Unfälle beim Grillen "Der Mensch verfällt ins Archaische"

Kein Benzin auf den Grill spritzen, keine wackelige Konstruktion verwenden: Eigentlich wissen wir, wie Grillen geht. Der Chirurg Bernd Hartmann erklärt, warum es trotzdem jeden Sommer Tausende Unfälle gibt - und was bei Verbrennungen hilft.

Mann beim Grillen: Jährlich landen Tausende Menschen nach einem Grillunfall in der Notaufnahme
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Mann beim Grillen: Jährlich landen Tausende Menschen nach einem Grillunfall in der Notaufnahme

Ein Interview von


ZUR PERSON
    Bernd Hartmann ist Chefarzt am Zentrum für Schwerbrandverletzte mit Plastischer Chirurgie des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB).
SPIEGEL ONLINE: Herr Hartmann, wie häufig haben mit Sie mit Grillunfällen zu tun?

Hartmann: Im Sommer, wenn die Saison losgeht, haben wir bestimmt drei pro Woche. Wir sind zuständig für die schweren Verbrennungsfälle in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern.

SPIEGEL ONLINE: Von bundesweit 3000 Grillunfällen pro Sommer habe ich gelesen.

Hartmann: Es ist schwierig, verlässliche Statistiken zu bekommen, da die Schweregrade der Verbrennungen unterschiedlich erfasst werden. Aber 3000 halte ich für einen realistischen Wert.

SPIEGEL ONLINE: Was machen die Leute beim Grillen falsch?

Hartmann: Die meisten Unfälle passieren, wenn man mit leicht entflammbaren, flüchtigen Substanzen Feuer macht, also mit Benzin oder Spiritus. Die sind nicht dafür gemacht, um Grills anzuzünden! Das Problem: Diese Flüssigkeiten verdampfen leicht und man entzündet eine ganze Gaswolke. Steht man zu nah am Grill, was ja meist der Fall ist, wenn man das Feuer anmachen will, sind gleich Gesicht, Hände, Oberkörper betroffen. Außerdem: Benzinverbrennungsdämpfe sind auch nicht besonders gesund. Wenn man die in der Kohle hat, tut man sich damit keinen Gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Viele grillen auch mit nacktem Oberkörper.

Hartmann: Stimmt, im Sommer ist man spärlich bekleidet, T-Shirts oder gleich ganz oben ohne. Aber es sind nicht nur Benzin und Spiritus - flüssige Grillanzünder generell sind gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Manche Leute spritzen die Anzünderflüssigkeit direkt auf das Feuer. Kann dabei die Flasche explodieren?

Hartmann: Ja. Wenn man Pech hat, entzündet sich der Sprühstrahl und das Feuer erreicht die Flasche, die dann auch anfängt zu brennen.

SPIEGEL ONLINE: Also auf Flammen nichts draufspritzen?

Hartmann: Auf gar keinen Fall! Und am besten benutzen Sie gar keine flüssigen Anzünder, sondern feste. Da kann es keine Verpuffung geben.

SPIEGEL ONLINE: Worauf muss man noch achten?

Hartmann: Zum Beispiel sollte man sich beim Feuermachen so hinstellen, dass man es zum Wind macht und nicht dagegen. Eigentlich weiß man das auch, aber viele Leute beachten das dann in dem Moment doch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mehr männliche oder weibliche Patienten?

Hartmann: Die Verursacher der Unfälle sind überwiegend Männer. Aber natürlich stehen oft ganze Gruppen um den Grill herum, weswegen auch Frauen und Kinder betroffen sind. Letztere erleiden aufgrund ihrer geringeren Größe bei Unfällen meistens Verbrennungen im Gesicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt sind Ihre Patienten?

Hartmann: Das geht bei 14 Jahren los. Aber es gibt auch immer wieder 60-Jährige, die noch Benzin auf brennende Kohlen spritzen. Beim Grillen verfällt der Mensch in archaische Verhaltensweisen. Da werden viele Verhaltensregeln beim Umgang mit Feuer außer Acht gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Empfehlung für einen Grilltypen?

