Hautkrebs "Die Haut vergisst keinen Strahl"

Warum entsteht Hautkrebs an Stellen, die niemals die Sonne gesehen haben? Was haben Muttermale damit zu tun und wie erkennt man als Laie, ob sich diese gefährlich verändern? Der Dermatologe Jörg Reichrath klärt auf.

Sonnenbaden: Großes Risiko für den schwarzen Hautkrebs
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Sonnenbaden: Großes Risiko für den schwarzen Hautkrebs


SPIEGEL ONLINE: Was für eine Rolle spielen Leberflecken und Muttermale bei Hautkrebs?

Jörg Reichrath: Der schwarze Hautkrebs, auch malignes Melanom genannt, entsteht immer aus den Melanozyten, den Pigmentzellen. Sogenannte Muttermale oder Leberflecken sind jeweils eine Ansammlung von gutartigen Melanozyten. Die Zahl der Muttermale ist zum Teil genetisch bedingt und nimmt im Laufe des Lebens zu, unter anderem in Abhängigkeit von der Sonnenbestrahlung. Muttermale können bösartig werden, dann entwickelt sich ein malignes Melanom.

ZUR PERSON

Jörg Reichrath ist Professor für Dermatologie an der Universität des Saarlandes und leitender Oberarzt am Universitätsklinikum.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann schwarzer Hautkrebs an Stellen auftreten, die niemals die Sonne gesehen haben?

Reichrath: Ein Melanom kann auch an Stellen wie der Fußsohle oder dem Po entstehen. Man erklärt das heute mit einer wissenschaftlichen Hypothese, die als "Mehrschrittmodell der Krebsentstehung" bezeichnet wird. In einem Muttermal teilen sich Zellen oft. Bei der Verdopplung der Erbinformation können Fehler entstehen - sogenannte Mutationen-, die potenziell krebserregend sind. Normalerweise zerstört das Immunsystem eine Zelle, in der das passiert. Wenn man aber gerade einen Sonnenbrand auf dem Rücken hat, ist das Immunsystem damit so beschäftigt, dass es eventuell den Fehler übersieht. Der wird dann nur notdürftig geflickt und daraus kann dann Jahre später nach einer weiteren zufälligen Mutation schwarzer Hautkrebs entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist man so sicher, dass der schwarze Hautkrebs überhaupt von Sonnenlicht hervorgerufen wird?

Reichrath: Durch epidemiologische Studien und Tierexperimente. Man weiß zum Beispiel, dass bei den hellhäutigen Kaukasiern, die nach Australien, einem Land mit starker Sonneneinstrahlung, ausgewandert sind, der schwarze Hautkrebs stark zugenommen hat. Man geht heute davon aus, dass der Sonnenbrand, insbesondere in der Kindheit und Jugend, ein großes Risiko für den schwarzen Hautkrebs ist. Dagegen erhöht die chronische UV-Belastung vor allem das Risiko für den hellen Hautkrebs.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Auswirkungen von hellem und schwarzem Hautkrebs? Welcher ist gefährlicher?

Reichrath: Heller Hautkrebs tritt meistens im höheren Lebensalter an Stellen auf, die stark der Sonne ausgesetzt waren. Für den hellen Hautkrebs gilt der Satz: die Haut vergisst keinen Strahl. Bei hellem Hautkrebs entstehen meistens keine Tochtergeschwülste, auch genannt Metastasen, im Körper. Der schwarze Hautkrebs ist dagegen gefürchtet, weil er Metastasen bildet. Verglichen mit dem hellen ist er erheblich gefährlicher. Allerdings ist der helle Hautkrebs wesentlich häufiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut sind die Heilungschancen, wenn Hautkrebs früh erkannt wird?

Reichrath: Jedes Jahr erkranken in Deutschland leider mehr als 195.000 Menschen an Hautkrebs. Die Früherkennung ist für die Prävention von enormer Bedeutung. Je früher Hautkrebs erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Dies gilt ganz besonders für den schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom), bei dem die Früherkennung für die weitere Prognose entscheidend ist. Während Patienten mit frühen Melanomen (mit relativ kleiner Tumordicke) durch eine chirurgische Entfernung des Hauttumors oft geheilt werden, kann eine chirurgische Entfernung des Hautumors bei Patienten mit fortgeschrittenen Melanomen (mit relativ großer Tumordicke) oft nicht verhindern, dass sich Metastasen bilden und die Krankheit tödlich verläuft.

SPIEGEL ONLINE: Kann man als Laie erkennen, ob ein Muttermal verdächtig ist?

Reichrath: Das kann man klar mit "Ja" beantworten. Auch als Laie sollte man seine Muttermäler regelmäßig kontrollieren. Warnzeichen, die man auch als Laie erkennen kann, sind unter anderem Veränderungen eines bestehenden Muttermals in Größe, Farbe oder Form, zum Beispiel Asymmetrie oder die Entwicklung knotiger Anteile. Ein gravierendes Warnzeichen wäre eine Blutung. Bei solchen Auffälligkeiten sollte unbedingt ein Hautarzt aufgesucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft sollte man zur Hautkrebsvorsorge gehen?

Reichrath: Diese Frage kann man leider nicht allgemein beantworten, da die Antwort von vielen individuellen Faktoren abhängt wie Hauttyp, Alter, UV-Belastung, Zahl der Muttermale, Hauttumoren in der Vorgeschichte, andere Erkrankungen und so weiter. Bei vielen Menschen ist es aber sinnvoll, alle ein bis zwei Jahre eine Vorsorgeuntersuchung durchführen zu lassen. Eine genaue Empfehlung kann hier der Hautarzt aussprechen.

