Buch "Geschichten vom Sterben" Zwischen Unglück und Lebenswillen

Der Tod erscheint selten gerecht. Viele Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben, doch den wenigsten wird das ermöglicht. In dem Buch "Geschichten vom Sterben" erzählen eine Ärztin und ein Schriftsteller von zwölf Kranken, die nie wieder gesund werden - und bis zuletzt am Leben hängen.
Beistand am Ende des Lebens: "Schwer vorstellbar, wie ein Kranker all das ertragen kann"

Beistand am Ende des Lebens: "Schwer vorstellbar, wie ein Kranker all das ertragen kann"

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Berlin - Manchmal geht es am Schluss ganz schnell, manchmal dauert es quälend lang. Oft begleiten Schmerzen die letzten Wochen und Tage, mitunter reißt ein unermesslicher Lebenswille die Todkranken noch einmal aus dem Bett. Sterben ist individuell. Sterben bedeutet Hilflosigkeit. "Es bedeutet, sich ausliefern zu müssen, verletzlich und wehrlos zu sein", schreibt die Palliativmedizinerin Petra Anwar. Gemeinsam mit dem Schriftsteller John von Düffel hat sie ein berührendes Buch mit "Geschichten vom Sterben" verfasst. Darin erzählen die Autoren von zwölf Menschen, für die es keine Hoffnung auf Genesung mehr gibt - und die zu Hause sterben wollen.

Die Palliativmedizinerin Anwar gewährt in dem Buch Einblick in ihre Arbeit. Sie gibt viel von sich preis, erzählt von Fällen, die ihr nahe gehen. Zum Beispiel die gleichaltrige Mutter und Krankenschwester, deren Tumor unaufhaltsam wächst. "Für Außenstehende müssen wir uns anhören wie zwei Freundinnen beim Kaffeeklatsch." Doch die Rolle der Ärztin bleibt. "Mich macht es regelrecht fertig, zusehen zu müssen, wie sie sich manchmal quält. Aber ich muss den Weg, den sie wählt, mitgehen."

Die 47-jährige Ärztin versorgt die Todkranken im häuslichen Umfeld. In dem preisgekrönten Krebsdrama von 2011 "Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen betreut sie einen Familienvater, der an einem Hirntumor erkrankt und von seinen Angehörigen im Sterben begleitet wird. Im Zuge des Films wurde der Piper Verlag, bei dem das Buch kürzlich erschienen ist, auf Petra Anwar und ihre Arbeit aufmerksam.

"Wir hängen an unserem Leben - bis zuletzt"

Anwar will aufklären über das Sterben, über das so oft geschwiegen wird, nichts verschweigen oder verharmlosen. Möglicherweise geht es deshalb in dem Buch oft schonungslos zu. "Der Tumor wuchs immer schneller, bereitete immer größere Probleme, er hatte sich bis zur Mundhöhle durchgefressen und dort ein weiteres Loch gerissen." Der Tod ist oft hässlich.

Dem Unglück aber steht oft der Lebenswille der Patienten gegenüber. Viele bäumen sich vor dem Sterben geradezu auf, wollen jeden Tag auskosten. Anwar beobachtet Kleinigkeiten, erzählt, dass ihre Patienten trotz Appetitlosigkeit am liebsten Kochsendungen sehen. Am wichtigsten ist für die Ärztin der Halt, den der Kranke in seinem Umfeld erhält. Die Rollenverteilung kehre sich um: "Aus dem Beschützer wird der zu Beschützende, aus dem stärksten Glied der Familie das schwächste, und was immer sicher und selbstverständlich war, wird auf einmal zur Hauptsorge."

Kritik äußert die 47-Jährige am Unvermögen mancher Ärzte, Krebspatienten richtig zu beraten und an den Schwierigkeiten für die Angehörigen bei der Versorgung. "Für eine solche Pflegesituation hat unsere Gesellschaft nur kurze Zeit Verständnis. Eine monatelange Abwesenheit von Beruf oder Ausbildung wird nicht toleriert."

Die Angst vor Krankheit und Tod kann das Buch wohl nicht nehmen. Aber es kann das Thema Palliativmedizin weiter in das Bewusstsein rücken. "Für uns Gesunde ist es manchmal schwer vorstellbar, wie jemand all das ertragen kann", schreibt Anwar. Aber: "Wir hängen an unserem Leben, auch wenn es noch so schwer ist. Bis zuletzt."

hei/dpa
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