Verdachtsfälle im Ruhrgebiet Brauchen wir ein Register für Fehlbildungen?

Im nördlichen Ruhrgebiet wurden auf engem Raum fünf Babys mit fehlgebildeten Händen geboren. Ist das normal, ist es alarmierend? Wir wissen es nicht: Ist ein zentrales Meldesystem notwendig?
Alles dran: Eltern zählen nach der Geburt oft Zehen und Finger, gerade weil Fehlbildungen nicht selten sind. Treten sie gehäuft auf, ist das ein Alarmzeichen

Alles dran: Eltern zählen nach der Geburt oft Zehen und Finger, gerade weil Fehlbildungen nicht selten sind. Treten sie gehäuft auf, ist das ein Alarmzeichen

Foto: Arno Burgi/ dpa

In nur zwei Monaten kamen im Sankt Marien-Hospital in Gelsenkirchen-Buer drei Babys zur Welt, bei denen jeweils eine Hand fehlgebildet war. Zuvor hatte es dort nach Angaben der Klinik jahrelang keinen einzigen solchen Fall gegeben. Bei allen drei Kindern sei jeweils eine Hand betroffen. An dieser Hand seien Handteller und Finger nur rudimentär angelegt.

Rund 800 Babys erblicken in der Klinik pro Jahr das Licht der Welt. Das Risiko für solche Fehlbildungen schätzen Mediziner auf 1 : 32.000. Das macht 3 : 800 zu einer auffälligen Häufung. Zumal in diesem Jahr in Datteln und Dorsten, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu Gelsenkirchen, zwei weitere Kinder mit ähnlichen Fehlbildungen geboren wurden, wie die Regionalzeitungen der Funke-Gruppe berichten .

Nun werden Rufe nach einem zentralen Melderegister lauter, denn bisher gibt es in Deutschland keine systematische Erfassung solcher Fälle. Niemand scheint in der Lage, eine einfache Frage schlüssig zu beantworten: Ist das noch normal oder Grund, Alarm zu schlagen?

Auch das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) hat zu den konkreten Fällen bisher "keine Erkenntnisse", teilte ein Ministeriumssprecher am Samstag in Berlin mit. Aber: "Wenn es eine auffällige Häufung von Fehlbildungen bei Neugeborenen geben sollte, muss das so schnell wie möglich geklärt werden."

Das Ministerium begrüße, dass das betreffende Krankenhaus Kontakt zur Berliner Charité aufgenommen habe. Die Klinik hat zudem eine vertiefte Ursachenforschung angekündigt, die allerdings nur mit Einwilligung der Eltern stattfinden könne.

Was ist normal?

Die Ursachen solcher Fehlbildungen sind nicht in Gänze verstanden, können aber auch vielfältig sein. In der Diskussion sind physische Ursachen, wie das Abklemmen der Blutversorgung in Extremitäten während der Embryonalentwicklung, aber auch genetische oder toxische Ursachen oder sogar der Einfluss spezifisch wirkender Viren. Im Grunde also alles mögliche, und dazu zählt durchaus auch die zufällige Häufung.

Das Problem ist nur, dass man ohne belastbare Daten die zufällige von der auffälligen, verdächtigen Häufung nicht unterscheiden kann. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rief Gesundheitsminister Spahn nun dazu auf, "dringend eine Studie in Auftrag zu geben, die systematisch die Daten der Kliniken und die Häufigkeit der Fälle erfasst".

Das will nun auch das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen. Das Ministerium werde alle Klinken in NRW abfragen, ob dort ähnliche Fehlbildungen aufgefallen seien, sagte eine Sprecherin der Düsseldorfer Behörde am Samstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur DPA. Man nehme die Berichte über die Fälle "sehr ernst".

"Darüber hinaus nehmen wir Kontakt mit den Ärztekammern, dem Bund und den anderen Bundesländern auf, um möglichen Ursachen mit aller Sorgfalt nachzugehen", sagte die Ministeriumssprecherin. Ob ein Melderegister der richtige Weg sei, gelte es gemeinsam zu prüfen.

Ihr Chef, NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), mahnt allerdings vor Spekulationen über mögliche Ursachen: "Vielmehr muss den möglichen Ursachen mit der gebotenen Sorgfalt nachgegangen werden."

Der Status Quo: Äußerst lückenhafte Erkenntnisse

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte, man brauche sowohl Daten aus der Perinatalstatistik, als auch aus der Krankenhausdiagnosestatistik. Der Begriff perinatal bedeutet im medizinischen Sprachgebrauch den Zeitraum kurz vor, während und kurz nach der Entbindung betreffend.

Ein nationales Fehlbildungsregister existiere bisher nicht. Es gebe allerdings aussagekräftige Daten für einzelne Jahre. Laut einer Bundesauswertung zur Perinatalstatistik des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen seien 2017 in Deutschland 6884 Kinder mit Fehlbildungen geboren worden. Damit seien etwa 0,89 Prozent der Neugeborenen von Fehlbildungen betroffen gewesen. Die Perinatalstatistik verzeichnet nach Angaben des Ministeriums allerdings nur die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen Kinder, sie beinhaltet keine Informationen über die Art der Fehlbildung.

Weitergehende Informationen über die Fehlbildungsart enthält dagegen die Krankenhausdiagnosestatistik des Statistischen Bundesamtes. Diese gebe Auskunft über die Anzahl der stationären Behandlungsfälle mit spezifischen Diagnosen. Diese Statistik beinhalte allerdings keine Informationen über die Zahl der behandelten Personen, teilte das Gesundheitsministerium in Berlin mit. Das bedeute, ein Kind, das zweimal im Krankenhaus behandelt werde, würde als zwei Fälle gezählt. Zugleich tauchten Kinder ohne stationäre Behandlung in dieser Statistik gar nicht erst auf.

Regionale Daten werden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums für das Fehlbildungsregister Sachsen-Anhalt und das Geburtenregister "Mainzer Modell" erhoben. Daten aus beiden regionalen Registern würden an das europäische Register EUROCAT gemeldet, das seit 1979 bestehe und derzeit Daten aus 23 europäischen Ländern enthalte.

Warum Häufungen für Unruhe sorgen

Dass jede auffällige Häufung solcher Fehlbildungen bei Babys für Unruhe sorgt, ist nicht verwunderlich. Unvergessen ist der Medikamentenskandal um das Beruhigungsmittel Contergan Anfang der Sechziger Jahre. In der Schwangerschaft eingenommen verursachte es schwere Fehlbildungen, in Deutschland in mehreren tausend Fällen.

Im englischen Corbyn kamen Mitte der Neunziger Jahre 19 Babys mit Fehlbildungen zur Welt, nachdem dort wahrscheinlich toxischer Industriemüll unsachgemäß entsorgt worden war. Zur endgültigen Klärung kam es nicht, weil der Prozess mit einem außergerichtlichen Vergleich endete.

Die letzte Häufung solcher Fehlbildungen liegt weniger lang zurück. In drei ländlichen französischen Kreisen in Frankreich wurden im Herbst 2018 mindestens 25 Kinder mit solchen Fehlbildungen bekannt. Auch dort sah sich die Politik unter Druck, die Fälle systematisch zu erfassen, die Untersuchung läuft noch.

In England mutmaßte man, Industriegifte seien Grund für die Fehlbildungen, in Frankreich werden Insektizide und Pflanzenschutzmittel verdächtigt. Gelsenkirchen-Buer, Dorsten und Datteln liegen da zwischen den Welten: Die Gemeinden liegen am nördlichen Ruhrgebietsrand, wo Industrie- auf Bauernland trifft.

dpa/pat
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