Ersatzstoffe für Parabene Werbeslogan könnte für Hunderttausende Allergiefälle verantwortlich sein

Bis heute werden Shampoos und Cremes damit beworben, parabenfrei zu sein. Nun zeigt sich: Stoffe, die über viele Jahre stattdessen verwendet wurden, könnten bei 500.000 Menschen eine Allergie verursacht haben.

Kontaktallergie: Bei jeder Berührung mit dem Allergen entsteht ein Ekzem
Ulrich Zillmann/ imageBROKER RF/ Getty Images

Kontaktallergie: Bei jeder Berührung mit dem Allergen entsteht ein Ekzem

Von


Sie wollten eigentlich ihre Gesundheit schützen, nun haben sie eine Allergie. Etwa 500.000 Menschen könnten erkrankt sein, weil sie aus Angst vor schädlichen Nebenwirkungen zu parabenfreien Cremes und Shampoos gegriffen haben, berichtet der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) dem SPIEGEL.

Mit dem Aufdruck "parabenfrei" und anderen Formulierungen auf Pflegeprodukten suggerieren Hersteller seit Jahren, dass es einen Vorteil hat, auf die Konservierungsmittel zu verzichten. Auch grüne Interessenverbände wie der BUND warnen vor den Stoffen, weil Tierversuche gezeigt hatten, dass sie wie Hormone wirken können. Behörden sehen bei der Anwendung in üblichen Mengen aber keine Gefahr für die Bevölkerung.

"Die Kampagnen haben dazu geführt, dass die angeblich schädlichen Parabene ausgetauscht und dafür tatsächlich problematische Stoffe verwendet wurden", berichtet Axel Schnuch, langjähriger Leiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter des IVDK. Die Kosmetikhersteller begannen, ihre Produkte statt mit Parabenen mit dem Konservierungsmittel Methylisothiazolinon (MI) vor Pilzen und Bakterien zu schützen.

"Die Epidemie ist für das moderne Europa einzigartig"

Der Stoff ist dafür bekannt, beim Menschen leicht Allergien auszulösen. Gelangt er etwa in Form von Cremes auf die Haut, ist das Risiko einer Sensibilisierung hoch. Betroffene zeigen dann bei jedem weiteren Kontakt eine allergische Reaktion - bei MI typischerweise in Form von juckenden Hautekzemen.

Der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) erfasst seit mehr als zehn Jahren systematisch, wie häufig Ärzte eine MI-Allergie bei Allergietests in deutschen Kliniken nachweisen.

  • 2008 entdeckten die Mediziner die Erkrankung im Schnitt bei 1,6 von 100 Patienten,
  • bis 2014 stieg der Wert auf 7,1.

Auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland hochgerechnet sei allein in den Jahren 2010 bis 2014 von 500.000 Neuerkrankungen auszugehen, sagt Schnuch. "Diese Epidemie ist für das moderne Europa einzigartig."

Seit 2015 geht die Zahl der MI-Allergienachweise wieder zurück. Im April des Jahres war in der EU ein MI-haltiges Stoffgemisch in Kosmetika verboten worden, die auf der Haut bleiben - also etwa in Cremes. Seit Februar 2017 darf MI in den Produkten gar nicht mehr verwendet werden, abwaschbare Mittel wie Shampoos dürfen höchstens 0,01 Prozent des Stoffs enthalten. Einige Hersteller hatten ihr Sortiment bereits zuvor umgestellt.

Alternativen abwägen

Erledigt sei das Thema damit nicht, sagt Schnuch. Ein Mensch, der einmal eine Allergie gegen MI entwickelt habe, reagiere sein Leben lang allergisch auf den Stoff. Außerdem dürfe MI in anderen Bereichen weiter verwendet werden: So könnten Menschen, die zuvor durch Kosmetika sensibilisiert wurden, später etwa beim Kontakt mit Farben Ekzeme entwickeln. Das betreffe besonders Heimwerker und Maler.

Außerdem sieht Schnuch ein grundsätzliches Problem: "Bevor man einen Stoff verteufelt, sollte man sich fragen, was eigentlich die Alternative ist", sagt er. Das komme häufig zu kurz. So habe im Fall der Parabene eine "unheilige Allianz" von Umweltaktivisten, PR-Abteilungen, Medien und Kosmetikherstellern zu den Allergiefällen beigetragen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte bereits 2011 klargestellt, dass der generelle Ersatz von Parabenen in kosmetischen Mitteln nicht sinnvoll sei. "Viele der gegenwärtig verwendeten anderen Konservierungsstoffe haben ein deutlich höheres allergenes Potenzial als Parabene", schrieb es damals.

Inzwischen konservieren Kosmetikhersteller ihre Produkte häufig auf Basis des Stoffs Phenoxyethanol, berichtet Schnuch. Der Stoff gilt als gut verträglich und unproblematisch im Hinblick auf Allergien. Trotz aller Kritik, kommen mitunter aber auch Parabene weiter zum Einsatz.



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.