Westerwelle bei Günther Jauch Der Tod, das Glück, die Chance

Vor einem Jahr erkrankte Guido Westerwelle plötzlich an Leukämie, eine Stammzellenspende konnte ihn retten. Mit Günther Jauch sprach er nun über Nahtod-Erfahrungen und "das größte Glück". Eine berührende Sendung - die dennoch eine Chance vertan hat.
Talkgast Westerwelle: Tagebuch gegen die "Dämonen".

Talkgast Westerwelle: Tagebuch gegen die "Dämonen".

Foto: imago/ Metodi Popow

Er ist noch nicht wieder ganz genesen, sein Gesicht ist gerötet und etwas geschwollen. Guido Westerwelle leidet an einer Mundhöhlenentzündung, eine Nebenwirkung seiner Stammzellentransplantation. Nachdem der FDP-Politiker im vergangenen Jahr überraschend an Leukämie erkrankt war, hatte ihm diese Transplantation das Leben gerettet. Nun hat er gute Chancen, dauerhaft geheilt zu werden, sicher ist es aber nicht.

Mit Günther Jauch hat Ex-Außenminister Westerwelle nun über seine Erkrankung gesprochen. Das Thema der Sendung: "Schockdiagnose Krebs". Eingeladen waren außerdem Michael Hallek, Westerwelles behandelnder Arzt, sowie Eva Fidler, auch sie eine Leukämiepatientin. Während der Krebstherapie war sie Mutter geworden und mit ihrer Suche nach einem Stammzellenspender an die Öffentlichkeit gegangen.

In der Sendung ist von Beginn an klar, dass Westerwelle nichts beschönigen wird. Im Detail beschreibt er die Nebenwirkungen der Krebstherapie, die einer Nahtod-Erfahrung glichen. "Wie nackt in der Kühlkammer" habe sein Körper sich nach einer Infusion angefühlt. Ein schrecklicher Zustand sei es gewesen, in dem sich Minuten wie Stunden gezogen hätten: "Ich dachte, so fühlt sich das Sterben an." Schon im SPIEGEL-Gespräch hatte Westerwelle diese Erfahrungen ausführlich geschildert.

Um mit einer Stammzellentransplantation weiterleben zu können, musste Westerwelle Medikamente in so starker Dosierung bekommen, dass sie ihn hätten umbringen können. Eine Erfahrung, die man nie wieder vergesse. Um "die Dämonen zu bekämpfen" habe er Tagebuch geschrieben. Aus diesen Aufzeichnungen entstand ein Buch über seine Krankheit: Westerwelle hat es gemeinsam mit dem Journalisten Dominik Wichmann geschrieben und am Sonntag in Berlin präsentiert.

Video: Westerwelle präsentiert sein Buch "Zwischen zwei Leben"

Bei Jauch sprach Westerwelle offen über sein Leiden - und über die Dankbarkeit, weiter am Leben zu sein. Er habe in der schlimmsten Zeit Unterstützung erfahren: durch Fremde, Weggefährten und seinen Mann. "Ich habe das größte Glück, das man haben kann. Und das ist die erwiderte Liebe."

Die emotionalen Worte von Westerwelle wirken auch deshalb so stark, weil sie einen Kontrast zum bisher bekannten Bild des Politikers bilden. Warmherzig war Westerwelle in der politischen Rolle eher selten zu erleben, das zeigen alte Mitschnitte seiner Auftritte, die Jauch in der Sendung einblendete. Öfter sah man ihn so: schroff, arrogant, süffisant grinsend. Nur einmal meint man an diesem Abend, den alten Westerwelle wiederzuerkennen: Jauchs zugegeben etwas plumpe Frage, ob er sich durch die Krankheit verändert habe, bürstet Westerwelle rigoros ab.

Er will, das betont er, anderen Menschen durch seinen Auftritt Mut machen. Das tut er auf eine teilweise eigenwillige, aber sehr ehrliche Art und Weise. Das Leben, so sagt er mehrfach, kann sehr schnell vorbei sein. Niemand solle sich in Sicherheit wiegen: "Auch ich bin ja regelmäßig zur Voruntersuchung gegangen."

Wie viel öffentliches Interesse ist legitim?

Wenn Prominente im Fernsehen über Krankheiten sprechen, beschleicht einen manchmal ein unangenehmes Gefühl. Vor allem dann, wenn die Betroffenen merklich von ihrem Leiden gezeichnet sind. So war es beispielsweise bei der Komikerin Gaby Köster oder bei der Journalistin Monica Lierhaus. Wie viel öffentliches Interesse ist da noch legitim? Und wo beginnt die Ausschlachtung eines privaten Schicksals?

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Ex-Außenminister: Westerwelle zurück im Rampenlicht

Foto: HANNIBAL HANSCHKE/ REUTERS

Auch Westerwelle sind Spuren seiner Krankheit äußerlich anzumerken - wenn auch weniger stark als den beiden Frauen. Seinen Auftritt dürfte aber wohl niemand als Zurschaustellung empfinden. Im Gegenteil. Seine Offenheit im Umgang mit der lebensbedrohlichen Krankheit berührt auf eine ehrliche Art. Gut möglich, dass er anderen Betroffenen tatsächlich Mut macht. Das Gespräch mit ihm hat einen Sendeplatz ganz sicher verdient, vielleicht sogar einen größeren.

Chance vertan

Als politische Talkshow zum Thema Krebs vergibt die Jauch-Sendung durch die Wahl ihrer Gäste aber auch Chancen. Gesundheitspolitische Fragen wurden komplett ausgespart - obwohl sie durchaus eine Vielzahl von Menschen betreffen.

Wie zum Beispiel sollen Krankenkassen damit umgehen, dass regelmäßig neue Medikamente zu astronomischen Preisen auf den Markt geworfen werden, deren Nutzen zwar vorhanden, aber äußerst gering ist? Ist es wirklich immer im Interesse der Patienten, jede denkbare Maßnahme auszureizen? Oder gilt es nicht auch zu verhindern, dass ihre Verzweiflung in aussichtslosen Fällen für profitorientierte Übertherapien ausgenutzt wird?

Mit den Schicksalen von Westerwelle und Fidler hat das wenig zu tun. beide hatten die Chance auf Heilung und durften mit vollem Recht von den Ärzten erwarten, dass sie alles in ihrer Macht stehende für sie taten. Es wäre wohl respektlos gewesen, in dieser Runde über die Grenzen von Therapien zu sprechen. Vielleicht sollte dies aber in einer der folgenden Sendungen Thema sein.

Zur Autorin
Foto: Hanna Lenz

Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

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