Nina Weber

Glyphosat im Bier Schluck!

Menschen sind schlecht darin, Risiken einzuschätzen. Die Mehrheit hat Angst vorm Fliegen, nicht vorm Autofahren. Und wenn ein Umweltverband Glyphosat in Bier entdeckt, sind sie aufgescheucht. Warum?
Oktoberfest: Angst vor Pestiziden?

Oktoberfest: Angst vor Pestiziden?

Foto: Johannes Simon/ Getty Images

Wir werden alle sterben. So viel steht fest, falls der exzentrische Wissenschaftler Aubrey de Grey  nicht doch seinen großen Forschertraum erfüllt und uns unsterblich macht.

Bleibt die Frage, woran wir sterben.

In Deutschland werden die meisten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dahingerafft. Machen Sie sich deshalb ständig Sorgen um ihr Herz? Vermutlich nicht. Kardiologen klagen regelmäßig, dass Bluthochdruck nicht schmerzt. Weil den Betroffenen nur das diffuse Risiko droht, irgendwann einen Infarkt oder Schlaganfall zu erleiden, ist die Motivation gering, das Leben wegen des Blutdrucks umzukrempeln oder ständig deswegen Medikamente zu schlucken.

Menschen sind eben nicht besonders gut darin, Risiken einzuschätzen und entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Noch ein Beispiel: Vorm Fliegen fürchten sich viele, aber nicht vorm Autofahren, obwohl hierzulande im vergangenen Jahr 3475 Menschen bei Verkehrsunfällen gestorben sind. Angst macht, wenn wir nicht die Kontrolle haben. Als Autofahrer hat man sie, wenn oft auch nur scheinbar, als Flugzeugpassagier nicht.

Womit wir beim Glyphosat im Bier wären.

Wasser, Malz, Hopfen und Hefe - mehr ist nicht drin laut dem deutschen - unserem! - Reinheitsgebot. Da hat man doch alles im Griff. Wunderbar. Der durchschnittliche Deutsche trinkt also mit gutem Gewissen gut hundert Liter Bier im Jahr.

Das Umweltinstitut München hat deshalb einen Nerv getroffen, als es berichtete, es habe in den 14 meist verkauften Biersorten Glyphosat nachgewiesen. Dass die entdeckten Mengen so gering sind, dass der Durchschnittsdeutsche Hunderte Liter Bier an einem einzigen Tag runterschlucken könnte, ohne dass eine Gefahr vom Pestizid ausginge - so ein Detail geht da schnell unter. Vor allem, wenn man noch den Agrarkonzern Monsanto, für so manche der Inbegriff des Bösen schlechthin, in der Meldung unterbringen kann.

Da lässt man es dem Institut, das sich nach eigener Aussage für gentechnikfreies Essen und ökologischen Landbau einsetzt, auch durchgehen,

  • dass es nicht einmal verrät, wie viele Flaschen es überhaupt untersucht hat,
  • dass es einzelne Marken mit Glyphosat-Werten auflistet, obwohl es selbst zugibt: Eine generelle Aussage über die generelle Belastung der Biermarken erlauben die Werte nicht,
  • und dass es die Testergebnisse mit dem Trinkwasser-Grenzwert vergleicht, was man nur als geschickten Schachzug bewerten kann, weil bei Trinkwasser ganz andere Qualitätsansprüche gelten müssen. Trinkwasser ist das in Deutschland am strengsten kontrollierte Lebensmittel.

Ja, es ist ein valider Standpunkt zu sagen: Ein Pestizid gehört da nicht rein, wir wollen kein Glyphosat im Bier.

Und wenn verschiedene Behörden und renommierte Wissenschaftler streiten, ob das Pestizid nun krebserregend ist oder nicht, und Politiker diskutieren, ob es weiter eingesetzt werden darf oder verboten wird, dann ist es irgendwie menschlich, sich auf die Seite der Biobauern zu stellen und nicht auf die von Großkonzernen und konventioneller Landwirtschaft. Und damit intuitiv jenen mehr Glauben zu schenken, die vor dem Pestizid warnen. Bestätigungsfehler nennen das Psychologen: Wir bleiben an der Information hängen, die unsere Weltsicht bestätigt.

Wenn wir jedoch über Risiken reden, ist ein natürlicher Inhaltsstoff des Bieres ein viel größeres: der Alkohol.

Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC, die Glyphosat als "vermutlich krebserregend" eingestuft hat, bewertet Alkohol in Getränken als "sicher krebserregend" .

Nun ist Alkoholkonsum kulturell so anerkannt, dass lediglich zu Mengenbegrenzungen geraten wird. Ein halber Liter Bier am Tag für Männer, ein Viertelliter für Frauen - das wird schon passen. Tatsächlich, auch wenn wir es ganz genau nehmen, so wie mit dem Glyphosat? Tja. "Für das Krebsrisiko gilt: Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es keine Menge an Alkohol gibt, die bedenkenlos konsumiert werden kann", schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum .

Was, das ist Ihnen wurst?

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