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12. November 2015, 17:35 Uhr

Pestizid Glyphosat

Wahrscheinlich krebserregend, wahrscheinlich nicht...

Der Streit über das Pestizid Glyphosat geht in die nächste Runde: Die zuständige EU-Behörde Efsa erklärt es für "wahrscheinlich nicht krebserregend". Jüngst war die Internationale Agentur für Krebsforschung zu einem anderen Schluss gekommen.

Glyphosat ist nicht nur eines der am häufigsten genutzten Pestizide, es ist auch das umstrittenste. Erst im Juli stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) den Unkrautvernichter als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Nun meldet sich die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa, zu Wort und teilt mit: "Es ist unwahrscheinlich, dass Glyphosat eine krebserregende Gefahr für den Menschen darstellt." Im Juni 2016 läuft die Zulassung des Pestizids in der EU aus, der Bericht der Efsa ist bei der Entscheidung relevant, ob sie verlängert wird.

Die Behörde schlägt vor, einen neuen Grenzwert für die akute Aufnahmemenge von Glyphosat, etwa während einer einzigen Mahlzeit, einzuführen und die Höchstgrenze auf 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zu setzen.

Der bisher bestehende Grenzwert für die regelmäßige tägliche Aufnahme soll hingegen von 0,3 auf 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht erhöht werden. Die Efsa begründet die vorgeschlagene Erhöhung damit, dass sich die Rechtsgrundlage verändert habe. Bisher habe die tägliche Aufnahme keinerlei Effekt im Körper bewirken dürfen, weder negativ noch positiv. Neuerdings dürfe die Aufnahme lediglich keinen gesundheitsschädlichen Effekt bewirken.

Wie kommt es zu unterschiedlichen Bewertungen?

Die aktuelle Studienlage ausgewertet hat nicht die Efsa direkt, sondern das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), weil Deutschland der Berichterstatter für die gemeinschaftliche Prüfung und Bewertung von Glyphosat ist, wie das BfR mitteilt.

Es habe mehr als tausend Studien, Dokumente und Veröffentlichungen geprüft und ausgewertet und sich auch der IARC-Monografie gewidmet. Die IARC stützt sich bei ihrer Bewertung ebenfalls auf eine Fülle von Untersuchungen.

Die Efsa hat nach eigenen Angaben mehrere Studien bewertet, die von der WHO-Agentur nicht mit einbezogen worden waren. Zudem gibt es unterschiedliche Ansätze: Während die Efsa nur die Wirkung von Glyphosat bewertet hat, beurteilte die IARC auch Mittel, in denen Glyphosat enthalten ist. Also die Frage, ob die auf dem Wirkstoff basierenden Pestizide krebserregend sind.

Und in entscheidenden Punkten gehen die Meinungen der Experten auseinander: Die Efsa bezieht sich unter anderem auf neun Langzeitstudien mit Ratten, deren Ergebnis sie als beruhigend einstuft - es sei keine wesentliche Zunahme von Tumoren festgestellt worden. Die IARC hatte dies laut Efsa anders gesehen.

Grundsätzlich gilt: IARC und Efsa haben unterschiedliche Aufgaben. Die IARC ermittelt in erster Linie, wie stark die Beweislage dafür ist, dass etwas beim Menschen Krebs auslöst - und nicht, wie stark der Effekt ist. Die Efsa und das BfR dagegen betreiben Risikobewertung: Sie treffen also Aussagen darüber, in welchen Konzentrationen oder bei welchen Aufnahmeformen etwas gesundheitsschädlich ist, weshalb sie auch Grenzwerte vorschlagen.

Um es mit einem anderen aktuellen Fall zu vergleichen: Wenn die IARC Wurst und Schinken als sicher krebserregend einstuft, folgt daraus folgerichtig nicht ein sofortiges Verbot der Fleischwaren. Aber die zuständigen Stellen werten aus, ob sie nicht ihre Empfehlungen verändern - und zum Beispiel zu einem maßvolleren Wurstverzehr raten.

Umweltschützer kritisieren die Efsa

Die Grünen verurteilten den Efsa-Bericht scharf. Der Europaparlamentarier Martin Häusling forderte: "Keine Wiederzulassung ohne Klärung aller offenen Fragen und bis dahin Anwendungen aussetzen." Auch Umweltschützer reagierten enttäuscht. "Würde Glyphosat verboten, wäre die industrialisierte Landwirtschaft, die ohne den massiven Einsatz von Spritzmitteln nicht auskommt, grundsätzlich infrage gestellt", kommentierte der BUND.

wbr/AFP/dpa

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