SPIEGEL ONLINE: Bezahlt das die Krankenkasse?

Reichrath: Seit 2008 haben auch gesetzlich krankenversicherte Männer und Frauen ab einem Alter von 35 Jahren die Möglichkeit, alle zwei Jahre auf Kosten der Krankenkasse eine Hautkrebsvorsorgeuntersuchung durchführen zu lassen. Bei dieser klinischen Untersuchung wird die gesamte Körperoberfläche einschließlich der Kopfhaut angeschaut und untersucht. Dafür benötigt der Arzt in der Regel keine Instrumente, sondern lediglich eine helle Lampe und sein geschultes Auge. Bestimmte Krankenkassen übernehmen die Kosten für diese Vorsorgeuntersuchung auch vor dem 35. Lebensjahr, manche finanzieren jährliche Hautuntersuchungen. Einige Krankenkassen zahlen zusätzlich zur Hautkrebsvorsorgeuntersuchung auch für die Dermatoskopie, das heißt für die Untersuchung von Hautveränderungen mit einer speziellen Lupe.

Das Interview führte Frederik Jötten.

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
marina@spiegel 11.09.2013
1. Melanome und Sonne
---Zitat--- Man geht heute davon aus, dass der Sonnenbrand, insbesondere in der Kindheit und Jugend, ein großes Risiko für den schwarzen Hautkrebs ist. ---Zitatende--- Das liest man immer wieder. Dann müssten doch die meisten Melanome an Stellen auftreten, wo Kinder typischer weise Sonnenbrände bekommen. Ist das wirklich so? Von Leuten, die ich kenne und die verdächtige Leberflecken entfernt bekommen haben, waren die fast immer an Stellen, wo kaum viel Sonne hingekommen ist. Wäre mal gespannt, wie die Erfahrung von Foristen hier ist, bei denen Melanome oder Vorstufen davon diagnostiziert worden ist. Weißer Hautkrebs z.B. tritt so gut wie ausschließlich an Stellen mit chronischer Sonnnebelastung (wie Gesicht) auf. Da ist der Zusammenhang schon viel klarer. Hat der Dermatologe im Artikel vorher ja selbst gesagt, dass schwarzer Hautkrebs auch Stellen wie Fußsohlen oder Po vorkommen.
rainer/zufall 11.09.2013
2.
Zitat von marina@spiegelDas liest man immer wieder. Dann müssten doch die meisten Melanome an Stellen auftreten, wo Kinder typischer weise Sonnenbrände bekommen. Ist das wirklich so? Von Leuten, die ich kenne und die verdächtige Leberflecken entfernt bekommen haben, waren die fast immer an Stellen, wo kaum viel Sonne hingekommen ist. Wäre mal gespannt, wie die Erfahrung von Foristen hier ist, bei denen Melanome oder Vorstufen davon diagnostiziert worden ist. Weißer Hautkrebs z.B. tritt so gut wie ausschließlich an Stellen mit chronischer Sonnnebelastung (wie Gesicht) auf. Da ist der Zusammenhang schon viel klarer. Hat der Dermatologe im Artikel vorher ja selbst gesagt, dass schwarzer Hautkrebs auch Stellen wie Fußsohlen oder Po vorkommen.
lesen sie nochmal den Artikel. Da wir erklärt was als Ursache für das was sie ansprechen vermutet wird
fivestaranonymous 11.09.2013
3. skeptisch
genau weil Hautkrebs auch oft an Stellen auftritt, die nicht der Sonne ausgesetzt sind, bin ich skeptisch. Es koennte ja auch alles ganz anders sein. Also z.B. weil man seine Haut flaechendeckend mit Sonnenschutz eincremt, kriegt die Haut auch keine Gelegenehit Vitmain D herzustellen. Man weiss heute, dass Vitmain D durchaus helfen kann Mutationen zu flicken oder zu verhindern. Oder - vielleicht hat es auch mit Dingen zu tun, die wir esen. Trans-Fette scheinen ja ueberall im Koerper Entzuendungsprozesse zu starten und wir wissen heute, dass chronische Entzuendungen (auch wenn sie so leicht sind, dass man sie kaum bemerkt) Vorlaeufer von entarteten Zellen bilden.
phoenix81 11.09.2013
4.
Die Haut benötigt Sonnenlicht gerade zur Vorbeugung von Hautkrebs. Regelmäßiges 15-minütiges Sonnenbad senkt das Krebsrisiko eher, statt es zu erhöhen.
TimmThaler 11.09.2013
5.
Zitat von sysopAFPWarum entsteht Hautkrebs an Stellen, die niemals die Sonne gesehen haben? Was haben Muttermale damit zu tun und wie erkennt man als Laie, ob sich diese gefährlich verändern? Der Dermatologe Jörg Reichrath klärt auf. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hautkrebsvorsorge-gefahr-durch-muttermale-und-leberflecken-a-921527.html
... und wer als Junge keinen Sonnenbrand hatte, bekommt eher Prostatakrebs.* Panikmache eines Dermatologen, der schließlich davon lebt, dass die Menschen argwöhnisch jedes Fleckchen überwachen. Dann schmieren sie sich dick mit Sonnencreme ein, und bekommen Hautkrebs wegen der enthaltenen cancerogenen Stoffe. Lasst euch doch nicht verrücktmachen! *) War mal das Ergebnis einer Studie.
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