Schutz vor Zecken "Der gemeine Holzbock ist ein fauler Sack"

Nein, Zecken fallen nicht vom Baum. Sie lauern auf Wiesen und in Sträuchern, aber auf Kuhweiden ist das Risiko deutlich geringer, sich durch einen Stich zu infizieren. Wie man sich am besten schützt, erklärt Biologin Dania Richter im Interview.
Der gemeine Holzbock: Zecken mögen hohes Gras und Wegesränder

Der gemeine Holzbock: Zecken mögen hohes Gras und Wegesränder

Foto: Patrick Pleul/ dpa
Zur Person

Dania Richter ist Biologin und hat in Harvard promoviert. Danach forschte sie an der Charité in Berlin über Zecken und die von ihnen übertragenen Krankheiten. Heute arbeitet sie an der TU Braunschweig an Schutzstrategien gegen die von Zecken übertragene Lyme-Borreliose.

SPIEGEL ONLINE: Wo lauern die Zecken?

Richter: Der Gemeine Holzbock, die Zeckenart, die in Deutschland vor allem Krankheitserreger auf Menschen überträgt, lauert im Gras und in der Strauchschicht. Das heißt, die Tiere sitzen auf Pflanzen in Waden- oder Kniehöhe, gelegentlich auch bis zu einem Meter hoch - gerne auf Grashalmen oder Ästen von Sträuchern, die in einen Weg hineinragen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fallen nicht von Bäumen?

Richter: Nein definitiv nicht. Der Gemeine Holzbock ist eigentlich ein fauler Sack, er wartet, bis er von seinem Wirt abgestreift wird. Die Zecken mögen es außerdem feucht und schattig. Deshalb findet man sie oft am Waldrand. Je mehr Sonne, desto trockener, desto schlechter sind die Bedingungen für die Zecke.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, wenn ich mich in der Stadt auf eine Wiese in der Sonne lege, ist die Gefahr gering?

Richter: Das lässt sich leider nicht generalisieren, der Schatten wandert ja auch. Wenn der Gemeine Holzbock die richtigen klimatischen Bedingungen hat und die passenden Wirte findet, kann er auch weit entfernt von Wäldern vorkommen. Wir haben in Berlin Untersuchungsstellen, die überhaupt nicht an Wald erinnern - zum Beispiel Hinterhöfe.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich vor einem Zeckenstich schützen?

Richter: Auf freie Hautpartien sollte man Mückenschutzmittel auftragen - auf der Verpackung steht, ob ein Produkt gegen Zecken wirkt. Ich trage außerdem, wenn ich in der Natur bin, immer lange Hosen. Wenn Sie eine Zecke vom Grashalm abstreifen, ist sie erst mal auf der Suche nach einem Stück nackiger Haut, weil sie Textilien nicht durchstechen kann. Die nächstgelegene Eingangspforte für die Zecke ist dann unten am Hosenbein. Dort mache ich dicht, in dem ich die Strümpfe über die Hosenbeine ziehe.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Ärmeln, könnten Zecken auch dort rein kriechen?

Richter: In 50 bis 100 Zentimetern Höhe, wo die Zecken sitzen, hängen die Arme von Erwachsenen eher nicht. Aber Kinder können Zecken auch mit den Ärmeln abstreifen. Außerdem ist man zum Beispiel beim Picknicken mit den Armen dichter am Gras.

SPIEGEL ONLINE: Und wie schützt man sich dann?

Richter: Ich picknicke auch gerne - aber dann nehme ich eine Decke mit als zusätzliche Barriere. Ganz wird man trotzdem nicht vermeiden können, dass mal eine Zecke auf einem herumkrabbelt. Deshalb ist es wichtig, dass man sich, sobald man zu Hause ist, gründlich absucht - und Zecken entfernt, sobald man sie findet. Danach sollte man die Einstichstelle gründlich desinfizieren, sich aufschreiben, wo die Zecke saß und wann. Sollten sich Symptome zeigen, kann man dem Arzt Auskunft geben. Wenn man die Wanderröte, eine ringförmige, sich ausdehnende Rötung, ein bis vier Wochen nach dem Zeckenstich findet, ist das eine klare Indikation, zum Arzt zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist ein Zeckenstich, wie viel Prozent der Gestochenen bekommen einen Infekt?

Richter: Nicht jede Zecke ist infiziert. Und ob man sich durch eine infizierte Zecke ansteckt, hängt vor allem davon ab, wie lange diese saugt. Die Erreger der Lyme-Borreliose werden nicht sofort übertragen. In der hungrigen Zecke befinden sie sich im Mitteldarm. Erst wenn die Zecke einen Wirt gefunden hat und die ersten Tropfen Blut dort ankommen, bekommen die Borrelien ein Signal, sich zu teilen, im Körper der Zecke auszuschwärmen und in die Speicheldrüsen zu wandern. Und wenn sie in den Speicheldrüsen sind, können sie mit dem Speichel in die Stichwunde gelangen. Dieser Prozess dauert 24 bis 30 Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Und der FSME-Erreger?

Richter: Der sitzt leider oft schon bei Beginn der Blutmahlzeit in den Speicheldrüsen und kann relativ schnell übertragen werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Gebiete, in denen Menschen besonders gefährdet sind, sich mit Borrelien anzustecken?

Richter: Von Flensburg bis Konstanz, vom nördlichsten Zipfel bis ganz in den Süden Deutschlands kommen Borrelien vor. Aber es gibt lokal sehr starke Unterschiede. Interessant ist, dass dort, wo Wiederkäuer grasen, die Zecken seltener mit den Erregern der Lyme-Borreliose infiziert sind.

SPIEGEL ONLINE: Ein Picknick am besten auf der Viehweide neben Kühen, Schafen oder Ziegen?

Richter: Ja. In einer Studie haben wir verglichen, wie viele infizierte Zecken es einerseits auf Brachland mit jungen Bäumen und andererseits auf einer Viehweide gibt. Ergebnis: Man kann theoretisch auf der Weide zwei Stunden spazieren gehen und begegnet einer infizierten Zecke. Am Wegesrand im schattigen Wald der Brache trifft man in der gleichen Zeit auf etwa 50 infizierte Zecken.

SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es neben den Borrelien noch ein Virus, das von Zecken übertragen wird, gegen das im Gegensatz zur Borreliose geimpft werden kann und das FSME auslöst. Ist es wahrscheinlicher, sich mit Borrelien oder FSME zu infizieren?

Richter: FSME kommt eher im süddeutschen Raum vor, das Robert Koch-Institut gibt dafür eine Risiko-Karte heraus . In den FSME-Risikogebieten sind Zecken im Promille- oder im einstelligen Prozent-Bereich mit dem Virus infiziert. Bei den Borrelien gibt es Untersuchungsflächen, auf denen 45 Prozent aller Zecken mit den Erregern der Lyme-Borreliose infiziert sind, im Durchschnitt sind es in Deutschland wohl 25 bis 30 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie die FSME-Impfung empfehlen für Menschen, die oft wandern?

Richter: Ja, wenn man in den Risikogebieten oft im Freien unterwegs ist, sollte man sich impfen lassen. Aber das sollte jeder mit seinem Arzt besprechen.

Das Interview führte Frederick Jötten.