"Hart aber fair" zum Pflegenotstand "Das reicht nicht aus, Herr Spahn, und das wissen Sie auch"

Bei "Hart aber fair" verteidigt Gesundheitsminister Spahn wenig einfühlsam seinen Plan, 13.000 Pflegestellen zu schaffen. Die Betroffenen in der Runde sind kaum begeistert - und begründen dies teils sehr persönlich.
Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Foto: WDR/Oliver Ziebe

Den Ernst der Lage hatte kurz vor dem Talk mit Frank Plasberg noch einmal eine Doku im Ersten vor Augen geführt. In Seniorenheimen, so wurde es gezeigt, leiden heute nicht nur die Pflegebedürftigen, sondern auch die Angestellten. Weil ihnen einfach keine Zeit mehr für eine menschenwürdige Betreuung bleibt. Von der Politik fühlen sich Pfleger alleingelassen - genauso wie Angehörige, die bis zum Ende ihrer Kräfte zu Hause pflegen, und dabei um finanzielle Unterstützung kämpfen müssen. Dazu die Zahlen: Rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, 2030 könnten es schon 3,5 Millionen Menschen sein.

Bei "Hart aber fair" schildert dann die Altenpflegefachkraft Silke Behrendt die wachsende Überforderung in ihrem Berufsalltag. In eine Stunde Arbeit müsse sie 100 Minuten Tätigkeit pressen. "Und es wird immer mehr." Dass Gesundheitsminister Jens Spahn, der am Plasberg-Tresen neben ihr steht, 13.000 neue Stellen in der Pflege schaffen will, darüber könne man "in ihrem Kollegenkreis nur lächeln". "Das reicht nicht aus, Herr Spahn, und das wissen Sie auch." Nach Prognosen des Deutschen Pflegerats werden bis 2030 allein in der Altenpflege 200.000 Fachkräfte fehlen.

Unklar ist auch, wer die 13.000 neuen Stellen besetzen soll, da es an Pflegekräften mangelt. Geht es nach dem Gesundheitsminister, dann lautet die Antwort: aus dem Ausland. Doch die anderen sind davon wenig begeistert. Die Journalistin Ruth Schneeberger hatte bereits Erfahrung mit dem Modell machen dürfen. In der Kurzzeitpflege hatten "Hilfskräfte, die überhaupt kein Deutsch sprachen", ihrer Mutter die Tabletten falsch dosiert. Mit einem Puls von 30 habe die daraufhin in die Notaufnahme eingeliefert werden müssen. Unter finanziellen Nöten hatte Schneeberger ihre Mutter schließlich zehn Jahre lang selbst zu Hause betreut.

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Der Journalist Gottlob Schober weist darauf hin, dass Osteuropäer, die heute schon häufig schwarz in der privaten Pflege in Deutschland arbeiten, in ihren Heimatländern fehlen. "Auch die Rumänen haben nämlich Eltern und Großeltern." Ein Zuschauer kritisiert in einer Zuschrift: "Die Politik redet von Anerkennung, will aber billige Hilfskräfte aus dem Ausland holen."

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Allein Thomas Greiner findet Spahns Einfall gut, er ist Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege. Er sei als Kind nach einer Mandel-OP schließlich auch von einer koreanischen Krankenschwester gepflegt worden.

Es wirkt insgesamt wenig einfühlsam, wie Spahn im Bürokratendeutsch von einer "Verdichtung" der Arbeit von Pflegekräften spricht. Und wie er dabei kein Wort über die Menschen verliert, um die es doch eigentlich geht: Alte und Kranke, die deshalb stundenlang in ihren eigenen Ausscheidungen liegen müssen.

Zwei Drittel der Pflegefälle in Deutschland werden zu Hause von Angehörigen betreut. Die Betroffenen, das wird klar, dürfen sich aber von Jens Spahn nicht allzu viel erhoffen. Obwohl viele, wie auch die Doku gezeigt hatte, dadurch in Geldnot geraten, wenn sie ihren Beruf aufgeben. Doch bei diesem Thema redet sich der Minister heraus - es sei ja schon viel getan worden.

Was Spahn von den anderen Gästen trennt, ist vielleicht auch, dass alle außer ihm Angehörige pflegen oder gepflegt haben. Spahn selbst hingegen hatte öffentlich mehrfach gesagt, nicht zur Pflege seiner eigenen Eltern bereit zu sein. Seinen menschlichsten Moment hat der Minister, als er bei "Hart aber fair" erneut zugibt: "Ich traue es mir schlichtweg nicht zu."

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Frank Plasberg, der ungewohnt strukturiert durch die Sendung führt, spricht dann noch einen weiteren Punkt an: Wie es sein könne, dass private Investoren dicke Gewinne mit Pflegeeinrichtungen machen, in denen sie das Personal immer noch weiter zusammenstreichen? Für Spahn kein Grund zum Handeln: Das müsse man sich erst einmal genauer anschauen. Vielleicht könnten private Anbieter ja auch "effiziente Strukturen" in den Heimen schaffen?

Jedem, der sich vielleicht jetzt schon vor der Pflegebedürftigkeit fürchtet, dürfte es bei solchen Formulierungen kalt den Rücken hinunterlaufen. Denn "effiziente Strukturen" sind so ziemlich das Letzte, woran es nach Aussagen der Betroffenen in der Pflege mangelt. Der Pflegenotstand wird nicht beseitigt werden, indem man nach den billigsten Lösungen sucht. Sondern, indem man diejenigen wirksam unterstützt, die zu Hause oder im Heim gern andere pflegen wollen - aber dabei an ihre Grenzen stoßen. Ein erschöpfter Krankenpfleger hatte es in der Pflege-Doku so gesagt: "Es geht mir nicht ums Geld, es geht mir um menschenwürdige Zustände für mich und die Bewohner."

Ruth Schneeberger wirft Jens Spahn zum Schluss noch das an den Kopf, was sich auch mancher Zuschauer denken wird: "Sie haben eben gesagt, Sie haben kapiert. Den Eindruck habe ich aber nur teilweise."

Video zum Pflegenotstand: Wer betreut Sie?

SPIEGEL TV
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