Umstrittenes Pestizid Uno sieht kein Glyphosat-Risiko für Verbraucher

Experten der Uno geben Entwarnung: Das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat stelle für Verbraucher keine Gefahr dar. Doch warum kam die Internationale Krebsforschungsagentur zu einem anderen Schluss?

Bauer in Mecklenburg-Vorpommern besprüht sein Feld (2009)
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Bauer in Mecklenburg-Vorpommern besprüht sein Feld (2009)

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Krebserregend oder nicht - das ist die entscheidende Frage im Zusammenhang mit dem Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat. Seit Monaten tobt ein erbitterter Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Chemikalie. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Ende Juni die derzeitige Zulassung des Pflanzengifts in der Europäischen Union ausläuft. Es geht also um die Frage, ob Glyphosat in Europa schon bald verboten wird - oder ob es, wie von der EU-Kommission vorgeschlagen, womöglich bis 2031 eingesetzt werden darf. Oder zumindest weitere sieben Jahre, wie das EU-Parlament vorschlägt.

Es geht auch um ein Milliardengeschäft. Der Hersteller Monsanto vermarktet das Produkt unter dem Markennamen Roundup, auch andere Firmen haben Glyphosat nach Ablauf der entsprechenden Patente im Programm. Der zuständige EU-Ausschuss für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit soll in dieser Woche entscheiden, wie es für die Chemikalie weitergeht, die laut einer Umfrage der Universität Göttingen in Deutschland auf 37 Prozent der Felder gespritzt wird.

Nun haben Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welternährungsorganisation (FAO) neue Einschätzungen zu Glyphosat veröffentlicht - passend zur entscheidenden Sitzung in Brüssel. Denn dass die neue Beurteilung dort von entscheidender Bedeutung sein dürfte, steht außer Frage.

"Die Experten sind nach eingehender Analyse aller vorliegenden Daten zu dem Schluss gekommen, dass für den Verbraucher von den Glyphosatrückständen in Lebensmitteln kein Gesundheitsrisiko ausgeht", sagt Angelika Tritscher von der WHO im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Nationale Behörden sind aufgefordert, angemessene Grenzwerte in Lebensmitteln festzulegen und zu kontrollieren, um den Verbraucher zu schützen."

"Natürlich", so sagt es die WHO-Expertin, muss man bedenken, "dass Pestizide per se toxisch sind. Daher ist ein verantwortungsvoller Umgang mit ihnen eine Grundvoraussetzung, um die Gesundheit zu schützen."

Die 18-köpfige Arbeitsgruppe namens Joint Meeting on Pesticide Residues, kurz JMPR, hatte vom 9. bis 13. Mai am WHO-Hauptsitz in Genf getagt. Die Experten unternahmen dabei keine eigenen Experimente, sondern werteten vorliegende Daten aus.

Die Ergebnisse sind in einer sechsseitigen Zusammenfassung des Treffens zu finden. Sie bestätigen im Kern eine frühere Einschätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Hier kam man im vergangenen November auch zu dem Schluss: Eine krebserregende Wirkung ist unwahrscheinlich, wenn das Mittel bestimmungsgemäß angewendet wird. Entscheidend dafür war eine Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung, weil Deutschland der zuständige Berichterstatter für die gemeinschaftliche Prüfung und Bewertung des Pflanzenschutzmittels ist.

Glyphosat-Gegner hatten diese Untersuchung kritisiert. Ihr wichtigstes Argument ist eine Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) in Lyon aus dem vergangenen Jahr. Dort hatte man das Pestizid als "wahrscheinlich krebserregend beim Menschen" eingestuft.

Stehen die aktuellen Schlussfolgerungen des JMPR dazu nun in Widerspruch? Nein, nicht unbedingt.

Die Experten beider Gremien haben schlicht unterschiedliche Aufgaben. Bei der IARC geht es - unabhängig von Einsatzszenarien oder Dosierung - um mögliche Krebsgefahren. Also: Wie stark ist die Beweislage dafür, dass etwas beim Menschen Krebs auslöst? Es geht dagegen nicht darum, wie stark der Effekt ist.

Beim JMPR geht es, ähnlich wie bei der EFSA, um praktische Fragen: In welchen Konzentrationen oder bei welchen Aufnahmeformen könnte ein Stoff gesundheitsschädlich sein? Also im konkreten Fall: Könnten über die Nahrung gefährlich hohe Mengen des Unkrautvernichters aufgenommen werden?

