Wirkstoffkopie statt 1000-Dollar-Pille Hepatitis C könnte für 50 Dollar geheilt werden

Das Medikament Sovaldi gegen Hepatitis C ging als 1000-Dollar-Pille in die Geschichte ein. Heute ließe sich für 50 Dollar eine ganze Therapie finanzieren - doch kaum ein Patient profitiert davon.

Für Hunderttausende Menschen weltweit geht es um Leben und Tod. Seit der Pharmahersteller Gilead 2013 in den USA sein Medikament Sovaldi auf den Markt gebracht hat, gibt es erstmals eine Therapie, die Hepatitis C recht zuverlässig und mit vergleichsweise wenigen Nebenwirkungen heilen kann. Das Problem: Das Medikament ist sehr teuer - es ging als 1000-Dollar-Pille in die Geschichte ein.

In Deutschland kostete die Arznei zunächst 700 Euro, inzwischen sind es 488 Euro - pro Tablette. Eine zwölfwöchige Therapie verursacht Kosten in Höhe von 43.500 Euro. Andernorts sieht es nicht besser aus: In Großbritannien liegt der Preis für die Therapie bei umgerechnet 77.000 Dollar (etwa 66.200 Euro), in den USA sogar bei 96.404 Dollar (etwa 82.900 Euro). Dabei wäre die Behandlung für 50 Dollar (etwa 43 Euro) möglich, inklusive einer kleinen Profitmarge für den Hersteller.

Zu diesem Ergebnis kommen Andrew Hill von der University of Liverpool und Kollegen in einer Studie zur Wirksamkeit von Generika, die sie beim Welt-Hepatitis-Gipfel in Sao Paolo vorgestellt haben. Demnach belaufen sich die Herstellungskosten für die Medikamente inklusive der Wirksubstanzen und der Verpackung auf knapp 50 Dollar. Und die dem Originalpräparat nachempfundenen Produkte sind genauso wirksam wie das teure Vorbild.

Bei etwa 90 Prozent der Patienten schlägt die Therapie an

Hill und Kollegen haben Daten von 1160 Patienten ausgewertet, die Generika mit den Wirkstoffen Sofosbuvir (Markenname Sovaldi), Ledipasvir (Markenname Harvoni) und Daclatasvir (Markenname Daklinza) eingenommen hatten. Ledipasvir und Daclatasvir werden häufig in Kombination mit Sovaldi genutzt. Die Patienten hatten die Generika von Anbietern in Algerien, Bangladesch, China, Ägypten und Indien in 88 Staaten auf fünf Kontinenten zum persönlichen Gebrauch importiert.

Das Ergebnis der Forscher: Die Mittel wirkten zuverlässig. Bei über 90 Prozent der Patienten schlug die Therapie an. Das entspricht der Erfolgsrate des Originalprodukts und deckt sich mit früheren Auswertungen.

"Weltweit haben etwa 70 Millionen Menschen chronische Hepatitis C", sagt Hill. Die Virusinfektion kann zu schweren Leberschäden wie Leberzirrhose führen. "Wenn man von 50 Dollar pro Therapie ausgeht, könnte man für 3,5 Milliarden Dollar (etwa drei Milliarden Euro, Anm. Red.) jeden behandeln." Das entspreche weniger als einem Prozent des weltweiten Gesundheitsbudgets von acht Billionen Dollar.

Welche Interessenskonflikte gibt es

Die Autoren James und John Freeman betreiben einen "Buyers Club", über den sie Sovaldi-Generika günstig beziehen und weiter verkaufen.

James Freeman hat zudem Reisekostenunterstützung vom Pharmaunternehmen European Egyptian Pharmaceutical Industries, von Bekerpharma und Beacon Pharmaceuticals erhalten. Andrew Hill hat in den vergangenen zwölf Monaten Beratungshonorare der Pharmaunternehmen Merck, Teva und Janssen erhalten. Greg Jefferys unterstützt Patienten dabei, Zugang zu einer Behandlung zu bekommen.

Die ebenfalls beteiligten Forscher Nabil Debzi, Giten Khwairakpam, Julia Dragunova, Sergey Golovin, James Wang, Vicky Houghton-Price, Rachel Smith und Roxanna Korologou- Linden haben keine Interessenskonflikte angegeben.

Not macht erfinderisch

Allerdings sind günstige Generika bislang eben nur in wenigen Staaten verfügbar. Bis Ende 2016 wurden schätzungsweise erst 2,1 Millionen Menschen mit Sofosbuvir behandelt, 69 Millionen bekamen das Medikament also nicht. Selbst in wohlhabenden Ländern haben es Patienten mitunter schwer.

In Deutschland sind 400.000 bis 500.000 Menschen mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert. Wegen der hohen Kosten tun sich jedoch auch hierzulande manche Ärzte schwer, die Mittel zu verschreiben. In anderen Staaten wie Australien, Kanada und den USA werden mitunter standardmäßig nur Patienten behandelt, die etwa zusätzlich andere schwere Erkrankungen haben oder deren Leber bereits erheblich Schaden genommen hat.

Einige Patienten beschaffen sich die Medikamente deshalb auf eigene Kosten über sogenannte "Buyers' Clubs". Diese kaufen die Originalmedikamente oder Generika in größeren Mengen in Entwicklungsländern oder Schwellenländern und geben sie an Kunden in wohlhabenden Staaten weiter. Andere Betroffene kaufen die Mittel direkt im Ausland. So liegt der Preis für eine zwölfwöchige Medikation in Indien beispielsweise bei 78 Dollar (etwa 67 Euro) und in Ägypten bei 174 Dollar (etwa 150 Euro).

Ärzte ohne Grenzen will verstärkt Generika bereitstellen

"Es muss viel mehr getan werden, um alle Staaten, vor allem Entwicklungsländer, in die Lage zu versetzen, sich die Medikamente zu einem günstigen Preisen zu beschaffen", sagt Hill. Ohne massive Änderungen der Preisstruktur könne der Kampf gegen die weltweite Hepatitis-Epidemie nicht gewonnen werden.

Laut Hill müssten die Produzenten der Mittel mehr dafür tun, Produktionslizenzen an Staaten zu vergeben, in denen bisher keine Generika hergestellt werden. Mehr als die Hälfte der weltweit infizierten Menschen lebten in Staaten, in denen es keine Lizenz zur Generikaproduktion gibt.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen versucht, dem Medikamentenmangel mit Spezialverträgen zumindest etwas entgegenzusteuern. Beim Welt-Hepatitis-Gipfel gab sie eine Vereinbarung bekannt, nach der sie die zwölfwöchige Therapie künftig für 120 Dollar (etwa hundert Euro) von Generikaherstellern bekommt. Zuvor lag der Preis der Original-Hersteller Gilead und Bristol-Myers Squibb für die Hilfsorganisation noch bei 1800 Dollar (etwa 1500 Euro).

Mit der besseren Verfügbarkeit von Medikamenten allein lässt sich die Hepatitis-C-Epidemie allerdings nicht lösen. Entscheidend ist auch, dass mehr betroffene Menschen überhaupt eine Diagnose erhalten. "Wir können die Leute nicht behandeln, wenn wir nicht wissen, wo sie sind", sagt Hill. Der Anteil der Patienten, die ihre Erkrankung kennen, schwankt zwischen 44 Prozent in wohlhabenden Staaten und 9 Prozent in Entwicklungsländern.

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