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Chronotypen Wer früher aufsteht, hat mehr Bewegung

Ob jemand Eule oder Lerche ist, könnte beeinflussen, wie viel er sich bewegt - und damit, wie gesund er lebt. Die Gründe dafür sehen Forscher auch in unserer Gesellschaft.
Von Irene Berres

Das Leben ist ungerecht, zumindest was die innere Uhr mancher Menschen betrifft. Während einige morgens ohne Probleme aus dem Bett springen, signalisiert der Körper anderen, dass er eigentlich dringend noch etwas mehr Schlaf braucht. Diese Menschen werden erst richtig fit, wenn die ersten Schulstunden schon vorbei sind, andere in die Mittagspause starten oder ihre erste Sporteinheit abgeschlossen haben.

Menschen mit einem späten Chronotyp, sogenannte "Eulen", haben es schwerer in unserer Gesellschaft, in dieser Hinsicht sind sich Schlafforscher einig. Die möglichen Folgen reichen bis hin zu einer schlechteren Abiturnote. Doch auch das Bewegungspensum eines Menschen kann davon abhängen, ob er Lerche, Eule oder Taube ist - also irgendetwas zwischendrin. Das haben finnische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer großen Studie mit mehr als 5000 Personen beobachtet.

Die Ergebnisse bestärkten einmal mehr, dass der Chronotyp eine überraschend große Rolle in unserem Leben spielen könne, sagte die Studienleiterin Laura Nauha von der Universität Oulu in einem Artikel der "New York Times" .

Chronotypen: Leicht verstellte innere Uhr

Der Körper braucht die innere Uhr, um seine Maschinerie auf den Tag-Nacht-Rhythmus abzustimmen. Mit ihrer Hilfe steuert er Verdauung, Entgiftung, Blutdruck und sorgt dafür, dass in der Nacht Reserven aufgefüllt werden. Allerdings ist die innere Uhr nur bei den wenigsten genau auf 24 Stunden getaktet. Geht sie vor, sind die Betroffenen Morgenmenschen und immer etwas früher dran. Geht sie hingegen nach, handelt es sich um Spättypen, Abendmenschen oder eben Eulen. Die Grundlage dafür ist in den Genen festgeschrieben.

Dass diese Verschiebung überhaupt so deutlich wird, liegt an unserem modernen Lebensstil. Eigentlich nutzt der Körper die intensive blaue Strahlung des Tageslichts, um die innere Uhr nachzustellen. Durch künstliches Licht, gemauerte Häuser und Vorhänge aber haben wir diesen natürlichen Taktgeber weitgehend aus unserem Leben ausgeschlossen.

Bewegungsmesser mit geschwärztem Display

Um den Einfluss des Chronotyps auf das Bewegungsverhalten zu untersuchen, nutzten die Forscher der Universität Oulu Daten von insgesamt 5000 Männern und Frauen. Alle mussten zwei Wochen lang rund um die Uhr ein Armband tragen, das ihre Bewegungen erfasste. Damit die Ergebnisse sie nicht etwa zu mehr Sport animierten, war das Display geschwärzt.

Außerdem füllten die Teilnehmer einen Fragebogen aus, auf dessen Basis die Wissenschaftler sie in Morgentypen, Abendtypen oder die dazwischen liegenden Tagestypen einteilten.

Da sich Chronotyp und Bewegungsmuster bei Männern und Frauen unterscheiden können, werteten die Forscher die Daten beider Geschlechter getrennt aus. Frauen tendieren eher zum Frühtyp. Allerdings verwischen sich die Geschlechterunterschiede ab dem 40. Geburtstag. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehören alle dem Jahrgang 1966 an, sie waren also, als ihre Daten 2012 erhoben wurden, alle um die 46 Jahre alt.

Das Ergebnis bestätigte die Vermutung der Forscher: Abendmenschen bewegen sich im Schnitt weniger oder zumindest weniger intensiv als Morgenmenschen. Der Effekt war bei den Männern ausgeprägter, berichten die Wissenschaftler in der im Juni veröffentlichten Studie  im "Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports".

Unterschiede von einem Spaziergang pro Tag

Die täglichen Unterschiede zwischen Morgen- und Abendmenschen entsprachen bei Männern ungefähr einem 30-minütigen Spaziergang; bei Frauen war es ein 20-minütiger Spaziergang. Was nach wenig klingt, kann sich über einen längeren Zeitraum schnell auf die Figur auswirken.

Bei der Untersuchung handelt es sich zwar nur um eine Beobachtungsstudie. Die Forscher können nicht sicher sagen, ob tatsächlich der Chronotyp und nicht etwas anderes dazu geführt hat, dass sich die Morgenmenschen in der Studie mehr bewegten. Allerdings blieb das Ergebnis auch bestehen, als die Wissenschaftler weitere mögliche Einflussfaktoren wie körperliche Arbeit, BMI oder den Bildungsstatus herausrechneten.

"Es muss klar sein, dass es hier nicht um Wellness geht"

Renommierter Schlafforscher zu den Unterschieden zwischen Früh- und Spättypen

Außerdem deckt sich das Ergebnis mit einer Befragung  von knapp 5000 Menschen aus dem Jahr 2015, die ebenfalls in Finnland durchgeführt wurde. Auch bei dieser Studie bewegten sich Morgenmenschen tendenziell mehr, während Abendmenschen tendenziell mehr Zeit im Sitzen oder Liegen verbrachten.

Eine mögliche Ursache sehen die Forscher in den Rhythmen unserer Gesellschaft. Wer morgens immer aus dem Schlaf gerissen wird und müde durch den Tag kommt, hat möglicherweise weniger Lust, sich zu bewegen. Auch die Auswahl an Sportkursen wird gegen Abend immer rarer. Und, das leuchtet ein: Eulen sitzen abends tendenziell länger vorm Fernseher, während die Lerchen schon schlafen.

"Man ist ein Frühtyp, genauso wie man 1,70 oder 1,80 Meter groß ist"

Es könne sich lohnen, den Chronotypen eines Menschen zu berücksichtigen, wenn man ihn zu mehr körperlicher Aktivität bewegen wolle, schreiben die Forscher in einer Mitteilung ihrer Universität .

Weniger Bewegung ist nicht das einzige potenziell gesundheitsschädliche Verhalten, das Forscher bei Abendmenschen gehäuft beobachtet haben. Auf der Liste stehen auch mehr Fast Food, mehr Koffein, mehr digitaler Medienkonsum, mehr Zigaretten und mehr Alkohol. Weiterführende Untersuchungen  weisen zudem darauf hin, dass Spättypen häufiger Krankheiten wie Diabetes oder Depressionen entwickeln.

Schlafmediziner kämpfen schon lange dafür, das Leben in der Gesellschaft stärker nach der inneren Uhr auszurichten, statt alle in ein Raster zu pressen. "Es muss klar sein, dass es hier nicht um Wellness geht", sagte ein Forscher Ende 2019 beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin. "Die Gene sind ganz entscheidend. Man ist ein Frühtyp, genauso wie man 1,70 oder 1,80 Meter groß ist."

irb
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