Straßenverkehr Der Fahrradhelm wird überschätzt

Handelt fahrlässig, wer ohne Kopfschutz radelt? Auf keinen Fall! Radfahren ohne Helm kann extrem sicher sein, wie der Blick nach Holland und Dänemark zeigt.
Straßenverkehr: Ein Helm würde vor Kopfverletzungen schützen - aber nicht in jedem Fall

Straßenverkehr: Ein Helm würde vor Kopfverletzungen schützen - aber nicht in jedem Fall

Foto: Nicolas Armer/ picture alliance / dpa

Um es gleich zu sagen: Ich fahre fast immer mit Helm durch die Stadt, denn ich bin ein gebranntes Kind. Vor fast 20 Jahren hatte ich einen heftigen Sturz, bei dem ich mit voller Wucht mit dem Kopf auf den Asphalt knallte. Bei sehr hohem Tempo war ich mit dem Lenker an einem Absperrband hängengeblieben. Der Helm war angebrochen, mein Schädel heil. Glück gehabt.

Trotz dieser Erfahrung würde ich niemanden dazu zwingen, einen Helm zu tragen, oder gar eine Helmpflicht fordern. Warum? Für die meisten Radfahrer ist das Risiko, einen schweren Unfall zu erleiden, sehr gering. Auch gesamtwirtschaftlich gesehen rechnet sich eine Helmpflicht nicht, wie eine aktuelle Studie der Universität Münster ergeben hat. In absoluten Zahlen gesehen leben Fußgänger gefährlicher als Radfahrer: 2012 starben 406 Radfahrer auf Deutschlands Straßen und 520 Fußgänger.

Beide Gruppen sind bei Kollisionen mit Autos ähnlich schlecht geschützt. Trotzdem käme niemand auf die Idee, beim Gang zum Bäcker einen Helm aufzusetzen, nur weil er beim Überqueren der Straße überfahren werden könnte. Ob ein Auto mit 30 oder 40 Stundenkilometern einen Radler oder einen Fußgänger erfasst, macht für das Unfallopfer keinen allzu großen Unterschied. Mögliche Verletzungen am Kopf können tödlich sein.

Dieses Risiko gehen wir zu Fuß jeden Tag ein - auf dem Fahrrad ohne Helm bereitet es uns Unbehagen.

Auch die Schutzwirkung des Helms wird immer wieder überschätzt. Bei den allermeisten leichteren Unfällen, auch das belegen Statistiken, bekommt der Kopf glücklicherweise nichts ab. Und auch bei schwereren Unfällen nützt der Helm nur bedingt: Wer von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt wird, hat trotz Kopfschutz kaum eine Chance. Bei Stürzen auf den Kopf senkt ein Helm nicht zwingend das Verletzungsrisiko. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist, darüber streiten sich Mediziner.

Wer sich um seine Sicherheit als Radfahrer im Straßenverkehr sorgt, sollte umsichtig sein, statt sich auf die Styroporhaube zu verlassen. Wie schnell fahre ich? Husche ich knapp an parkenden Autos vorbei, obwohl jederzeit eine Tür aufgehen kann? Fahre ich mit Licht und stoppe bei Rot? Lebe ich in einer Ortschaft, in der es viele Radfahrer gibt und Autofahrer Rücksicht darauf nehmen?

Der Helm ist nur einer von vielen Faktoren, die die Sicherheit beeinflussen. Wer sich Hals über Kopf mit dem Mountainbike steile Berge herunterstürzt, dem rate ich dringend zum Helm. Beim gemütlichen Gleiten durch Nebenstraßen kann man getrost darauf verzichten. Natürlich sind auch dabei schwere Stürze möglich - ein achtlos weggeworfener Apfel reicht. Aber die Gefahr ist gering und das Leben nun einmal mit Risiken verbunden.

Dass die Helmdebatte nur einen Nebenaspekt beim Alltagsradeln bilden dürfte, zeigt der Blick in die Niederlande und nach Dänemark . Dort wird so viel geradelt wie nirgends sonst auf der Welt, fast ausschließlich ohne Helm. Gleichzeitig ist das Risiko, als Radler tödlich zu verunglücken, so niedrig wie nirgends sonst auf der Welt.

Das Sicherheitskonzept ist simpel: gut ausgebaute Radinfrastruktur, aufmerksame Autofahrer und ein über alle sozialen Schichten und Parteien reichendes Bekenntnis zum Rad.

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