In seinem Bericht hält das JMPR fest, dass Glyphosat bei Tests an Mäusen womöglich in sehr hohen Dosen das Krebsrisiko tatsächlich erhöhen könnte. Bei Aufnahme durch Mund und Verdauungssystem kämen aber nicht annähernd so hohe Mengen zusammen. Daher: kein Risiko für Verbraucher. Der Grenzwert für die regelmäßige tägliche Aufnahme solle bei höchstens einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht liegen.

Anti-Glyphosat-Protest in Berlin (Mai 2016)
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Anti-Glyphosat-Protest in Berlin (Mai 2016)

In die aufgeheizte Diskussion um Glyphosat wird mit der neuen Einschätzung freilich kaum Ruhe kommen. Tatsächlich geht es dabei auch längst nicht mehr um wissenschaftliche Argumente, sondern um Politik - und um die Frage, welche Vorstellung von Landwirtschaft man verfolgt: hocheffizienter konventioneller Anbau auf großen Flächen - oder ökologische Landwirtschaft, die am besten ganz ohne Unkrautvernichter auskommt.

In Deutschland ist die Große Koalition beim Thema Glyphosat zerstritten. Die Union - sie stellt mit CSU-Mann Christian Schmidt auch den Agrarminister - ist für eine Verlängerung der Zulassung in Europa, wenn auch mit Einschränkungen. Die Sozialdemokraten - namentlich Umweltministerin Barbara Hendricks - sind dagegen. Sie verweisen auf offene Fragen zu möglichen Gesundheitsrisiken.

Aktuell liegt die Sache auf dem Schreibtisch von Kanzlerin Angela Merkel.



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mansiehtnurmitdemherzengu 16.05.2016
1. Desinformationspolitik
Es wäre mal an der Zeit, das Märchen von der ach so ungefährlichen ökologischen Landwirtschaft zu beenden. Dort wird nach wie vor Kupfer in den Boden eingebracht und ein Ende dieser Praxis ist nicht in Sicht. Aufgrund dieser Scheinheiligkeit werden mir Bio-Produkte zunehmend suspekter, da verdienen sich auch nur ein paar eine goldene Nase damit.
noalk 16.05.2016
2. So kann man mit Sprache tricksen!
Zitat: "Natürlich", so sagt es die WHO-Expertin, müsse man bedenken, "dass Pestizide per se toxisch sind. Daher ist ein verantwortungsvoller Umgang mit ihnen eine Grundvoraussetzung, um die Gesundheit zu schützen." Zitatende ---- Man ersetze die beiden letzten Wörter "zu schützen" durch "nicht zu gefährden", dann stimmt der Satz. Die "Expertin" ist wohl eher eine für Marketing denn für Ernährung.
merlin 2 16.05.2016
3. Gekaufte Untersuchung
Wers glaubt wird selig. Mir gefallen diese "Huch, ist doch alles super"-Meldungen schon lange nicht mehr und geglaubt habe ich sie auch noch nie. Was hat die internationale Krebsforschungsagentur im letzten Jahr wohl dazu bewogen, eine derartig deutliche Warnung rauszugeben? Vermutlich hatten die Konzerne die einfach nicht auf dem Radar. Die lokalen Behörden waren ansonsten ja gut bedacht worden - s.a. bayerisches Agrarministerium. Wenn einer wissenschaftlich untersucht und dann ein begründetes Risiko sieht, dann ist nicht ein paar Monate später alles in Butter. Hier geht's um 4,8 Mrd Dollar, das ist der Punkt, der eine Studie im Ergebnis auf einmal unbedenklich werden läßt. Guten abend noch!
liberalerfr 16.05.2016
4. Gegner kämpfen gegen Monsanto, nicht für die Gesundheit
Ein guter Beitrag, der endlich klar macht, dass es den Gegnern nicht um die Sache, sondern um Politik geht. Hinzuzufügen wäre, dass es wohl den meisten Aktivisten darum geht ein Zeichen zu setzen gegen Monsanto, der Inkarnation allen Übels.
chairman_meow 16.05.2016
5.
1. Dieser Satz ist symptomatisch für den ganzen Bericht. Die Mäuse hatten mehr Krebs als eine Vergleichsgruppe, schreiben Sie das doch. Oder waren die Tests nur geplant? 2. In dem Papier wird eine ganze halbe Seite Glyphosat gewidmet. Wieder einmal wird nicht gestreift, ob sich das Zeug im Körper ablagert. Immerhin ist es in Lebensmitteln nachweisbar. 3. Dass die Sache sich jetzt bei Machthaberin Merkel befindet, beruhigt nicht besonders, interessiert aber auch nicht. Was eigentlich interessiert ist, was das Volk dazu sagt. Und dass dieser Wille nicht im Auftrag der Schädiger von oben herabgeschrieben wird.
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