Großbritannien Gesundheitsdienst bezeichnet Homöopathie als "grundlegend fehlerhaft"

Die Direktoren des britischen Gesundheitssystems NHS sehen die Akkreditierung von Homöopathen kritisch: Es werde der falsche Eindruck erweckt, man könne deren Angeboten vertrauen.

Simon Stevens, Direktor des NHS, glaubt nicht an die Wirkung von Globuli
Owen Humphreys/ REUTERS

Simon Stevens, Direktor des NHS, glaubt nicht an die Wirkung von Globuli


Der britische National Health Service (NHS) hat erneut ernsthafte Bedenken über Homöopathie geäußert. Der Direktor Simon Stevens bezeichnete den Behandlungsansatz in einem Brief an das halbstaatliche Gesundheits-Berufsstandardgremium PSA als "grundlegend fehlerhaft", wie der "Guardian" berichtet.

Bereits 2017 hielt der NHS britische Ärzte dazu an, Globuli nicht mehr zu verschreiben. Deren Wirkung sei "bestenfalls die eines Placebos" und ihre Verschreibung sei ein "Missbrauch von NHS-Geldern", sagte Stevens damals. Ein Gericht stützte diese Forderung, indem es eine Klage der britischen Gesellschaft der Homöopathen zurückwies.

In Großbritannien überwacht die PSA (Professional Standards Authority for Health and Social Care) als unabhängiges Gremium die neun gesetzlichen Körperschaften, die das Gesundheitspersonal in Großbritannien regulieren - diese sind in etwa vergleichbar mit den deutschen Ärztekammern. Sofern Berufe nicht gesetzlich geregelt sind, legt die PSA Standards fest und akkreditiert diejenigen, die diese Regeln erfüllen. Das soll dafür sorgen, dass Menschen in medizinischen Berufen einheitliche Kriterien erfüllen, ordentlich ausgebildet und qualifiziert sind.

Gemeinsam mit dem ärztlichen Direktor des NHS, Stephen Powis, schrieb Stevens nun, die Akkreditierung der Gesellschaft der Homöopathen erwecke den falschen Eindruck, dass deren Verfahren klinisch und wissenschaftlich erwiesen seien.

"Behandlung, die bestenfalls nicht wirkt"

Obgleich die Homöopathen einige der PSA-Standards erfüllen würden, sei ihre Praxis kein Ersatz für klinisch erprobte medizinische Behandlungen. Das kann laut Stevens Patienten auch dazu verleiten, sich selbst Globuli in Apotheken zu kaufen: "Alles, was der Homöopathie eine glaubwürdige Note verleiht, kann dazu führen, dass mehr Menschen dazu bewegt werden, ihr hart verdientes Geld für eine Behandlung auszugeben, die bestenfalls nichts bewirkt und schlimmstenfalls gefährlich sein kann", hieß es in dem Schreiben.

Im April 2019 wurde bekannt, dass der NHS noch rund 55.000 Pfund (rund 63.650 Euro) jährlich für homöopathische Mittel ausgibt. Fünf Jahre zuvor waren es noch rund 100.000 Pfund. Trotz der sinkenden Zahlen forderten Experten, Globuli auf die "Schwarze Liste" zu schreiben, damit sie nicht mehr aus öffentlichen Geldern finanziert werden können.

Der NHS ist das staatliche Gesundheitssystem Großbritanniens. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wird er aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert und bietet jeder in Großbritannien wohnhaften Person medizinische Versorgung.

Europäische Länder diskutieren über Homöopathie

Auch in anderen europäischen Ländern ist Homöopathie umstritten. Frankreichs Gesundheitsministerium etwa hatte im Juli die Kassenerstattung für Globuli gestrichen. In Deutschland wird heftig darüber diskutiert, ob Krankenkassen die Kosten unter anderem für Globuli übernehmen sollen oder nicht.

