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15. Oktober 2018, 17:23 Uhr

Gesundheitsversorgung

Endlich hört im Problemviertel mal jemand zu

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Viele Ärzte kapitulieren vor den Patienten in Problemvierteln und ziehen mit ihren Praxen in wohlhabende Stadtteile. Ein gefährliche Entwicklung - eine neues Konzept soll das auffangen.

Zeige mir deine Nachbarn, und ich sage dir, wie gesund du bist. Und auch, wie alt du vermutlich werden wirst. Klingt komisch? Tatsächlich herrscht dieses Prinzip heute in vielen Gegenden Deutschlands: Es gibt enorme Ungleichheiten bei der Krankheitsrate und der Gesundheit. In manchen Problemstadtteilen, wo das Einkommen besonders niedrig ist, sterben die Menschen im Durchschnitt fünf Jahre früher als in wohlhabenderen Stadtteilen.

Das soll sich ändern. Der Umbruch beginnt in den östlichen Hamburger Stadtteilen Billstedt und Horn. Das Einkommen liegt dort 40 Prozent unter dem Hamburger Durchschnitt, es gibt besonders viele Rentner, und die leben zu einem großen Teil nahe der Armutsgrenze. Das Bildungsniveau ist vergleichsweise niedrig. Die Sorgen des Alltags dafür groß.

So auch bei der 31-jährigen Samira Afalid*. Alle paar Wochen, manchmal sogar alle paar Tage, war sie in den letzten Jahren bei ihrer Frauenärztin. Seit zwei Jahren wünscht sie sich Kinder. Bislang war sie dreimal schwanger, über die 23. Schwangerschaftswoche kam sie aber nie hinaus. Bei den Untersuchungen durch ihre Frauenärztin fanden sich keine körperlichen Einschränkungen. Aber Samira ist deutlich übergewichtig und das kann die Empfängnisfähigkeit und den Verlauf der Schwangerschaft beeinträchtigen.

Die Frauenärztin wusste schnell, was Samira fehlte: Sie brauchte jemanden, der sich länger mit ihr auseinandersetzt, der sie über Wochen begleitete und hilft, ihr Übergewicht zu reduzieren. Jemand, der sie dabei unterstützt, an Selbstvertrauen zu gewinnen. Aber die Zeit dafür hatte die Ärztin nicht.

Die Gynäkologin, die ihre Praxis im Stadtteil Billstedt/Horn hat, steht seit Jahren durch den enormen Patientenansturm unter Stress. Mehr und mehr Ärzte verlassen Billstedt/Horn, um sich woanders niederzulassen, wo der Job weniger Druck erzeugt und mehr Privatpatienten mit höheren Honoraren leben. Die verbleibenden Ärzte müssen infolge dieser Entwicklung noch mehr Patienten betreuen.

Hinzu kommt, dass die Menschen in Billstedt und Horn überdurchschnittlich häufig zum Arzt gehen. Weil es ihnen an Gesundheitsbildung fehlt. An der Fähigkeit, das eigene Befinden richtig einzuschätzen. Die Ärzte allerdings haben nicht die Zeit, ihre Patienten weiterzubilden. Ein Teufelskreis.

Viel mehr Gesprächszeit als in der normalen Sprechstunde

Helfen konnte die Gynäkologin Samira am Ende trotzdem, durch einen Tipp. Nicht weit von ihrer Praxis entfernt hat eine neue Einrichtung eröffnet, ein "Gesundheitskiosk", mitten im Zentrum von Billstedt. Dort, wo Samira normalerweise einkaufen geht, liegt die große Glasfront des Gesundheitskiosks und gibt den Blick frei auf die einladend-hellen Innenräume. Als sie den Gesundheitskiosk betritt und sich vorstellt, wissen die Mitarbeiter schon Bescheid, sie wurden von Samiras Gynäkologin informiert. Samira vereinbart einen Termin, einen Tag später sitzt sie in einem Beratungszimmer und spricht mit einer Hebamme. Nicht fünf Minuten, wie bei ihrer Frauenärztin, auch nicht zehn Minuten, sondern fast eine Dreiviertelstunde.

Die Hebamme erklärt ihr, welche Rolle die Psyche spielt bei der Empfängnis, warum Übergewicht einschränkend wirken kann und worauf es sonst noch ankommt. Die beiden vereinbaren, dass Samira von jetzt an einmal die Woche vorbeikommt, und dass sie mithilfe einer Ernährungsberaterin im Gesundheitskiosk einen Plan erstellt, um abzunehmen.

Vier Monate später hat Samira das erste Erfolgserlebnis: Sie hat 25 Kilogramm abgenommen!

"Der Gesundheitskiosk ist eines der Herzstücke des Projekts", sagt Alexander Fischer, der das Konzept von "Gesundheit für Billstedt/Horn" mit entwickelt hat, das Ärzte, die Krankenkassen, die Stadt Hamburg und verschiedene Unternehmen unterstützen. Im Gesundheitskiosk arbeiten allerdings keine Ärzte, sondern Gesundheitsfachpersonal, darunter Ernährungsberater, Krankenpflegekräfte, Hebammen. Jeder kann ohne Termin zum Kiosk kommen und erhält oft sofort eine erste Beratung. "Wir wollen den Zugang zum Gesundheitssystem so niedrigschwellig wie möglich halten", sagt Alexander Fischer. Wegen des hohen Migrantenanteils sind hier fast immer Mitarbeiter da, die mehrere Sprachen sprechen, darunter vor allem türkisch.

