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04. März 2016, 17:34 Uhr

Glyphosat im Urin

Panikmache auf Verbraucherkosten

Eine Analyse von

Umweltschützer haben im Urin von Kindern und Erwachsenen Glyphosat gefunden. Experten überrascht das nicht. In der Diskussion um mögliche Gesundheitsgefahren verstärkt die Untersuchung diffuse Ängste.

75 Prozent der Deutschen sind deutlich mit Glyphosat belastet - zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung, die die Heinrich Böll Stiftung auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt hat. "Die höchsten Belastungen ließen sich bei Kindern von null bis neun Jahren und Kindern und Jugendlichen von zehn bis neunzehn Jahren nachweisen."

Grundlage für die Aussagen ist eine Untersuchung der Bürgerinitiative "landwende.de" und der Bioladenkette "Basic". Diese hatten Urinproben von gut 2000 Freiwilligen auf Rückstände des umstrittenen Unkrautvernichters analysieren lassen. Die Probanden mussten die Untersuchung selbst bezahlen. Inwiefern die Stichprobe aus knapp 2000 Freiwilligen repräsentativ für Deutschland ist, ist unklar. Nun versuchen die Verantwortlichen, mit dem Ergebnis Politik zu machen.

Insgesamt entdeckten die Autoren bei gut 99 Prozent der Proben Glyphosatrückstände im Urin. Bei 75 Prozent der Probanden, den "deutlich mit Glyphosat" Belasteten, liege der Wert mit mindestens 0,5 Mikrogramm pro Liter Urin um ein Fünffaches höher als der Grenzwert fürs Trinkwasser, heißt es in einer Pressemitteilung. Ein Drittel der Untersuchten habe sogar die zehnfache bis 42-fache Menge des Grenzwerts im Urin.

Glyphosat: Neuzulassung steht unmittelbar bevor

Das klingt dramatisch, und das soll es offenbar auch. Die Veröffentlichung erscheint nicht zufällig eine gute Woche, nachdem das Umweltinstitut München (nicht zu verwechseln mit dem staatlichen Umweltbundesamt) eine Untersuchung zu Glyphosat in Bier herausgegeben hat. Die Veröffentlichungszeitpunkte beider Untersuchungen sind sehr wahrscheinlich politisch motiviert: Kommende Woche soll auf EU-Ebene über die Zulassung von Glyphosat für weitere 15 Jahre abgestimmt werden.

Über die Gefahren, die von Glyphosat ausgehen, streiten Experten seit Langem. Im Juli 2015 stufte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) den Unkrautvernichter als wahrscheinlich krebserregend ein. Im November kam die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, nach einer Beurteilung durch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), zum gegenteiligen Ergebnis.

Anschließend wurden Protestbriefe geschrieben. Das BfR blieb bei seiner Einschätzung - und der Verbraucher ratlos zurück. Methodisch schwache Untersuchungen über Glyphosat in Bier tragen in dieser Lage ebenso wenig zu einer besseren Einschätzung bei wie die aktuelle Urinuntersuchung. Vielmehr hinterlassen sie beim Verbraucher ein diffuses Gefühl der Angst.

Trinkwassergrenzwert sagt nichts über Risiken aus

Der Knackpunkt in beiden Untersuchungen (unabhängig von sonstigen Interessenkonflikten und inhaltlichen Mängeln): Die gefundenen Werte in Urin und Bier werden mit Trinkwassergrenzwerten verglichen und so dramatisch klingende Grenzwertüberschreitungen suggeriert.

Trinkwasser gilt allerdings nicht ohne Grund als eines der am besten kontrollierten Lebensmittel in Deutschland. Die Grenzwerte wurden einst pauschal an der Nachweisgrenze festgelegt, also so niedrig, dass man kein einziges Schadstoffmolekül finden durfte. Über gesundheitliche Risiken für den Menschen sagt der Trinkwassergrenzwert nichts aus.

Hinzu kommt, dass in der aktuellen Untersuchung mögliche Interessenskonflikte nicht offengelegt wurden. In der Einladung zur Pressekonferenz ist die Rede von einer "Datenerhebung, die in Zusammenarbeit mit einem unabhängigen Labor durchgeführt wurde". Tatsächlich hat Studienleiterin Monika Krüger das Labor BioCheck-Holzhausen, das die Proben analysiert hat, mitgegründet.

Unterdessen gibt das BfR, das sich mit Gesundheitsrisiken beschäftigt, Entwarnung: 1,09 Mikrogramm Glyphosat pro Liter Urin hatten Krüger und Kollegen in ihrer Untersuchung durchschnittlich gefunden. Der Maximalwert lag bei 4,2 Mikrogramm pro Liter. Da bekannt sei, dass Glyphosat zu maximal 20 Prozent aus dem Darm absorbiert und später über den Urin ausgeschieden werde, könne man daraus errechnen, wie viel des Stoffs in etwa aufgenommen wurde, so das BfR.

"Weder die Maximal- noch die Mittelwerte sind gesundheitlich bedenklich, da die daraus zu errechnende Belastung weit unterhalb der Grenzwerte liegt", schreibt die Behörde auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Der Grenzwert für die maximale tägliche Aufnahme von Glyphosat liegt bei 0,5 Milligramm Glyphosat pro Kilogramm Körpergewicht. In einer aktuellen Mitteilung weist das Institut darauf hin, dass dieser Wert explizit auch für Kinder und andere empfindliche Bevölkerungsgruppen sicher ist.

Zudem merkt das BfR an, dass Glyphosat nahezu vollständig chemisch unverändert ausgeschieden werde und sich nicht im Körper anreichert.

Glyphosat-Protest greift zu kurz

Auch das Umweltbundesamt (UBA), das sich mit den Auswirkungen von Schadstoffen für die Umwelt beschäftigt, überraschen die Messwerte niemanden. Bei einer Langzeitmessung mit etwa 400 Studenten über 15 Jahre fanden die Wissenschaftler ganz ähnliche Werte im Urin der Probanden. Aus UBA-Perspektive greift die Glyphosat-Debatte grundsätzlich zu kurz.

Wichtig sei, einzelne Pflanzenschutzmittel nicht isoliert zu betrachten, schreibt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger auf Anfrage. "Es ist der intensive Einsatz der Mittel in ihrer Gesamtheit, der ökologisch nicht nachhaltig ist." Die Folgen seien Einbüßen bei der Artenvielfalt und die Belastung des Grundwassers. Deshalb müsse man auch in der konventionellen Landwirtschaft zu deutlichen Veränderungen im Pflanzenschutz kommen.


Zusammengefasst: Eine Bürgerinitiative hat gemeinsam mit der Bioladenkette "Basic" Glyphosatrückstände im Urin von Kindern und Erwachsenen nachgewiesen und prangert eine Überschreitung des Trinkwassergrenzwerts an. Der Grenzwert sagt allerdings nichts über gesundheitliche Risiken aus. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält die gefundenen Mengen für unbedenklich. Die Untersuchung kommt wenige Tage, bevor die EU über die weitere Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat entscheiden will. Einen nützlichen Beitrag zur Risikoabschätzung liefert sie aber nicht.

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