Hartmann: Bitte verwenden Sie einen stabilen Grill, nichts Wackeliges. Und nehmen Sie feste Grillanzünder.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch Unfälle mit Einweggrills?

Hartmann: Ja, haben wir auch. Die gehen ja oft nicht richtig an und dann helfen die Leute nach - mit den entsprechenden Folgen.

SPIEGEL ONLINE: Was für Brandverletzungen sehen Sie?

Hartmann: Es sind schon öfter tiefere Verbrennungen, meist zweiten Grades - 2B sagen wir dazu, also tiefergradig dermal. Manchmal haben wir auch dritten Grades. Aber das Unangenehmste sind die Stellen, an denen man sich verbrennt: Unterarme, Hals, Gesicht und Hände.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, wenn es passiert?

Hartmann: Sofort aus der Hitze raus natürlich, es sind ja kurzzeitige Flammen, die bei solchen Verpuffungen entstehen. Dann ablöschen, falls auch noch Kleider brennen. Die verbrannten Stellen sofort mit kaltem Wasser kühlen. Und natürlich zum Arzt gehen. Viele Leute sind beim Grillen auch alkoholisiert, und die Leute unterschätzen den Schweregrad der Wunde.

SPIEGEL ONLINE: Soll man auf die Brandwunden feuchte Handtücher legen?

Hartmann: Besser nicht. Wichtig ist, kurz nachdem es passiert ist, Hitze aus dem Gewebe zu nehmen, indem man mit kaltem Wasser abkühlt. Kalte Handtücher kühlen den Patienten zu sehr aus, das schadet ihm eher, als dass es ihm nutzt. Die Wunden sollte man eher warm und geschützt einpacken.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Leute mit Verbrennungen im Krankenhaus bleiben?

Hartmann: Das ist abhängig vom Schweregrad. Manchmal reicht eine ambulante Versorgung. In der Regel sind es wenige Tage. Bei drittgradigen Verbrennungen mit eventuellen Operationen kann das aber mehrere Wochen dauern.



insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
MartinB. 21.05.2014
1. Grillanzünder
Es gibt sehr gute flüssige Grillanzünder, bei denen die Gefahr einer Verpuffung gegen Null geht. Feste sind natürlich sicherer -- denn statt eines Funktionsumfangs zwischen "brennt" und "booom!" wie bei den Flüssigkeiten gibt es bei den Festen nur die Spannbreite von "brennt" bis "brennt nicht". Was nicht hilfreich ist, wenn "brennt nicht" eintritt und Papa dann doch zum Reservekanister greift. Ich jedenfalls habe meine Anzünder-Marke gefunden, und benutze seit Jahren nur noch diese. Grundregel: Wenn jemand anders einen Anzünder beisteuert, den ich nicht kenne, darf derjenige auch das Feuer machen. Jedenfalls besser als ein Abend in der Notaufnahme.
jottlieb 21.05.2014
2. Gasgrills...
Wer einen vernünftigen Gasgrill hat, der braucht sich nicht mehr um umständlichen Grillanzünden kümmern.
cindy2009 21.05.2014
3. Anzündkamin
Da reicht Papier als Anzünder.
pinsel66 21.05.2014
4. Der beste Grillanzünder
ist eine ordinäre Plastiktüte. Die sind aus Polyethylen, brennen sehr gut, und bis die Kohle durchgeglüht ist ist das Dingens rückstandsfrei weg.
angst+money 21.05.2014
5. Juhu!
Zitat von jottliebWer einen vernünftigen Gasgrill hat, der braucht sich nicht mehr um umständlichen Grillanzünden kümmern.
Der Grillexpertenkrieg ist eröffnet! (letztendlich eine der Ursachen für das im Artikel beschriebene Verhalten)
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