Homöopathie gehört zwar nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen. Allerdings erstatten viele Kassen ihren Versicherten homöopathische Behandlungskosten als freiwillige Leistung, weil es eine Nachfrage gibt. Dies ist auch ein Instrument im Konkurrenzkampf.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach haben sich bereits dafür ausgesprochen, gesetzlichen Krankenkassen die Kostenerstattung von homöopathischen Mitteln zu untersagen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hingegen will die Kostenübernahme durch die Krankenkassen nicht antasten.

Die Bremer Ärztekammer hatte unlängst als erste Landesärztekammer Deutschlands Weiterbildungen zum Thema Homöopathie abgeschafft. Zur Begründung hieß es, eine strukturierte Weiterbildung für Verfahren, deren Wirkung wissenschaftlich nicht nachvollziehbar sei, sei albern.

kry

insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
oli1893 29.10.2019
1. Gegenwind
International gibt es scheinbar immer mehr Gegenwind. Unsere Kinderärztin wird es freuen, führt sie doch schon länger einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Homöpathie - eben weil es nichts bringt.
c.PAF 29.10.2019
2.
Ich bin derselben Meinung, auch wenn ich vom NHS rein garnichts halte. Für den NHS ist zum Beispiel Borreliose nicht existent. Gibt es nicht und wollen sie nicht kennen. Ich gibt keine Möglichkeit, sich in GB auf Borreliose testen zu lassen. Die Betroffnen, die teilweise unter extremen Schmerzen leiden, kommen deshalb oft nach Deutschland, um sich bei uns behandeln zu lassen - sofern sie das Geld dazu haben.
permissiveactionlink 29.10.2019
3. 63650 Euro für Globuli
im gesamten Großbritannien ? Da ist mancher Luxuswagen teurer. Ich bin strikt gegen eine Verschreibung dieser exorbitant überteuerten Zückerchen ohne Wirkung, die über den Placeboeffekt nicht hinausgeht, auf Kosten des Solidarsystems. Aber man muss auch einmal die Relationen wahren. Wieviel Schaden hat Verkehrminister Scheuer eigenmächtig dem deutschen Steuerzahler und Fiskus für die nächsten 15 Jahre verursacht ? 500 Millionen Euro, oder mehr ? Die Ausgaben für Homöopathische Mittel in Großbritannien sind doch allenfalls in homöopatischen Spuren vorhanden ! Außerdem war Christian Friedrich Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, ein deutscher Arzt, was auf der britischen Insel wegen des dort üblichen Deutschen-Bashings nicht gerade verkaufsfördernd für Globuli sein dürfte.
m.m.s. 29.10.2019
4. Verwalter des Mangels mit Ideologieansatz
Als Verwalter des Mangels des staatlichen Gesundheitsservice NHS kann Herr Stevens nur auf noch mehr Einsparmöglichkeiten schauen, nachdem Mitarbeiter entlassen und durch weniger qualifizierte ersetzt wurden, Faxgeräte entfernt wurden, Laserdrucker reduziert wurden, und selbst Kardiologische Kinderkliniken geschlossen werden sollten. Da sind natürlich 50.000,- Pfund eine ganz wichtige, ideologische Größe im Kampf um die positivistische Weltdeformation, wenn das NHS im Jahr für Medikamente 16.000.000.000,- (16 Mrd.) Pfund ausgibt. Natürlich schnellen da die Kompensationszahlungen, Schmerzensgeld, etc. wegen der Kunstfehler inzwischen in die Höhe, was dem guten Mann entfallen zu sein scheint. Auch die nette Begründung "Deren Wirkung sei "bestenfalls die eines Placebos"" ist nicht Evidenzbasiert, sondern aus der Fantasie herbeigezogen. Placebo-Effekt gibt es nicht, denn der Effekt eines Placebo ist genau Null.
fritz.neffke@web.de 29.10.2019
5. Noch ein Angriff
der Spiegel verbeißt sich regelrecht in das Thema Homöopathie ohne weiterhin zur Kenntnis zu nehmen, dass die Homöopathie in Deutschland millionenfach erfolgreich eingesetzt wird.
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