Hebammen "Unser Beruf wird gerade abgeschafft"

Weil sich Hebammen ihre Haftpflichtversicherung nicht mehr leisten können, fordern sie mehr staatliche Unterstützung. Livia Görner hat rund 4000 Geburten betreut und erklärt im Gespräch, warum Geburtshelferinnen wichtiger denn je sind.
Neugeborene Babys: Etwa 15 bis 20 Prozent der Hebammen haben ihre Tätigkeit als Geburtshelferinnen bereits niedergelegt

Neugeborene Babys: Etwa 15 bis 20 Prozent der Hebammen haben ihre Tätigkeit als Geburtshelferinnen bereits niedergelegt

Foto: Waltraud Grubitzsch/ dpa
Zur Person

Livia Görner ist selbständige Hebamme in Hamburg und arbeitet seit 30 Jahren als Geburtshelferin. Im März 2014 ist ihr Buch "Die Wahrheit übers Kinderkriegen" bei Knaus erschienen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Görner, eine Hebamme erlebt Freudentränen, Euphorie und täglich das Wunder des Lebens. Ein Traumberuf, oder?

Görner: (lacht) Wenn ich Menschen von meinem Beruf erzähle, dann ist die Reaktion wirklich oft: 'Oh, wie schön! Jeden Tag glücklich!' Aber als Hebamme muss ich einen klaren Kopf behalten. Wenn ich immerzu euphorisch wäre, würde ich nach zwei Jahren wahrscheinlich umkippen. Und nun müssen wir auch noch um unseren Berufsstand kämpfen. Noch gibt es sie, die klassischen Hebammen, die den ältesten Frauenberuf der Welt ausüben. Aber der wird hier gerade abgeschafft.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht diese Abschaffung aus?

Görner: Die Frauen werden ihre Beleghebamme nicht mehr mit in die Klinik nehmen können, weil diese sich die unbezahlbar teure Haftpflichtprämie nicht mehr leisten kann. Selbst festangestellte Hebammen, die über ihren Arbeitgeber versichert sind, sind angehalten, sich zusätzlich privat zu versichern, denn Regressansprüche werden oft nicht nur an die Klinik, sondern auch direkt an das Fachpersonal herangetragen. Durch die rasante Erhöhung der Haftpflichtkosten gerät der gesamte Berufsstand in Gefahr.

Entwicklung der Haftpflichtprämie für Hebammen

Etwa 21.000 Hebammen arbeiten in Deutschland, nur noch 3500 von ihnen sind freie Beleghebammen. Zuletzt hatten sie um ihren Beruf gefürchtet, weil die Nürnberger Versicherung zu Mitte 2015 aus dem Versicherungskonsortium für die Hebammen ausgestiegen war. Ohne Haftpflichtversicherung dürfen Hebammen aber nicht arbeiten. Auf massiven Druck der Regierung gibt es nun doch eine Lösung, allerdings nur bis 2016 und mit abermaligem Anstieg der Haftpflichtsumme auf mutmaßlich mehr als 6000 Euro pro Jahr. Wie es danach weitergeht, ist ungewiss.

Etwa 15 bis 20 Prozent der Hebammen haben bereits ihre Tätigkeit als Geburtshelfer niedergelegt, nachdem die Haftpflichtsumme vor vier Jahren um 55,6 Prozent auf 3700 Euro angestiegen war. Seit 2012 kostet sie bereits 4242 Euro. Bei der Haftung geht es vor allem um Fehler, die während der Geburt geschehen. Die Zahl der so genannten Schadensfälle wird zwar immer kleiner, die verhandelten Summen aber immer höher. Dabei kann es pro Fall schon einmal um sechs bis sieben Millionen Euro gehen, was für die Versicherer ein großes Risiko darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern sind Sie selbst betroffen?

Görner: Ich darf ohne Berufshaftpflichtversicherung nicht arbeiten. Ich befürchte, dass ich meinen Beruf bald nicht mehr ausüben kann. Es betrifft ja nicht nur die Geburtshilfe, sondern auch die Vor- und Nachsorge. Die Zahl der freien Hebammen wird noch kleiner werden.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie, um diese Entwicklung aufzuhalten?

Görner: Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe und eine politische. Es wird immer getönt, wie viel Hilfe Familien bei uns bekommen. Dabei wird immer weniger für Familien getan. Eine langfristige Unterstützung beim Erhalt unseres Berufsstandes, das wäre wirkliche, praktische Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Die Wahrheit übers Kinderkriegen" schreiben Sie, dass Geburten aus medizinischer Sicht nie sicherer waren als heute.

Görner: Trotzdem nimmt gleichzeitig die Verunsicherung zu. Deswegen ist unsere Hilfe auch so wichtig. Die Hebamme ist heute die Vertrauensperson. Großfamilien lösen sich auf, viele werdende Mütter wollen sich von den eigenen Müttern nichts mehr sagen lassen. Diese Lücke füllt die Hebamme aus. Das Mutterbild in Deutschland ist ja heute ziemlich überdreht. Sobald eine Frau schwanger ist, ist sie 24 Stunden am Tag werdende Mama und verlangt dabei von sich selbst, pausenlos glücklich zu sein. Natürlich ist es eine intensive Zeit, aber eben eine mit Hochs und Tiefs. Ich sage den Frauen, wo sie stehen und gebe ihnen realistische Einschätzungen.

SPIEGEL ONLINE: Die soziale Begleitung macht demnach den wichtigsten Teil der Arbeit einer Hebammen aus?

Görner: Das denken viele, aber das ist bei weitem nicht alles. Wir sind vor allem medizinische Fachkräfte. Eine gut ausgebildete Hebamme betreut eine Frau intensiv und kann Schwierigkeiten frühzeitig erkennen. Vom Know-how der Hebamme hängt es ab, wie gut es läuft. Sie kann Notfälle verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Braucht es dafür einen Profi? In den USA gibt es bereits Laienhebammen.

Görner: Das ist eine schlechte Entwicklung. Auch unter australischen Hebammen gibt es einige, die ohne Versicherung praktizieren, weil sie sich diese nicht mehr leisten können. Sie lassen die Schwangere vorab unterschreiben, dass sie auf Haftung verzichten, falls etwas schiefgeht. Das darf doch nicht sein!

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihre Lösung aus?

Görner: Zunächst einmal sollten sich die Hebammen untereinander einigen. Klinikhebammen und freie Hebammen verzetteln sich zum Teil in einem ideologischen Kampf. Wir müssen an einem Strang ziehen, und wir brauchen natürlich auch eine politische Lösung. Etwa eine Haftungsobergrenze. Es wird so viel subventioniert, wieso können nicht auch diese Ansprüche von der Gesellschaft mitgetragen werden?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie für sich schon eine berufliche Alternative?

Görner: Bücher schreiben! (lacht) Ich weiß es noch nicht. Ich kann auch einen Blumenladen aufmachen. Aber ich würde gern als Hebamme weiter arbeiten. Es macht mir viel Spaß im Kreißsaal. Eine Geburt ist ja bei weitem nicht nur ein medizinisches Ereignis, sondern auch ein Einschnitt, der das Leben komplett verändert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie glücklich mit Ihrem Beruf?

Görner: Zufrieden, ja. Glücklich? Das ist mir ein zu überspannter Begriff. Ich habe meinen Job immer für den sichersten der Welt gehalten. Jetzt ist er es nicht mehr.