Erektionsstörungen und Depressionen Kläger fordert Schmerzensgeld nach Einnahme von Haarwuchsmittel

Er nahm Tabletten gegen Haarausfall und klagte kurze Zeit später über schwere Nebenwirkungen: Ein Mann aus NRW klagt deshalb auf Schmerzensgeld. Wie gefährlich ist das Mittel Finasterid?

Der Wirkstoff Finasterid soll Haarausfall verhindern, kann aber heftige Nebenwirkungen haben
Ralf Hirschberger/ DPA

Der Wirkstoff Finasterid soll Haarausfall verhindern, kann aber heftige Nebenwirkungen haben


Ein Kläger aus Nordrhein-Westfalen verlangt nach der Einnahme eines Haarwuchsmedikaments 100.000 Euro Schmerzensgeld vom Pharmahersteller. Die Haarwuchspillen mit dem Wirkstoff Finasterid hätten beim Kläger gravierende Nebenwirkungen wie Depressionen und sexuelle Dysfunktionen wie Erektionsstörungen ausgelöst. Das Zivilverfahren begann am Mittwoch vor dem Landgericht Paderborn.

Finasterid ist in mehreren verschreibungspflichtigen Arzneimitteln enthalten und wird zur Behandlung von Haarausfall oder einer gutartigen Prostatavergrößerung verordnet. Es handelt sich um ein synthetisches Steroid, das dem natürlichen Geschlechtshormon Testosteron ähnelt und in den Stoffwechsel des Sexualhormons eingreift. Auch in Deutschland setzen es viele Männer gegen Haarausfall ein, das Mittel wird jedes Jahr tausendfach über Apotheken verkauft. Die bekanntesten Produkte sind Propecia, Finapil und Finasterid-ratiopharm.

"Post-Finasterid-Syndrom"

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Finasterid impotent machen kann. Laut einer Analyse aus dem Jahr 2017 können die Symptome Jahre anhalten, selbst wenn das Medikament abgesetzt wurde. Männer unter 42 Jahren, die Finasterid länger als 205 Tage einnahmen, hatten demnach ein fast fünfmal höheres Risiko, über längere Zeit impotent zu werden, als jene, die das Mittel kürzer einnahmen.

2018 warnte auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in einem sogenannten Rote-Hand-Brief, dass sexuelle Störungen auch nach dem Absetzen bestehen bleiben können, teilweise länger als zehn Jahre. Patienten, die mit Finasterid behandelt wurden, berichteten zudem von Stimmungsveränderungen. Dazu zählten depressive Verstimmungen, Depressionen und sogar Suizidgedanken. Kritiker fordern deshalb, die Medikamente vom Markt zu nehmen, und fassen die möglichen Nebenwirkungen als "Post-Finasterid-Syndrom" zusammen.

Der Prozessfinanzierer ProzessFinanz AG unterstützt die Klage und spricht von einem Musterfall. Eine weitere Musterklage sei in Berlin angelaufen, eine dritte für Oktober in Stuttgart geplant.

koe/dpa

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