Christoph Seidler

Kommentar zu Glyphosat-Zulassung Klar, Feenstaub wäre besser

Mindestens eineinhalb Jahre dürfen Bauern noch Glyphosat einsetzen. Und selbst wenn das Pflanzengift danach verboten wird, werden sie kaum auf alte Techniken umstellen - solange Konsumenten sie nicht dazu zwingen.
Landwirt versprüht in Sieversdorf (Brandenburg) ein Pestizid

Landwirt versprüht in Sieversdorf (Brandenburg) ein Pestizid

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Das umstrittene Pflanzengift Glyphosat bekommt also eine Gnadenfrist. Die EU-Kommission verlängert die Einsatzgenehmigung um anderthalb Jahre. In dieser Zeit soll die Europäische Chemikalienagentur Echa erklären, was sie von der Substanz hält.

Eigentlich wollten Europas Regierungen gemeinsam darüber abstimmen - aber sie konnten sich monatelang nicht einigen. Am Ende schoben sie die unpopuläre Entscheidung auf die Brüsseler Bürokratie ab. Womöglich auch, um sich beim heimischen Wahlvolk über "die da" beschweren zu können - Vertrauen in Europas Institutionen schafft man, nebenbei gesprochen, so nicht.

Hätte man Glyphosat außerdem nicht gleich ganz verbieten müssen? Immer wieder war von möglichen Krebsrisiken durch das umstrittene Pestizid die Rede. Und überhaupt: Verdient nicht der bei vielen so verhasste Agrargigant Monsanto damit Milliarden? Vielleicht ist ja damit auch irgendwie Schluss, hätte der eine oder andere Kämpfer für eine bessere Welt hoffen können.

Doch tatsächlich wäre ein Aus für das Pflanzenschutzmittel nur ein Scheinsieg für Umwelt und Verbraucher gewesen. Natürlich kann niemand ernsthaft froh sein über Gift im Essen. Über einen Stoff, der zumindest in hohen Dosierungen im Tierversuch Krebs ausgelöst hat - auch wenn bei Verbrauchern solche Mengen nach Ansicht von Forschern gar nicht zusammenkommen.

Was kommt nach Glyphosat?

Egal - könnte man sagen. Sicher ist sicher - könnte man sagen. Vorsorgeprinzip - könnte man sagen. Auch niemand kann froh sein über die schwindende Vielfalt auf unseren Feldern, über Monokulturen bis zum Horizont. Das alles wird zu Recht mit Glyphosat in Verbindung gebracht.

Doch die Landwirte Europas werden kaum Feenstaub auf ihre Felder streuen, wenn das umstrittene Herbizid einmal verboten wird. Bernhard Krüsken, der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, hat im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE angedeutet, was stattdessen passieren dürfte: Viele seiner Kollegen werden Glyphosat einfach durch eine Mischung anderer Pflanzengifte ersetzen.

"Die anderen Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffgruppen haben jedoch ein höheres Risiko, dass Pflanzen resistent gegen sie werden", so der Agrarlobbyist. Man kann ihm glauben oder nicht - aber seine Einschätzung, dass diese Alternativen womöglich problematischer sind als das jetzt verbotene Mittel, ist sehr ernst zu nehmen. Viele Agrarforscher sehen das ganz ähnlich. Das Julius-Kühn-Institut das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, ebenso.

Ganz, ganz doll wünschen?

Glyphosatgegner verweisen gern darauf, dass sich Landwirte doch wieder auf den traditionellen Ackerbau besinnen könnten. Auf Fruchtfolgen. Auf Unkrautbekämpfung wie früher mit dem Pflug. Das könnten die Bauern tatsächlich. Das sollten sie womöglich sogar - auch wenn das durch erhöhten Treibhausgasausstoß wiederum negativere Folgen für das Klima hätte.

Nur durch ein Glyphosatverbot allein aber werden konventionelle Agrarbetriebe sicher nicht zu alten, weniger effizienten Kulturtechniken zurückkehren. Hier müsste der Gesetzgeber mit entsprechenden Abgaben und Subventionen nachhelfen. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft plädiert beispielsweise für eine Pestizidabgabe.

Was nicht reicht: sich ganz, ganz doll zu wünschen, dass künftig alles besser wird. Oder wie die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast auf eine "gute Landwirtschaft" zu hoffen, gar auf eine "Food Revolution".

Bio in der Nische

Die Revolution müsste sowieso nicht bei den Landwirten anfangen, sondern bei uns Verbrauchern. Ökologischer Landbau ist ineffizienter. Und er ist teurer. Zumindest in Industrieländern wie Deutschland ist das weiß Gott kein Killerkriterium. Aber man muss ihn sich eben auch leisten wollen. Das machen indes nur die wenigsten, der Bio-Anteil am gesamten Verkaufserlös der deutschen Landwirtschaft betrug laut der letzten Statistik  des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft 3,5 Prozent.

Nicht jeder, aber viele von uns könnten das ändern. Jeden Tag. Mit dem Einkaufswagen. Unterschriftensammlungen gegen die Auswüchse des Agrarbusiness allein werden dagegen nicht ausreichen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.