Knapper Impfstoff Ärzte fordern Neuregelung der Grippeschutzpläne

Chaos beim Grippeschutz: Weil Impfstoffhersteller Lieferschwierigkeiten haben, könnten viele Patienten leer ausgehen. Mediziner fürchten angesichts der bevorstehenden Grippewelle mehr Krankheitsfälle - und fordern dringend eine Änderung der Versorgungsregelung.
Grippeimpfung: In manchen Ländern warten Ärzte vergebens auf die Impfstofflieferung - Hersteller Novartis ist im Verzug

Grippeimpfung: In manchen Ländern warten Ärzte vergebens auf die Impfstofflieferung - Hersteller Novartis ist im Verzug

Foto: Fredrik von Erichsen/ dpa

Hamburg - Wer sich vor der anstehenden Grippesaison für den kleinen Pieks zum Schutz vor der Influenza entschieden hat, könnte Pech haben: Noch immer warten Ärzte in Teilen Deutschlands auf ausreichende Impfstofflieferungen. Zwar hoffen die Mediziner in den betroffenen Regionen, das schützende Serum noch rechtzeitig zu bekommen. Doch weil sich die Lieferengpässe schon seit Wochen angedeutet haben, werden die Forderungen nach Neuregelungen immer lauter.

Insbesondere Ärzte in Bayern und Norddeutschland haben Probleme, genug Impfstoff zu bekommen. Die dortigen Kassen hatten nach einer Ausschreibung mit dem Pharmahersteller Novartis Verträge geschlossen, nach denen die Patienten mit dem günstigsten Impfstoff, dem Novartis-Präparat Begripal, beliefert werden sollten. In Folge der Engpässe sahen sich Kassen gezwungen, Verordnungen anderer Grippeimpfstoffe zu akzeptieren, um die Versorgung der Bevölkerung sicher zustellen. So wurden kurzfristig Ersatzimpfstoffe anderer Hersteller (darunter Sanofi Pasteur MSD, CSL und Abbott) freigegeben.

Doch nach Angaben aus Politik und Kassenkreisen soll es auch bei der Novartis-Konkurrenz nicht genug Vorräte geben. Demnach soll der Grund dafür sein, dass diese Firmen annahmen, sie würden ohnehin nicht im großen Maß zum Zuge kommen. Das Problem: Die Produktion von Impfstoffen braucht einen längeren Vorlauf und ist störanfällig. Außerdem ist die Haltbarkeit der Impfstoffe kurz, und sie müssen jedes Jahr den aktuellen Virusstämmen angepasst werden. Für viele Firmen nur dann ein rentables Geschäft, wenn sie mit einem entsprechenden Absatz rechnen können.

Eine Stellungnahme des Bergripal-Herstellers Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH gab es zunächst noch nicht. In anderen Regionen Deutschlands gab es keine Ausschreibungen und infolgedessen auch keine Meldungen über Engpässe.

Ausschreibungen sorgen für Chaos

In der Koalition werden jetzt Forderungen laut, die Praxis zu überdenken. "Bei Impfstoffen müssen wir das Instrument der Ausschreibungen überprüfen", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU).

Der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, Peter Wutzler, warnte zudem vor einer schlechteren Versorgung der Patienten durch Exklusiverträge der Kassen mit Herstellern. Die Mediziner müssten die Freiheit haben, die jeweils effektivsten Impfstoffe einzusetzen, statt auf bestimmte Mittel festgelegt zu werden. "Die Ärzte müssen sich bei der Wahl der Impfstoffe nach der Wirksamkeit richten und sich an der jeweiligen Zielgruppe orientieren können", sagte Wutzler.

Infografik: Die saisonale Grippe oder doch nur ein grippaler Infekt?

Infografik: Die saisonale Grippe oder doch nur ein grippaler Infekt?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch Deutschlands Kassenärzte zeigen sich angesichts dieser Situation alles andere als erfreut. "Das ist ärgerlich, wenn nicht genügend Impfstoff vorhanden ist", sagte der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl.

Am Donnerstag hatten die bayerischen Hausärzte Alarm geschlagen. Trotz anderslautender Ankündigungen der dortigen Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände sei bei den Hausärzten das ersehnte Serum noch nicht angekommen. Der Hausärzteverband fürchtet, dass der Impfstoff erst Anfang Dezember geliefert wird - und somit für viele Menschen zu spät.

Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein hatte berichtet, einige Arztpraxen hätten einen Ersatzimpfstoff erhalten - aber wegen Bedenken wieder zurückgeschickt. Weil Novartis die für Hamburg und Schleswig-Holstein benötigten 70.000 Dosen bisher nicht ausreichend liefern kann, bietet die Firma als Ersatz den Impfstoff Optaflu an. Dieser ist jedoch umstritten, weil er nicht nach dem klassischen Verfahren in Hühnereiern, sondern in speziell präparierten Tumorzellen von Hunden gezüchtet wird. Manche Mediziner kritisieren das Verfahren, weil in diesen Zellen noch Genbruchstücke enthalten seien, die immer noch Krebsinformationen enthalten könnten. Die Zulassungsbehörde, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), erklärt dagegen, Optaflu sei schon in 100.000 Fällen ohne Komplikationen eingesetzt worden.

Optimal für die Impfung ist die Zeit von September bis November, da die ersten Grippefälle meist im Dezember auftreten - nach der Impfung dauert es rund zwei Wochen bis zu einem wirksamen Influenza-Schutz im Körper.

Bayerns Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) will das Problem per Sondersitzung der Landesarbeitsgemeinschaft Impfen abmildern.

Das Wichtigste zur Grippeschutzimpfung
Foto: DDP

Wer sollte sich gegen die Grippe impfen lassen?Was sollten die Risikogruppen beachten?Wie verträglich ist die Impfung?

cib/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.