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14. Mai 2017, 10:32 Uhr

Ein rätselhafter Patient

Weisheitszahn raus - Schwellung nimmt zu

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Nach einer Weisheitszahn-OP schwillt die linke Gesichtshälfte eines 59-jährigen Diabetikers plötzlich an. Antibiotika helfen nicht. Als die Ärzte chirurgisch eingreifen, schneiden sie an der falschen Stelle.

Der Weisheitszahn ist zwar raus, aber besser geht es dem 59-Jährigen aus Beirut nicht. Im Gegenteil. Seine linke Gesichtshälfte schwillt schon einen Tag nach dem Eingriff immer stärker an, die Haut ist gerötet, er bekommt Fieber. Besorgt sucht er Rat bei seinem Arzt, der ihm ein Antibiotikum verschreibt.

Das hilft aber nicht. Weil der vielbeschäftigte Libanese schon seit 20 Jahren einen schlecht eingestellten Diabetes mit Folgeschäden an den Augen hat, überweist der Arzt ihn an die American University of Beirut. Die Gefahr, eine Infektion nicht in den Griff zu bekommen, ist bei Diabetes-Patienten wie dem 59-Jährigen größer als bei Gesunden. Außerdem leidet der Mann unter Bluthochdruck und Arteriosklerose, er hat bereits Bypässe am Herzen bekommen.

Bei der Aufnahme in der Klinik - drei Tage nachdem der Weisheitszahn gezogen wurde - ist seine linke Gesichtshälfte so stark geschwollen, dass er sein Auge nicht mehr öffnen kann. Mund und Nase sind nach rechts gedrückt und der linke Mundwinkel hängt herab. Die Haut am Auge ist stark gerötet. Das Blutbild zeigt, dass sich das Immunsystem wehrt - die weißen Blutkörperchen sind stark erhöht.

Falsche Verdachtsdiagnose

Eine Computertomografie-Untersuchung zeigt, dass sich dort ein Abszess - also eine Eiterhöhle - gebildet hat, wo vorher der Weisheitszahn saß. Weil das gesamte Weichteilgewebe der Wange in Höhe des Oberkiefers bis zum Auge massiv verdickt ist, glauben die Ärzte, dass sich auch der Tränensack entzündet hat. Die Augenhöhlen scheinen allerdings nicht betroffen zu sein, wie sie in "BMJ Case Reports" berichten.

Die Situation ist nicht ungefährlich: Wenn sich die Entzündung doch weiter in die Augenhöhle ausbreitet, könnte der Mann sein Augenlicht auf der linken Seite verlieren. Außerdem können Erreger mitunter über die Venen bis ins Gehirn verschleppt werden.

Die Ärzte wollen auf Nummer sicher gehen: Sie geben ihrem Patienten zwei zusätzliche Antibiotika, um das Wirkspektrum zu vergrößern. Außerdem wollen sie den Tränensack mit einem kleinen Schnitt öffnen.

Bei der Operation schneiden sie zunächst in den inneren Lidwinkel. Das Gewebe darunter sieht vollkommen normal aus, es ist nicht gerötet oder entzündet - eine Tränensackentzündung hat der Patient nicht.

Die Schwellung verschwindet nicht ganz

Die Verdachtsdiagnose ist falsch. Aber was hat der Mann stattdessen? Die Ärzte vertiefen den Schnitt nicht, sondern beenden den Eingriff. Dann punktieren sie den Abszess. Zwar fließt nicht der gesamte Eiter ab, aber in einer Bakterienkultur identifizieren die Mikrobiologen Enterokokken in der Flüssigkeit und können nun gezielt das richtige Antibiotikum geben.

Die Schwellung geht zurück - verschwindet aber nicht komplett. Der Mann kann jetzt sein Auge wieder öffnen, aber unterhalb des linken Augenlides ist die Haut weiterhin gerötet und vorgewölbt. Ein Kernspinbild zeigt genauer, was sich in der Wange abspielt: Im Gewebe haben sich dünne Häute gebildet, dazwischen sammelt sich Flüssigkeit. Die Ärzte wundern sich, dass die auch Zellulitis genannte Entzündung des Unterhautgewebes nicht schneller auf die Antibiotika reagiert.

Nach zwei weiteren Tagen hilft sich der Körper des Mannes selbst: Die Entzündung unterhalb des Auges öffnet sich von selbst, und der Eiter fließt ab. Nachdem die Ärzte den Abszess am Kiefer erneut entleert haben, entlassen sie den Mann nach Hause, er muss die Antibiotika noch zwei Wochen weiter nehmen. Einen Monat, nachdem er in die Klinik eingeliefert worden war, sind die Schwellung und die Entzündung komplett verschwunden.

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