Maske tragen: Bei vielen Atemwegserkrankungen eine gute Idee
Maske tragen: Bei vielen Atemwegserkrankungen eine gute Idee
Foto: Jens Schlueter / Getty Images

Grippe und Atemwegsinfekte in Coronazeiten Kleine Welle

Die Coronamaßnahmen haben auch positive Nebeneffekte: So wenig Atemwegsinfekte – inklusive der Grippe – gab es in Deutschland selten in diesen Winterwochen.
Von Nina Weber

Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Kontakte beschränken: Was die Verbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 eindämmen soll, wirkt offensichtlich auch gegen andere Erreger von Atemwegsinfekten.

Der wöchentliche Bericht der »Arbeitsgemeinschaft Influenza«  dokumentiert aktuell eindrücklich, wie niedrig die Zahl der Grippefälle in Deutschland in diesem Jahr ist. In den von sogenannten Sentinelpraxen eingesendeten Proben von Betroffenen mit Atemwegserkrankungen wurde nicht nur in der vergangenen Woche  kein einziges Mal ein Grippevirus nachgewiesen: Seit September 2020 gab es in keiner der untersuchten Proben einen Influenza-Nachweis.

Dem Robert Koch-Institut (RKI) wurden in dieser Saison insgesamt 438 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle übermittelt, heißt es im aktuellen Bericht. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es um diese Zeit 98.442 Fälle.

Extrem wenig Atemweginfekte

Die »Arbeitsgemeinschaft Influenza« geht in ihren Berichten nicht nur auf die Grippe ein, sondern insgesamt auf akute Atemwegsinfekte, also auch auf jene, die zum Beispiel durch Rhinoviren, RSV oder Sars-CoV-2 verursacht werden. Die Rate dieser Infekte insgesamt »liegt weiterhin unter den Werten der Vorsaisons auf einem extrem niedrigen Niveau«, heißt es.

Wie passt dieses »extrem niedrige Niveau« mit dem besorgten Blick auf die Coronafallzahlen zusammen? Ganz einfach: Atemwegsinfekte insgesamt sind im Winter enorm häufig – und wurden in diesem Winter durch die Coronamaßnahmen stark zurückgedrängt. So gab es etwa in der Woche ab dem 20. Februar rund 360.000 Arztbesuche wegen einer akuten Atemwegserkrankung. Klingt nach viel? Im Jahr zuvor waren es aus diesem Grund rund 1,4 Millionen Arztbesuche in der Woche.

»Akute Atemwegsinfektionen sind generell im Winterhalbjahr sehr häufig«, schreibt Silke Buda von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI in einer Mail an den SPIEGEL. »Durch die Maßnahmen wird die Verbreitung generell sehr gehemmt, aber trotzdem können sich eben insbesondere so hochinfektiöse Erreger wie Sars-CoV-2, gegen das in der Bevölkerung noch keine Grundimmunität besteht, noch weiter verbreiten, gerade wenn die AHA+L-Regeln nicht von allen immer konsequent eingehalten werden und noch nicht genügend Menschen geimpft sind.«

Deshalb ist es kein Widerspruch, dass man trotz insgesamt niedriger Zahlen von Atemwegsinfekten zu hohe Coronazahlen beklagen kann. Denn der wichtigste Punkt dabei ist: Rhinoviren etwa, die einen relevanten Teil der Infekte verursachen, sind zwar lästig, aber letztendlich harmlos. Wer damit zum Arzt geht, will abklären, ob es nichts Schlimmeres ist oder braucht schlicht eine Krankschreibung – und ist meist nach ein paar Tagen wieder wohlauf. Selbst die Grippeviren, die weitaus unangenehmer sein können als die Erkältungserreger, sind deutlich weniger gefährlich als Sars-CoV-2.

Nur Erkältung - oder die echte Grippe?

Viele sprechen von einer Grippe, wenn sie nur einen grippalen Infekt haben. Zwischen beiden gibt es aber einen großen Unterschied: Während ein grippaler Infekt in der Regel harmlos verläuft und von vielen verschiedenen Viren verursacht wird, stecken hinter einer echten Grippe allein Influenzaviren.Die Symptome einer Grippe sind deutlich stärker als bei einem grippalen Infekt. Bei älteren, sehr jungen und immungeschwächten Menschen kann eine Infektion lebensgefährlich werden. "Auch wenn beide oft miteinander verwechselt werden, ist die Grippe eine ganz andere Nummer als ein grippaler Infekt", sagt der Virologe Stephan Ludwig von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster."Wenn man eine richtige Grippe hat, dann weiß man das. Dann hat man nicht ein bisschen Schnupfen und Kopfdruck, dann hat man hohes Fieber und Schmerzen." Vor den Influenzaviren schützt die jährliche Grippeimpfung. Die harmlosen Erkältungen hingegen kann auch sie nicht abwehren.

Besonders heftig verlief die Grippewelle zuletzt in der Saison 2017/2018. Damals erkrankten nachweislich mehr als 333.000 Menschen, 60.000 von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden, mindestens 1600 starben.