SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. Oktober 2013, 13:28 Uhr

Studie zu Lärmbelästigung

Flughafen-Anwohner erkranken häufiger am Herzen

Von

Wer viel Fluglärm ertragen muss, erleidet häufiger einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt. Zu diesem Ergebnis kommen zwei aktuelle Studien mit mehreren Millionen Teilnehmern. Schon niedrige Schallpegel können Folgen für die Gesundheit haben.

Der 71-jährige Rentner aus Flörsheim hatte genug. Immer wieder dröhnten Flugzeuge über sein Zuhause, da wurde er aktiv. Mit Hilfe eines Anwalts erstattete er Anzeige gegen den Chef des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport. Der Fluglärm habe ihn krank gemacht, die Flugzeuge seien schuld an Bluthochdruck und Herzschmerz, argumentierte er. Dies sei versuchte und vollendete Körperverletzung.

Auch wenn der Rentner wohl vielen Betroffenen aus der Seele spricht - wissenschaftlich sind seine Vorwürfe bisher nur schwer zu belegen. Zwar sprechen Studien dafür, dass Lärmbelastung den Blutdruck steigen lässt. Das Umweltbundesamt rechnet mit etwa 4000 Herzinfarktfällen, die allein der Straßenverkehrslärm in Deutschland jedes Jahr verursacht.

Wie genau sich der Lärm von Flugzeugen auf die Gesundheit von Herz, Kreislauf und damit verbundene Krankheiten wie einen Schlaganfall auswirkt, war bisher allerdings noch nicht endgültig geklärt. Zwei große Studien aus Großbritannien und den USA können diese Lücke jetzt ein Stück schließen: Im "British Medical Journal" stärken sie die Hinweise darauf, dass ein Zuhause in der Einflugschneise lebensbedrohliche Krankheiten mit sich bringen kann.

3,6 Millionen Londoner untersucht

Für die erste Untersuchung analysierten Forscher um Anna Hansell vom Imperial College London die Gesundheit von mehr als 3,6 Millionen Menschen, die in der Nähe des Londoner Heathrow Airports lebten. Dafür unterteilten sie die Gegenden rund um den Flughafen in mehr als 12.000 Gebiete mit durchschnittlich 300 Einwohnern und bestimmten für jeden Fleck den Fluglärm im Jahr 2001.

Außerdem analysierten sie, wie viele der Bewohner zwischen 2001 und 2005 aufgrund eines Schlaganfalls, einer Erkrankung der Herzkranzgefäße oder einer anderen Herz-Kreislauf-Krankheit ins Krankenhaus mussten oder gar starben. Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass das Risiko für alle drei Krankheitsbilder mit dem Lärm anstieg. Am heftigsten traf es die zwei Prozent der Versuchsteilnehmer, die in den lautesten Bezirken rund um den Flughafen wohnten.

Auch wenn die Ergebnisse der Forscher eindeutig wirken und sich auf die Daten vieler Menschen stützen, hat die Studie eine große Schwäche: Sie kann nicht direkt belegen, dass der Fluglärm für die Erkrankungen der Londoner verantwortlich ist. Ebenso gut könnte es zum Beispiel sein, dass die Bewohner rund um den Flughafen besonders viel rauchten und dadurch ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten in die Höhe trieben.

Was birgt noch ein Risiko fürs Herz?

Um eine solche Verzerrung auszuschließen, stellten die Forscher ihre Ergebnisse weiter auf die Probe. Neben dem Rauchverhalten, auf das sie anhand von Lungenkrebsfällen geschlossen hatten, rechneten sie heraus, wie viele Männer und wie viele Frauen in den Gebieten wohnten. Sie analysierten Alter und Herkunft der Bewohner, Lärm durch Straßenverkehr und berücksichtigten auch den sozioökonomischen Hintergrund.

Der Einfluss des Fluglärms blieb bestehen. Dies spricht für die Ergebnisse der Studie - auch wenn es kein endgültiger Beleg ist. Eine weitere, aktuelle Untersuchung, kommt zu demselben Fazit. Die Forscher von der Harvard School of Public Health und der Boston University hatten die Daten von mehr als sechs Millionen älteren Menschen ausgewertet, die 2009 in der Nähe eines von 89 US-Flughäfen wohnten und bei Medicare versichert waren.

Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass mehr als 2,3 Prozent der Krankehauseinlieferungen mit Erkrankungen von Herz und Kreislauf auf Fluglärm zurückzuführen sind. Auch diese Studie kann allerdings keinen direkten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nachweisen. "Beide Studien waren gründlich und wurden gut ausgeführt", sagt Kevin McConway, der als Statistikprofessor an der Britain's Open University arbeitet und nicht an der Studie beteiligt war. "Dennoch können sie, selbst wenn sie zusammengenommen werden, nicht beweisen, dass Fluglärm tatsächlich Herzkrankheiten und Schlaganfälle verursacht."

Vieles spricht für eine schädliche Wirkung

Auch wenn der endgültige Beweis fehlt, stützen viele Puzzlesteine die Theorie vom ungesunden Lärm. In der Vergangenheit hatte ein Team um den Mainzer Kardiologen Thomas Münzel 75 Freiwillige nächtelang bis zu 60-mal mit simuliertem Lärm landender Flugzeuge beschallt. "Die Befunde zeigen klar, dass Fluglärm schon bei relativ niedrigen Schallpegeln Gefäßschäden hervorruft", sagte Münzel dazu dem SPIEGEL.

"Die aktuellen Ergebnisse liefern vorläufige Belege dafür, dass Flugzeuglärm nicht nur die Lebensqualität reduzieren, Schlafstörungen und Ärger verursachen, sondern auch Leiden und Sterblichkeit durch Krankheiten von Herz und Kreislauf erhöhen könnte", schreibt auch Stephen Stansfeld von der Queen Mary University of London in einem die Studien begleitenden Kommentar. Die Zuständigen sollten dies berücksichtigen, wenn sie Flughäfen in stark besiedelten Gebieten ausbauten oder neue Flughäfen planten.

Um die Auswirkungen des Fluglärms auf die Gesundheit noch besser zu verstehen und zum Beispiel auch die Folgen nächtlichen Lärms mit denen tagsüber vergleichen zu können, braucht es aber noch weitere Studien, die auf Fluglärm zugeschnitten sind. Das fordern auch die britischen Forscher.

mit Material von Reuters

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung