Ärzte bezweifeln Sinn von Grenzwerten Der Feinstaub-Wirbel

Fahrverbote müssen sein, denn der Feinstaub in der Luft gefährdet die Gesundheit: So argumentieren Umweltschützer und Experten. Jetzt sagen Lungenfachärzte: Das sei doch gar nicht bewiesen. Wem soll man glauben?

Frau mit Mundschutz
imago/Bernd Friedel

Frau mit Mundschutz

Von


Feinstaub und Stickoxide machen krank? Diese Behauptung sei nicht bewiesen, schreibt eine Gruppe von über hundert Lungenfachärzten in einem Positionspapier - und facht damit die leidenschaftlich geführte Debatte um Fahrverbote in Deutschland erneut massiv an.

Den Medizinern zufolge liegt den Argumenten, die Verfechter von Grenzwerten und Fahrverboten anführen, eine Fehlinterpretation von wissenschaftlichen Daten zugrunde.


Hierzulande gilt daher für Stickoxide (NO2) ein Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel - er wird in verschiedenen Städten überschritten. Überschreitungen der Grenzwerte für Feinstaub gab es dem Umweltbundesamt zufolge seit 2012 nicht mehr.


"Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten", schreibt der Lungenfacharzt Dieter Köhler, ehemals Vorsitzender der DGP, in seinem Statement, das 113 weitere Spezialisten unterschrieben haben.

Ein wichtiger Fehler sei demnach: Das gemeinsame Auftreten von Krankheiten und hohen Feinstaub- und Stickoxidwerten werde nicht nur beschrieben, sondern in einen ursächlichen Zusammenhang gestellt. Das ist bei sogenannten epidemiologischen Studien in der Tat nicht zulässig, denn sie dienen dem Zweck zu beobachten. In der Folge können Wissenschaftler dann Hypothesen über die Ursachen aufstellen und müssen diese mit anderen Methoden überprüfen.

Bei Stickoxiden ist genau das schwierig: Zwar handelt es sich bei den Stoffen um ätzende Reizgase. Allerdings lassen sich ihre Auswirkungen auf die Gesundheit nur schwer isoliert untersuchen. Bleiben also nur die Beobachtungen, dass Menschen in Regionen mit hohen Stickoxidkonzentrationen häufiger mit Asthma, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder chronischer Bronchitis ins Krankenhaus gehen. Damit ist aber eben noch nicht bewiesen, dass die Stickoxide auch tatsächlich die Ursache dafür sind.

Feinstaub gelangt tief in Atemwege

Anders ist die Sachlage bei Feinstaub: Hier gilt als erwiesen, dass die kleinen Partikel, die je nach Größe mittelweit bis sehr tief in die Atemwege gelangen können, der Gesundheit schaden können. Auch das zweifeln die Ärzte in ihrem Statement allerdings mit unterschiedlichen Argumenten an.

Köhler und Co. argumentieren: "Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie." Bei der hohen Mortalität, die sich aus den WHO-Zahlen ergebe, müsste das Phänomen demnach wenigstens als zusätzlicher Faktor bei Lungenerkrankungen irgendwo auffallen.


Feinstaub - was ist das?

  • Feinstaub sind Partikel, die kleiner sind als zehn Mikrometer (PM10), wobei ein Mikrometer einem Millionstel Meter entspricht. Diese Feinstaubteilchen verbleiben größtenteils in den oberen Atemwegen, also dem Rachen, der Luftröhre oder den Bronchien. Jahresdurchschnittswerte von 20 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft (µg/m³) sollen nicht überschritten werden.
  • Seit 2008 werden davon Staubkörner mit einem Durchmesser unter 2,5 Mikrometern (PM2,5) unterschieden. PM2,5 gelangen bis in die Lungenbläschen. Hierfür gilt ein Grenzwert von 10 µg/m³.
  • Außerdem gibt es den Begriff des Ultrafeinstaubs (UFP, ultrafeine Partikel), der im Zusammenhang mit Benzinmotoren diskutiert wird. Gemeint sind noch feinere Körnchen, die kleiner sind als 0,1 Mikrometer. Die ultrafeinen Partikel können in den Blutkreislauf übergehen und so im Prinzip sämtliche Körperregionen erreichen und dort Schaden etwa durch Entzündungsprozesse und Arterienverkalkung anrichten.
  • Grundsätzlich entsteht Feinstaub überall, wo Dreck aufgewirbelt wird. Der überwiegende Teil stammt aus natürlichen Quellen. Vulkane blasen beispielsweise große Mengen Partikel in die Luft. Auch Waldbrände und Wüstensand tragen zur Staub- und Feinstaubmenge in der Luft bei. Mit der Zeit verteilen sich die Partikel weiträumig in der Atmosphäre, sodass die Belastung mit der Entfernung zur Quelle je nach Wetterlage deutlich abnimmt.

