Infektionskrankheiten Virus im Mäusepelz

Gibt es in einem Jahr besonders viele Bucheckern, sollten Waldwanderer im Folgejahr vorsichtig sein. Denn dann gedeihen Rötelmäuse besonders gut - und mit ihnen ein seltener Erreger: das Hantavirus.
Hantaviren mit 171.000facher Vergrößerung: Etwa drei Tage dauert die Krankheit

Hantaviren mit 171.000facher Vergrößerung: Etwa drei Tage dauert die Krankheit

Foto: Corbis

Hantaviren stecken im Mäusedreck. Der Mensch infiziert sich, indem er aufgewirbelten Staub einatmet, der den Erreger enthält. Oder wenn er von einer befallenen Maus gebissen wird. Überträger in Deutschland sind Rötelmäuse und Brand- und Gelbhalsmäuse.

Ihren exotischen Namen haben die Viren von dem Fluss Hantan in Südkorea. Dort erkrankten während des Koreakrieges in den Fünfzigerjahren Tausende Soldaten an unklarem Fieber. Erst 1977 wurde der Erreger isoliert und Hantavirus genannt.

Fieber, Rückenschmerzen, Nierenschäden

Wer sich mit dem Hantavirus infiziert, bekommt häufig grippeähnliche Symptome: hohes Fieber, Rücken- oder Kopfschmerzen. Typisch ist auch das Auftreten von Blut im Urin und Funktionsstörungen der Niere, da Hantaviren die Blutgefäße in den Nieren schädigen. "Meistens sind die Symptome jedoch mild, und nur in Einzelfällen kommt es zu schweren Komplikationen", sagt Mirko Faber vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. "Es kann allerdings zu einem akuten Nierenversagen kommen, dann müssen die Patienten möglicherweise eine Zeit lang eine Dialyse bekommen." Im Gegensatz zu einer US-amerikanischen Hantavirusvariante, an der 2012 viele Menschen starben, verläuft die Infektion hierzulande nur sehr selten tödlich.

Hantavirusinfektionen treten zyklisch vermehrt auf, alle paar Jahre rutschen die gemeldeten Fälle über die Tausendermarke (siehe Grafik). Der Rhythmus folgt dabei einer einfachen Regel: viele Mäuse, viele Viren, viele Kranke. Um vorherzusagen, ob es in einem Jahr eher mehr oder weniger Hantaviruskranke geben wird, muss man also nur wissen, ob es gerade viele Mäuse gibt - und dafür nicht mal Nagetierexperte sein.

"Wie viele Mäuse es gibt, hängt von der Buchenmast ab", sagt Mediziner Faber. Fachleute meinen damit die Früchte der Buchen - die Bucheckern. Gibt es in einem Herbst eine besonders starke Buchenmast, ist reichlich Futter da für die Rötelmäuse. Dann schlagen sich die Mäuse damit im Herbst den Bauch voll, überwintern gut gemästet und vermehren sich im Jahr darauf üppig. Die Folge: Auch das Virus, das diese Mäuse in sich tragen, kommt vermehrt unters Volk - und mehr Menschen erkranken daran.

Kontakt zu Mäusen meiden

Eine starke Buchenmast gibt es alle paar Jahre: 2006, 2009 und 2011 zum Beispiel - und damit viele Hantaviruskranke in den Jahren 2007, 2010 und 2012. Auch im vergangenen Jahr gab es viele Bucheckern. Also viele Hantaviruskranke in diesem Jahr? "Im Vergleich zu 2012 waren die Fallzahlen 2015 nicht so hoch", sagt Faber. Nur 766 gemeldete Fälle konnten die Epidemiologen bis Ende November zählen. "Wir hätten noch mehr erwartet."

Mirko Faber arbeitet beim RKI im Fachgebiet Gastrointestinale Infektionen, tropische Infektionen und Zoonosen. Das sind Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden, auch Hantavirusinfektionen zählen dazu. Dazu gehören etwa Salmonellen, Noroviren, Dengueviren und Krankheiten wie Malaria, Typhus und Trichinellose. "Ein Sammelsuriumfachgebiet", beschreibt Faber sein Arbeitsfeld. "Wir befassen uns mit allem, was spannend ist - und was so exotisch war, dass es in kein anderes Fachgebiet passte."

Die Rötel- oder Waldwühlmaus lebt in ganz Deutschland. Besonders viele mit dem Hantavirus infizierte Mäuse gibt es im Süden Deutschlands, etwa in der Schwäbischen Alb, in Unterfranken, dem Odenwald und im Bayerischen Wald. Aber auch in Osthessen und West-Thüringen. Hier erkranken auch die meisten Menschen.

Virus im Mäusepelz: Die Rötelmaus überträgt das Hantavirus

Virus im Mäusepelz: Die Rötelmaus überträgt das Hantavirus

Foto: Corbis

Am häufigsten infizieren sich Männer zwischen 40 und 50 Jahren, das zeigt auch die Grafik. Woran das liegt, wüssten die Experten vom RKI auch gern. Es gibt zumindest ein paar Tätigkeiten, die das Institut in einem Merkblatt  mit einem erhöhten Infektionsrisiko benennt: Dazu zählen Wald- und Forstarbeiten, Gartenarbeiten, Jagen und Joggen.

Menschen untereinander können sich nicht anstecken. Da es keine Impfung gibt, ist die wichtigste Maßnahme: vorbeugen. Das RKI hat Tipps dazu in einer Broschüre  gesammelt. "Das Wichtigste ist, dass man den Kontakt zu den Mäusen und ihren Ausscheidungen, wie Speichel, Kot oder Urin meidet", sagt Faber.

Also: Keller, Schuppen und Dachböden möglichst mäusefrei halten. Und wer ein Mäusenest findet, sollte es nicht einfach wegfegen, sondern sich Handschuhe und Mundschutz besorgen, rät der Experte. "Und möglichst keinen Staub aufwirbeln. Etwas Wasser oder Reinigungsmittel drauf - das bindet den Staub und mit ihm die Erreger", sagt Faber.

Zur Autorin
Foto: Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

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