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17. September 2018, 20:58 Uhr

Homöopathie in Frankreich

Ein Streit um Geld und Glauben

Von , Paris

In Frankreich gerät die Homöopathie zunehmend unter Druck: Ärzte wettern gegen Globuli, das Gesundheitsministerium prüft die Wirksamkeit. Die Homöopathen wehren sich energisch.

"Die Homöopathie hat sich nicht weiterentwickelt, es ist eine Lehre am Rand der Wissenschaft." Mit diesen Worten begründete Didier Gosset, Dekan der medizinischen Fakultät Lille, Anfang September die Entscheidung der Hochschule, den nächsten Diplomkurs für Homöopathie 2018/19 auszusetzen. "Es gibt keine Studie", so Gosset, "die die Wirksamkeit nachweisen konnte - abgesehen von ihrem Placeboeffekt."

Der Entscheidung der Universität Lille war ein erbitterter Schlagabtausch zwischen Allgemein- und Alternativmedizinern vorausgegangen: Mitte März hatten 124 Ärzte "den Ausschluss der esoterischen Disziplinen - darunter die Homöopathie - aus der Medizin" gefordert. Der Meinungsbeitrag, veröffentlicht in der Tageszeitung "Le Figaro", bezeichnete die Verfechter dieser Verfahren als "Scharlatane", "Betrüger" und die angewendeten Mittel als "Fake-Medizin". Es handele sich um "Praktiken, die auf dem Glauben basieren und eine wundersame wie risikofreie Heilung versprechen".

In Frankreich können sich Ärzte, Hebammen, Zahnärzte und Tiermediziner in speziellen Lehrgänge zu Homöopathen ausbilden lassen.

Wann Homöopathie gefährlich wird

Die Vereinigung Homöopathischer Ärzte (SNMHF) antwortete mit einer Klage vor der Nationalen Ärztekammer "wegen Verletzung des Berufsethos". SNMHF-Präsident Charles Bentz ist immer noch empört: "Was wir seit Anfang des Jahres erleben, ist eine wahre Hexenjagd", meint der 66-Jährige, der seit 1980 als Allgemeinarzt in Straßburg arbeitet. Er hält Homöopathie für ein erprobtes medizinisches Verfahren und glaubt, dass es gefährlich werde für Patienten, wenn homöopathische Beratungen und Mittel künftig nicht mehr von den Krankenkassen erstattet würden.

Genau diese Entscheidung könnte allerdings am Ende der Überprüfung stehen, die Frankreichs oberste Gesundheitsbehörde (Haute Autorité de Santé, HAS) anlässlich des Streits vornimmt. Angeordnet wurde sie von Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, selbst Ärztin. Sie hatte zunächst noch versucht zu vermitteln: "Bei der Homöopathie handelt es sich um eine Medizin, die wahrscheinlich einen Placeboeffekt besitzt", hatte sie erklärt, die aber auch "keine negativen Folgen" habe. Dass durchaus Schäden durch Homöopathie entstehen können, etwa wenn schwer kranke Patienten sich aufgrund der Versprechen der Homöopathie gegen wirksame Therapien entscheiden, thematisierte Buzyn nicht.

Etwas später beschloss die Ministerin, die Effektivität der Mittel bis Februar 2019 von der Gesundheitsbehörde überprüfen zu lassen: "Homöopathie wird bisher ohne jede wissenschaftliche Kontrolle erstattet", erklärte Buzyn im Radiointerview mit France Inter und kündigte an: "Wenn diese Medizin nützlich ist, wird sie weiterhin erstattet. Wenn nicht, hört das auf."

Wie genau diese Effektivitätsprüfung aussehen wird, ist unklar. Denn es gibt bereits eine Reihe qualitativ guter Untersuchungen zur Homöopathie, die zum Ergebnis kommen, dass die Mittel nicht besser wirken als Placebos. Auch die Mediziner verweisen in ihrem Appell gegen die alternative Methode, den bis Juni fast 2500 Ärzte unterzeichnet haben, auf eine Überblicksarbeit aus dem Jahr 2017. Eine Arbeitsgruppe des Zusammenschlusses europäischer Wissenschaftsakademien (European Academic Science Advisory Council) kommt darin zum Schluss: Einen Beweis dafür, dass Homöopathie jenseits des Placeboeffekts gegen irgendeine Krankheit helfe, gebe es nicht. Wenn dadurch aber andere, wirksame Therapien verzögert oder gar nicht angewendet würden, könne sie durchaus schaden.

Unwirksamkeit außer Zweifel

Bislang erkennen Krankenkassen in Frankreich homöopathische Beratungen und Behandlungen als Alternativmedizin an und übernehmen die Kosten. Für die homöopathischen Mittel - eingestuft als "medizinische Anwendung mit mäßiger Wirkung" - zahlen die Kassen einen geringeren Satz, jährlich insgesamt 55 Millionen Euro.

Zum Vergleich: In Deutschland können die Kassen darüber entscheiden, ob sie die Kosten für homöopathische Therapien übernehmen. Manche Krankenkassen werben gezielt damit, andere Kassen zahlen hingegen nicht.

Auch ein Kampf ums Geld

Für Frankreich wäre es eine Wende in einem Gesundheitswesen, in dem Homöopathie trotz des fehlenden Wirksamkeitsnachweises seit Anfang des 19. Jahrhunderts angewendet wird. 56 Prozent der Bevölkerung, so die Angaben der Ärztekammer, schwören auf Globuli und Tinkturen, die aus etwa 3000 pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Substanzen gewonnen werden.

Video: Homöopathie - Heilung oder Humbug?

Doch es geht nicht nur um Glaubensfragen. Hinter dem Streit verbirgt sich auch ein Kampf ums Geld. Zwar spielte der Verkauf homöopathischer Substanzen mit 620 Millionen Euro im Jahr 2016 bei einem jährlichen medizinischen Absatz von 54,5 Milliarden nur eine kleine Rolle. In den Apotheken allerdings, wo die Globuli und Tinkturen rezeptfrei erhältlich sind, machten diese immerhin rund zehn Prozent des Absatzes aus.

Sollte die Gesundheitsbehörde diese Leistungen streichen, könnte die Nachfrage an homöopathischen Medikamenten zurückgehen. Christian Boiron, Chef des weltgrößten Produzenten homöopathischer Medizin, lässt die Kontroverse um die Wirksamkeit der Mittel allerdings unbeeindruckt: "Das interessiert nicht viele Leute, allenfalls einen kleinen Mikrokosmos", sagt der Manager und vertraut offenbar auf den Glauben der Konsumenten - und ihre Geldbörse. Denn auch die Entscheidung der Gesundheitsbehörde zur Kostenerstattung fürchtet er offenbar nicht: "Das wird keinen Einfluss darauf haben, ob wir ein Gramm Globuli mehr verkaufen oder nicht."

Zu welchem Ergebnis die Gesundheitsbehörde auch kommt - die Universität Lille ist mit ihrem Beschluss zum Ausbildungsstopp vermutlich Vorreiter, auch wenn sie mit der Entscheidung momentan noch allein dasteht. Doch der Präsident der Nationalen Ärztekammer, Patrick Bouet, glaubt an eine Wende: "Ich hoffe, dass die Universitäten aus der Entscheidung ihre Konsequenzen ziehen werden."

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