Die Ärzte kritisieren außerdem, dass verschiedene Störfaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Bewegung, medizinische Betreuung oder Medikamenteneinnahme in den Studien nicht sinnvoll berücksichtigt wurden - obwohl diese die Gesundheit maßgeblich beeinflussten.

Ein Beispiel kann das erklären: Es ist durchaus denkbar, dass sich Menschen, die an stark befahrenen Straßen leben, keine bessere Wohnlage leisten können. Bekannt ist außerdem, dass Menschen mit einem niedrigen Einkommen häufiger rauchen und Alkohol trinken, sich schlechter ernähren und weniger bewegen. Was löst also Lungenkrankheiten bei ihnen aus? Sind es tatsächlich Feinstaub und Stickoxide aus dem Verkehr? Oder vielleicht die anderen Faktoren? Oder alles zusammen? Eine einfache Aussage über Ursache und Wirkung zu treffen, ist nicht ohne Weiteres möglich.

Sinnvolle Kritik

Auch andere Wissenschaftler haben bereits kritisiert, dass Zahlen über vorzeitige Todesfälle, wie auch die EU sie nutzt, in die Irre führen. Denn was heißt eigentlich vorzeitig? Ein Jahr, ein Tag oder eine Minute? Stattdessen solle man besser von verlorener Lebenszeit sprechen. Das sei zwar weniger plakativ, komme aber der Realität näher.

Nach eigenen Angaben gehört Köhler keiner Interessengruppe an. Er und seine Kollegen wollen mit dem Statement "der Versachlichung der Diskussion dienen". Das Ziel der Autoren sei, die Maßnahmen zur Schadstoffvermeidung zu fördern. "Jedoch sehen sie derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx."

Fazit: Auch wenn sich Argumente der Ärzte widerlegen lassen, für den wissenschaftlichen Diskurs ist der Beitrag sinnvoll. Es gehört zur Natur von Wissenschaft, Thesen, Ergebnisse und vor allem Interpretationen anzuzweifeln, andere Erklärungen anzubieten. Das heißt nicht, dass die Antithese der Wahrheit entspricht. Aber durch den Diskurs nähert man sich der Realität - mehr kann Wissenschaft ohnehin nicht bieten.

insgesamt 441 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kamillo 23.01.2019
1.
Diese Thesen sind innerhalb der Ärtzteschaft, für jedermann einsehbar, schon länger bekannt. Verwunderlich ist nur, dass man damit so lange gewartet hat, um damit an die breite Öffentlichkeit zu gehen. https://www.aerzteblatt.de/archiv/200863/Feinstaub-und-Stickstoffdioxid-(NO-sub-2-sub-)-Eine-kritische-Bewertung-der-aktuellen-Risikodiskussion https://www.aerzteblatt.de/forum/120300/Am-Arbeitsplatz-sind-950-Mikrogramm-NOx-8-h-am-Tag-40-h-die-Woche-zugelassen https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/75723/Abgasskandal-Stickoxide-verursachen-in-Europa-fast-30-000-vorzeitige-Todesfaelle
curiosus_ 23.01.2019
2.
---Zitat von Heike Le Ker--- Ärzte bezweifeln Sinn von Grenzwerten … Feinstaub und Stickoxide machen krank? Diese Behauptung sei nicht bewiesen, schreibt eine Gruppe von über hundert Lungenfachärzten in einem Positionspapier ---Zitatende--- Einen Arzt, der Grenzwerte an sich sowie die Aussage, dass Feinstaub und Stickoxide krank machen, bezweifelt wird man schwerlich finden. Und sicher nicht unter der "Gruppe von über hundert Lungenfachärzten". Selbstverständlich können Feinstaub und Stickoxide krank machen, das zeigt ja schon die erhöhte Sterblichkeits- und Lungenkrankheitsrate bei Rauchern. Und dass dafür dann Grenzwerte nötig sind leuchtet selbst dem dümmsten Arzt ein. Die Ärzte bezweifeln nicht den Sinn von Grenzwerten, die Ärzte bezweifeln den Sinn der konkreten Höhe der Grenzwerte. Schon Paracelsus wusste: Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei. Und was soll das: ---Zitat von Heike Le Ker--- Überschreitungen der Grenzwerte für Feinstaub gab es dem Umweltbundesamt zufolge seit 2012 nicht mehr. ---Zitatende--- *?* Wozu gibt es dann z.B. in Stuttgart aktuell wieder Feinstaubalarm? Aktuell wieder seit Freitag, 18. Januar, 18:00 Uhr. Und warum kann man auf der zugehörigen offiziellen Webseite derzeit lesen: 2018 wurden *erstmals* an allen Messstationen im Stadtgebiet der Feinstaub-Grenzwert eingehalten. (https://www.stuttgart.de/feinstaubalarm/) *?*
quercusuevus 23.01.2019
3. Fazit ?
Sehr geehrte Frau Le Kler, Sie schreiben: "Fazit: Auch wenn sich Argumente der Ärzte widerlegen lassen, für den wissenschaftlichen Diskurs ist der Beitrag sinnvoll." Ich habe mir Ihren Beitrag zweimal durchgelesen, jedoch keine Widerlegung der Argumente von Köhler und Kollegen gefunden. Habe ich etwas übersehen ?
coyote38 23.01.2019
4. Es wird gedreht, wie man's gerade braucht ...
Vorgestern ging es um CO² (ganz schlimm ... bis man den Leuten erklärt hat, das in der Erdatmoshäre gerade mal 0,004% CO² vorhanden sind und das unmöglich zur Erderwärmung beitragen kann). Dann hat man auf Teufel komm raus wegen den bösen Stickoxiden Fahrverbote durchgepeitscht (auch ganz schlimm ... bis man den Leuten erklärt hat, dass die Grenzwerte an jedem Büroarbeitsplatz ein VIELFACHES der Grenzwerte an einer Berliner Innenstadtkreuzung betragen und dass rein theoretisch jeder Zigarettenraucher innerhalb von vier Wochen tot umfallen müsste). Und jetzt sind die Fahrverbote auf einmal wegen des FEINSTAUBS ganz wichtig ...^^ Liebe Leute ... hier wird eine komplette Verdummungskampagne gefahren, um zig Milliarden Kapital umzuschichten ... bevorzugt WEG von den Menschen, die es erarbeitet haben ... hin zu denen, die die beste Lobbyarbeit betreiben.
SigismundRuestig 23.01.2019
5. Cui Bono?
Wenn "Experten" streiten: Dr.Monsanto:Glyphosat ist gar nicht schädlich! Dr.Benz/Prof.Diesel: Autoabgase schaden nicht der Gesundheit! Dr. Marlboro:Rauchen ist gar nicht gesundheitsschädlich! Dr.Coca Cola:Zucker ist gesund! Prof.Noelle-Neumann:die Mehrheit ist dafür, wenn nicht, dagegen! Wer finanziert welche Studie? Heute diese Meldung, morgen jene Meldung: z.B. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) - Ende 2018: "Studien zeigen, dass Feinstaubbelastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist". 116 Lungenexperten der DGP bezweifeln das Anfang 2019!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.