depressionen helfen zu können. Obwohl die Krankheit sehr häufig ist und sich gut behandeln lässt, bleibt sie oft unerkannt - besonders bei Männern. Vorstellbar sei zum Beispiel, dass die Auswertung der sozialen Medien eine erste Stufe bei der Hausarztbetreuung darstellt, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. Bei einem auffälligen Ergebnis könnte der Mediziner dann nachhaken.

"Menschen schreiben in den sozialen Medien über Aspekte ihres Lebens, zu denen wir in der Medizin und in der Forschung ansonsten kaum Zugang bekommen würden", schreibt Andrew Schwartz von der Stony Brook University. Das eröffnet Möglichkeiten - macht den Datenschutz aber auch umso wichtiger.

"Ein solcher Algorithmus könnte Social-Media-Beiträge in schützenswerte Gesundheitsinformationen verwandeln", schreiben die Autoren im Fazit ihrer Studie. "Mit dieser Herausforderung müssen sich Entwickler und Entscheidungsträger auseinandersetzen." Die Autoren fordern strenge Richtlinien, um den Zugang zu den Daten zu regeln und die Entscheidung über die eigene Gesundheitsversorgung immer beim Patienten zu belassen.

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