Wieso ist Karamell Zucker?

Das Team im Gesundheitskiosk soll das leisten, wofür die Ärzte keine Zeit haben: Beratung und Gesundheitswissen vermitteln. Der Ansatz, dass geschultes Gesundheitspersonal den Ärzten Arbeit abnimmt, gibt es immer häufiger in Deutschland. So werden vor allem in ländlichen Gegenden mittlerweile diejenigen Hausbesuche, die zur Routine gehören, von Arzthelferinnen oder Arzthelfern durchgeführt. Doch einen solch umfassenden Ansatz wie in Billstedt, die Ärzte bei der Gesundheitsbildung weitestgehend zu entlasten, gibt es bislang kaum.

Dabei sind die Herausforderungen in Billstedt und Horn besonders groß: Oft müssen die Mitarbeiter des Kiosks erst einmal Grundlagen vermitteln. Die fehlen bei vielen Menschen im Viertel. So wunderte sich kürzlich ein Diabetes-Patient, dass er seinen Blutzucker nicht in den Griff bekam. Und das, obwohl er doch keinen Zucker mehr in seinen Kaffee schütte, wie er sagte. Das Problem war schnell gefunden, als er erwähnte, dass er stattdessen einfach Karamell verwende. "Wir müssen den Menschen oft Dinge erklären, die uns selbstverständlich erscheinen", sagt Fischer. Zum Beispiel, dass Zucker nicht immer aussieht wie weiße Kristalle.

"Bei den allermeisten Beratungen stellt sich dafür bei den Patienten eine regelrechte Begeisterung ein", sagt Fischer. Nicht nur, weil die Menschen froh seien, dass jemand sich Zeit für sie und ihre Gesundheit nimmt. "Es wird ein Schalter im Kopf umgelegt", sagt er.

Der Gesundheitskiosk verändert die Menschen - positiv

Das hat auch den Alltag des niedergelassenen Chirurgen Gerd Fass verändert, der bei "Gesundheit für Billstedt/Horn" von Anfang an dabei war. "Vorher hatte ich tagsüber in der Praxis manchmal das Gefühl, von der Erwartung der gleichen Patienten mit den gleichen Fragen erdrückt zu werden", sagt Fass. Als Beispiel nennt Fass einen Patienten, der mit Rückenschmerzen immer wieder zu ihm in die Praxis kam, aber trotz umfassender Beratung sein Beschwerdebild nicht verstand.

Fass hat ihn dann in den Gesundheitskiosk geschickt - ein Gewinn für beide Seiten. Der Patient kommt deutlich seltener, was Fass entlastet. Vor allem aber profitiert auch der Patient: "Er hat eine ganz andere Haltung eingenommen, weg von 'Der Arzt macht mich gesund', hin zu 'Was kann ich dazu beitragen, gesund zu werden'. Das ist schon bemerkenswert", sagt Fass.

Dieser Ansatz geht im Rahmen des Projekts deutlich über den Gesundheitskiosk hinaus. "Wir bieten regelmäßige Fortbildungen an für Mitarbeiter von mehr als 100 Einrichtungen vor Ort", sagt Alexander Fischer. Dazu gehören nicht nur Arztpraxen, sondern auch Pflegeeinrichtungen, Sportvereine, Elternbildungsstätten. Das "Netz" wird es genannt. Und es soll im wahrsten Sinne des Wortes Menschen fischen und ins Gesundheitssystem leiten. Was in den letzten Monaten die Arbeit des Projekts deutlich erleichtert, ist seine Bekanntheit im Viertel. 2017 ist "Gesundheit für Billstedt/Horn" gestartet, mittlerweile kennt man im Viertel den Gesundheitskiosk und auch andere Angebote.

Das Ziel: eine höhere Lebenserwartung

Die Hoffnung ist, dass sich all dies in ein paar Jahren schon in der Lebenserwartung oder der Krankheitsrate mancher Leiden widerspiegelt. Das Ziel: Das Konzept von "Gesundheit für Billstedt/Horn" deutschlandweit umzusetzen. Noch liegt keine auswertbare Statistik vor. Außerdem ist fraglich, ob sich die umfangreichen Zusatzausgaben am Ende rechnen. So kann es durchaus sein, dass das Projekt als Anekdote der Art "Nett, aber nicht finanzierbar" in die Geschichte der Modellprojekte eingeht, die wieder verschwinden.

Doch zurzeit sieht es noch nicht danach aus. Die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Gesundheitsversorgung ist gestiegen - und damit auch die Motivation, sich eigenverantwortlich um Gesundheit zu kümmern. Das könnte tatsächlich dazu führen, dass die gesundheitsgebildete Bevölkerung weniger zum Arzt muss und damit am Ende für geringere Kosten sorgt.

Samira Afalid ist übrigens nicht noch einmal schwanger geworden, seit sie ihre Ernährung umgestellt hat. Seitdem sind aber auch erst ein paar Wochen vergangen, sie will es weiter versuchen. Denn sie weiß jetzt, worauf es ankommt. Und hat neue Zuversicht gefasst.

*Name von der Redaktion geändert

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