"Hart aber fair" zur Zweiklassenmedizin Jens Spahn zum Realitätscheck, bitte!

Frank Plasberg will vom neuen Gesundheitsminister wissen, was sich für Kassenpatienten bessere. Das lässt Jens Spahn offen. Dafür zeigt sich: Er kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, monatelang auf einen Arzttermin zu warten.
Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Foto: WDR/Oliver Ziebe

Unter dem Motto "Warten zweiter Klasse - was bessert sich für Kassenpatienten, Herr Spahn?" diskutierten die Gäste bei Frank Plasberg über die Ungleichbehandlung von privat und gesetzlich Versicherten. Was schiefläuft im deutschen Gesundheitswesen wurde denn auch recht ausführlich besprochen. Allein die Lösungsansätze fehlten.

Für Andreas Gassen, den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, ist die Sachlage allerdings relativ klar: Die Zweiklassenbehandlung beim Arzt sei vor allem "eine gefühlte". Es handele sich lediglich um ein "Komfortproblem", wegen der Wartezeiten-Unterschiede.

Eine Mutter von drei Kindern erzählt daraufhin, wie sie Monate darauf warten musste, bis ein Krebsverdacht hinreichend geprüft wurde. Für ihre Kinder fand sie zudem keinen Arzt in erreichbarer Nähe, der bereit war, Patienten neu aufzunehmen. Einen Termin hatte es erst gegeben, als sie trickste und log, ihre Tochter leide womöglich an Magersucht. Das Asthma ihres Sohnes hingegen hielten die Ärzte für nicht dringend genug. Anstatt ihn in der Sprechstunde zu behandeln, empfahl man ihr, bei einem Anfall die Notaufnahme aufzusuchen.

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Gassen bleibt davon relativ ungerührt. Natürlich sei so etwas "immer nervig" für die Patienten. Aber bei akuten Problemen werde "man auch drangenommen". Überhaupt müsse man in Schweden bis zu 73 Tage auf einen Facharzttermin warten. Und in Deutschland könne man sich im Gegensatz zu anderen Ländern ja über die freie Arztwahl freuen. "Was nutzt mir das, wenn ich keinen Termin kriege?", wirft Plasberg dazu treffend ein.

Wie dreist manche Ärzte versuchen, aus der Notlage der Patienten noch Kapital zu schlagen, weiß die Journalistin Anette Dowideit zu berichten: Im Bekanntenkreis seien gesetzlich Versicherten schnellere Termine als Selbstzahlerleistung angeboten worden.

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Deutliche Worte findet Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler, Apotheker und Professor an der Uni Bremen. Die Aufnahmestopps bei Ärzten seien "ein Skandal", Vertragsärzte hätten schließlich auch die gesetzlich Versicherten zu behandeln. Glaeske macht auch noch klar, dass es sich eher um ein Verteilungsproblem der Arztpraxen handelt. Mediziner siedelten sich gern in Berlin-Mitte an, wo besser betuchte Privatpatienten wohnen. Und solche, denen sich Individuelle Gesundheitsleistungen am besten andrehen ließen. Im Umland mit ärmeren und älteren Patienten franse die Versorgung hingegen aus.

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Könne man den Ärzten denn etwa übel nehmen, dass sie Geld verdienen wollen, fragt Plasberg? "Es geht nicht ums Übelnehmen, sondern darum, dass man auch Verpflichtungen hat", bringt es Glaeske gut auf den Punkt.

Als positives Beispiel ist Christoph Lanzendörfer geladen, der als Facharzt für Innere Medizin bestätigt, Privat- und Kassenpatienten immer gleich zu behandeln. "Die müssen bei mir genau gleich lang auf einen Termin warten". Alles andere wäre ja unethisch. Lanzendörfer scheint auch kein großer Fan der Individuellen Gesundheitsleistungen zu sein, die gehen ihm "wirklich auf die Pelle".

Spahns Politiker-Plattitüden

Gesundheitsminister Jens Spahn kann sich über das Positiv-Beispiel freuen: Es gebe viele solcher Ärzte, bekräftigt er eifrig. Obwohl Mediziner wie Lanzendörfer eher die Ausnahme als die Regel sein dürften - und sich mit seinen Statements bei Kollegen immer wieder unbeliebt machen.

Dass Plasberg die Debatte wenig strukturiert leitet, macht es Spahn leicht, sich auf klassische Politiker-Plattitüden zu verlegen: Man könne doch "auch einmal stolz sein auf unser Gesundheitssystem". So neigen sich 75 Minuten Sendezeit ihrem Ende zu, ohne dass der neue Minister nennenswerte Lösungsansätze auf den Tisch legen muss. Wie er denn nun erreichen will, dass sich die Wartezeiten beim Arzt verkürzen? Er habe da "so'n paar Ideen rund um die Terminservicestellen". Gemeint ist ein Callcenter-Service für die Vermittlung von Facharztterminen , den es seit 2016 gibt, und der die Misere bislang offenbar nicht beseitigen konnte.

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Genauer Stellung bezogen hatte Spahn vor Kurzem im Interview mit der "Bild am Sonntag". Spahn, der noch vor wenigen Jahren an Lobbyarbeit für die Gesundheitsindustrie verdiente, mahnte an, es sei wichtig, Pharmafirmen gut genug für Medikamente zu entlohnen. Ganz so, als seien zu geringe Margen der Konzerne das Problem im deutschen Gesundheitswesen.

Auch für das Wartezeitenproblem hatte Spahn in dem Interview, anders als bei Plasberg, eine "Lösung" präsentiert: Man müsse nicht immer gleich zum Arzt, und kleine Fragen ließen sich zukünftig vielleicht auch online klären.

Online äußerte dann auch ein Zuschauer bei Plasberg seine Bedenken zum neuen Gesundheitsminister: "Bei der Grundeinstellung ahne ich Böses für Gesundheit und Pflege." Tatsächlich gewinnt man den Eindruck: Was es wirklich bedeutet, monatelang auf einen Arzttermin oder die Prüfung eines Krebsverdachts zu warten, oder für ein Kind mit Asthma keinen Arzt zu finden, kann sich Jens Spahn kaum vorstellen.

Spahn verteidigt seine Hartz-IV-Äußerungen

In einer Petition hatten eben erst mehr als 150.000 Unterzeichner von Spahn verlangt, einen Monat lang von Hartz IV zu leben - nachdem der behauptete hatte, dass das "keine Armut" bedeute. Bei Plasberg sagte Spahn nun, er wolle sich mit der Frau treffen, die die Petition  gestartet hatte. Zudem verteidigte er seine - auch parteiintern umstrittenen - Äußerungen: "Dieses schöne Land kommt am Ende nur weiter, wenn wir ab und zu miteinander auch mal diskutieren", sagte er. "Und wenn beim Diskutieren auch ein paar Unterschiede deutlich werden. Weil wenn man nicht diskutiert und nicht auch über Unterschiede redet, entsteht selten was Neues, Produktives."

Eine andere "Hart aber fair"-Zuschauerin lud Spahn ein, sie einmal in der Krankenhaus-Notaufnahme zu besuchen: der letzten Anlaufstelle für Verzweifelte ohne Arzttermin. Spahn erhielt nun also bereits seine zweite Einladung zum Realitätscheck. Er sollte sie annehmen.

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