"Bakterienfresser" Genveränderte Viren retten todkrankes Mädchen

Ihre Überlebenschance lag bei einem Prozent: Viren retteten einem Mädchen aus Großbritannien überraschend das Leben. Es ist der erste Fall, bei dem erfolgreich genveränderte "Bakterienfresser" eingesetzt wurden.
Illustration: So sieht es in etwa aus, wenn Phagen ein Bakterium befallen

Illustration: So sieht es in etwa aus, wenn Phagen ein Bakterium befallen

Foto: Kateryna Kon/ Science Photo Library/ Getty Images

In den Körper eingeschleuste, genveränderte Bakteriophagen haben einer 15-Jährigen aus Großbritannien das Leben gerettet. Die Patientin war infolge einer Mukoviszidose-Erkrankung zur Lungentransplantation in ein Londoner Krankenhaus eingeliefert worden. Unmittelbar nach der Operation breiteten sich in ihrem Körper rasant gefährliche Bakterien aus. Wundnähte, Knochen und Organe entzündeten sich, auf der Haut bildeten sich Abszesse. Eingesetzte Antibiotika blieben wirkungslos.

Der Zustand des Mädchens verschlechterte sich rapide, zwischenzeitlich schätzten die Ärzte seine Überlebenschancen auf unter ein Prozent, schreiben sie im Fachblatt "Nature Medicine" . Der Fall schien aussichtslos. Doch dann entschieden sich die Fachleute, auch auf Drängen der Eltern, Forscher der University of Pittsburgh zu kontaktieren, die an neuen Therapieformen mit "Bakterienfressern", sogenannten Bakteriophagen, arbeiten.

Lebensretter Muddy, ZoeJ und BPs

Bakteriophagen sind Viren, die nur Bakterien angreifen. Befallen sie ein Bakterium, bauen sie ihr Erbgut in dessen DNA ein. Das Bakterium erzeugt so automatisch eine Vielzahl von Phagen-Kopien. Diese bestehen nur aus Erbgut, das in einer schützenden Protein-Hülle steckt.

Mediziner setzen große Hoffnungen in diese neue Form der Therapie mit genveränderten Bakteriophagen, weil diese auch Krankheitserreger bekämpfen könnten, bei denen die meisten Antibiotika versagen. Werden die Phagen in den Körper eines Patienten geschleust, fressen sie im besten Fall die krank machenden Bakterien auf. Im vergangenen Jahr wurde Gregory Winter für seine Phagen-Forschung mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet.

Die University of Pittsburgh hat 15.000 Stämme von Phagen gesammelt und jedem Stamm sogar einen Namen gegeben. Drei von ihnen - Muddy, ZoeJ und BPs - kamen für die Behandlung der Patientin aus Großbritannien infrage. Anfänglich konnte nur Muddy die Erreger im Körper des Mädchens eliminieren. Die anderen beiden nisteten sich zwar in dem Bakterium ein, vermehrten sich aber nicht. Die Forscher schalteten daraufhin ein Gen in den Viren ab, das die Vermehrung hemmte.

Dadurch vervielfältigten sich die Viren nun rasant, sobald sie das Bakterium befallen hatten, und konnten es eliminieren. Die Forscher züchteten die rettenden Phagen in einer Petrischale und schickten sie nach London, wo sie der Patientin über 32 Wochen hinweg intravenös verabreicht wurden. Auch die Operationsnarbe wurde regelmäßig mit dem Phagen-Cocktail behandelt. Inzwischen sind die Wunden laut den Ärzten abgeheilt. Die Bakterien lassen sich im Körper der Patientin kaum noch nachweisen. Um den Krankheitserreger komplett auszumerzen, wollen die Ärzte eine weitere Phagen-Art einsetzen.

Phagen werden in der Medizin schon seit langem eingesetzt. Laut den behandelnden Ärzten ist es aber der erste bekannte Fall, bei dem gentechnisch veränderte Bakteriophagen erfolgreich eingesetzt wurden. Das Mädchen konnte inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Es leidet zwar weiterhin unter Mukoviszidose, aber die erfolgreiche Organtransplantation hat ihre Lebenserwartung deutlich verlängert.

koe
Mehr lesen über Verwandte Artikel