Fixierungen in der Pflege Gefesselt im Altenheim

Gurte für den Rollstuhl, Bettgitter, Spezialstühle: In deutschen Pflegeheimen werden Menschen täglich fixiert - zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es heißt. Ein BGH-Urteil hat die Genehmigung dieser Maßnahmen nun erschwert. Den Alltag in den Alteneinrichtungen dürfte das kaum ändern.
Fixierte Hand eines Pflegeheimbewohners: Sicherheitsdenken auf Kosten der Freiheit

Fixierte Hand eines Pflegeheimbewohners: Sicherheitsdenken auf Kosten der Freiheit

Foto: Corbis

Jeden Tag will Frau H. Hunderte Male aus ihrem Stuhl aufstehen, jedes Mal hindert sie daran ein Gurt. Und jedes Mal rollt ihr Spezialstuhl, an den die alte Dame gefesselt ist, dabei ein Stück weiter. So bewegt sich Frau H. über die Flure der Hamburger Pflegeeinrichtung, in der sie lebt. Oft ist sie dabei schweißgebadet.

Frau H. ist schwer dement, ein übersteigerter Bewegungsdrang ist typisch für ihre Erkrankung. Erklärt ihr ein Pfleger, dass sie nicht aufstehen soll, weil sie sonst stürzen würde, versteht die Rentnerin das längst nicht mehr. Der Gurt an ihrem Stuhl soll für ihre Sicherheit sorgen.

Fixierung wird diese Maßnahme in der Pflegefachsprache etwas technisch beschrieben. Manchmal ist damit schlicht eine Fesselung gemeint. Fixierungen sind umstritten - in deutschen Pflegeeinrichtungen sind sie aber gängige Praxis, vor allem Bettgitter sind verbreitet.

"Wie ein Bewohner aus der Fixierung herauskommt, muss individuell entschieden werden. Auch Gespräche mit den Angehörigen sind notwendig. Eine Pauschallösung gibt es nicht", sagt die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer von der Universität Witten/Herdecke. In einer Studie, die im Fachblatt "Jama" ( "Journal of the American Medical Association")  erschienen ist, haben Meyer und einige Kollegen sich mit dem Thema beschäftigt. Das Ergebnis: Ein Großteil der Fixierungen in deutschen Pflegeheimen könnte vermieden werden.

Was sind Fixierungen

So dement wie Frau H. ist Herr A. nicht. Er tüdelt höchstens ein wenig, sagen sie in seinem Wohnbereich. Jeden Morgen nach der Grundpflege wird er vom Pflegepersonal in den Speisesaal gefahren. An seinem Platz werden die beiden Bremsen von seinem Rollstuhl festgestellt. Von allein lösen kann er sie nicht mehr, dazu fehlt ihm die Kraft in seinen Händen.

In welchem Heim Herr A. wohnt, ist eigentlich unerheblich. Täglich werden bei Tausenden Bewohnern die Rollstuhlbremsen festgestellt. Und so deren Freiheit eingeschränkt - obwohl das vielleicht nicht immer nötig wäre. Die Motivation der Pflegekräfte dahinter ist nicht immer eindeutig: Zum Teil laufen Handlungen wie automatisch ab, nicht alle Pflegekräfte sind darauf sensibilisiert zu hinterfragen, wie notwendig eine Fixierung ist. Viele haben es in ihrem Alltag von Anfang an so vermittelt bekommen. Außerdem würde Herr H. möglicherweise seinen Platz verlassen. Ihn unter dem Zeitdruck der morgendlichen Pflege jedes Mal in den Speisesaal zurück zu begleiten, ist aber kaum möglich.

So wie bei ihm ist die Sachlage häufig. Ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken ist in deutschen Heimen verbreitet. Auch weil Angehörige oder Vorgesetzte Druck ausüben. Dazu kommen Stress und Personalknappheit, da geht man lieber auf Nummer sicher.

Damit eine Fixierung durchgeführt werden kann, muss eine richterliche Genehmigung vorliegen. Auch dann, wenn der Pflegeheimbewohner noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte etwa einem Verwandten eine notariell beglaubigte Vorsorgevollmacht erteilt hat. Das hat kürzlich der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden. In dem aktuellen Urteil hatte ein Sohn geklagt, weil er selbst entscheiden wollte, ob seine Mutter fixiert wird. Die 90-Jährige war häufig gestürzt, der Sohn verlangte ein Bettgitter und einen Rollstuhlgurt zu ihrer Sicherheit. Weil er über eine Versorgungsvollmacht verfügte, sah er sich im Recht und zog vor Gericht: Er klagte beim Betreuungsgericht gegen das mit Kosten verbundene Genehmigungsverfahren, das vor allem bei Bewohnern üblich ist, die niemandem eine Vollmacht erteilt haben.

Seine Klage wurde abgewiesen, denn selbst wenn eine Vollmacht vorliege, müssten solche schwerwiegenden Eingriffe in die persönliche Freiheit eines Menschen noch richterlich genehmigt werden, urteilten die Juristen aus Karlsruhe. Mit der Entscheidung wollten die Richter möglicherweise den Schutz der Pflegebedürftigen erhöhen.

"Die Routinen müssen aufgebrochen werden"

Der auf Pflegethemen spezialisierte Jurist Oliver Tolmein sieht die BGH-Entscheidung kritisch. "Die Stoßrichtung des Urteils ist nicht unproblematisch: Das Schutzinteresse des Einzelnen wird hier unter Umständen ohne Wenn und Aber über seinen in der Vollmacht festgeschriebenen Willen gestellt." Tolmein werde bei Vorsorgevollmachten in Zukunft noch deutlicher beraten, wo die Rechtsprechung hier der Vollmacht Grenzen setzt. "Auch was für Beeinträchtigungen eine Fixierung und was Alternativen dazu bedeuten, muss ich ansprechen", sagt er. Wolle man weniger Schutz und mehr Freiheit, als der BGH vorsehe, müsse man wohl versuchen, das unter Umständen vorab gerichtlich zu klären.

Laut der Studie von Meyer und ihren Kollegen könnten Fixierungen angeblich sogar unter gleichen finanziellen und personellen Bedingungen reduziert werden. Dazu müsse in den Köpfen der Pflegenden und der Pflegeleitungen etwas verändert werden. "Die Routinen in den Einrichtungen müssen aufgebrochen werden", sagt Meyer. Die wichtigste Maßnahme zu weniger Fixierungen seien Schulungen des Pflegepersonals. Meyer: "Viele wissen nicht, dass eine richterliche Genehmigung keine Verpflichtung zur Fixierung ist."

Ob durch das Urteil und die Studienergebnisse von Gabriele Meyer in Zukunft in deutschen Pflegeeinrichtungen weniger Gurte und Bettgitter verwendet und weniger Rollstuhlbremsen festgestellt werden, ist fraglich. "Das Ziel muss eine fixierungsfreie Pflege sein. In dem Bereich ist vieles möglich", sagt Meyer.

Von den Pflegeeinrichtungen werden Fixierungen immer noch nicht offen thematisiert. Keines der von SPIEGEL ONLINE angefragten Pflegeheime war bereit, sich zu Fixierungen zu äußern - selbst eine Einrichtung, die bei der Studie von Meyer mitgewirkt hatte, lehnte jede Stellungnahme ab. "Hier sind auch die Kontrollinstanzen wie der Medizinischer Dienst der Krankenversicherung und die Heimaufsicht gefragt. Bisher wird nur geschaut, ob eine juristische Genehmigung vorliegt", sagt Meyer.

Mehr lesen über Verwandte Artikel