Ein rätselhafter Patient Gift im Tee

Eine Frau klagt plötzlich über Herzklopfen und Benommenheit, sie muss sich erbrechen. In der Notaufnahme schildert sie, was sie am Abend zuvor ausprobiert hat.

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Die Patientin schläft nicht besonders gut, was sie durchaus plagt. Doch davon abgesehen ist die 63-Jährige bei guter Gesundheit. Weder hat sie Herzprobleme noch ein erhöhtes Risiko für solche. Und sie nimmt auch keinerlei Medikamente regelmäßig ein.

Doch plötzlich geht es ihr extrem schlecht. Sie muss sich erbrechen, hat Herzklopfen und ist der Ohnmacht nahe. Zehn Stunden kämpft sie mit diesen Symptomen, ehe sie Hilfe in der Notaufnahme des King's College Hospital in London sucht. Zwei der Ärzte, Mathew Kurian Vithayathil und Matthew Edwards, berichten im Fachblatt "BMJ Case Reports" von ihrem Fall.

Die Mediziner überprüfen mithilfe eines Elektrokardiogramms (EKG) das Herz der Patientin, und tatsächlich zeigen sich dort klare Auffälligkeiten, unter anderem ist das sogenannte QT-Intervall verkürzt. Die Blutwerte sind dagegen normal: Ihr Elektrolythaushalt ist in Ordnung, die Entzündungsmarker nicht erhöht.

Beruhigender Tee

Am Abend zuvor habe sie erstmals einen Tee probiert, den ihr ein Freund gegen die Schlafstörungen empfohlen habe, erzählt die Frau. Er riet ihr zu Beinwell (Symphytum officinale), einer bekannten Heilpflanze, die jedoch eher äußerlich bei Verletzungen eingesetzt wird.

Die Frau schildert, sie habe sich einige Beinwell-Blätter auf einem Wochenmarkt gekauft und sich daraus zu Hause einen Tee gebrüht. Die Symptome setzten dann wenige Stunden später ein.

Echter Beinwell (Symphytum officinale)
Getty Images/ amana images

Echter Beinwell (Symphytum officinale)

Die Ärzte wollen sich in einer nationalen toxikologischen Datenbank über Beinwell informieren, doch dort gibt es keinen Eintrag für die Pflanze. In einem anderen Online-Nachschlagewerk werden die Ärzte aber fündig: Dort gibt es einen Eintrag, der die Pflanze mit der Lebervenen-Verschlusskrankheit in Verbindung bringt. Doch die Symptome der Patientin passen überhaupt nicht zu diesem Leiden.

Berichte, in denen Beinwell im Zusammenhang mit Herzkrankheiten oder Herzrhythmusstörungen genannt wird, finden die Mediziner nicht.

Bildersuche im Netz

Dennoch halten die Ärzte den Tee weiterhin für die wahrscheinlichste Ursache. Sie führen deshalb ihre Recherche fort: mit einer Bildersuche im Internet. Dabei stellen sie fest, dass die Blätter des Beinwell denen einer giftigen Pflanze ähneln. Hat ihre Patientin auf dem Markt keine Beinwell-Blätter gekauft, sondern Fingerhut?

Fingerhut (Digitalis purpurea)
Getty Images/ UIG

Fingerhut (Digitalis purpurea)

Erneut untersuchen die Ärzte das Blut der Frau und weisen erhöhte Digoxin-Werte nach - eine Substanz, die im Fingerhut vorkommt. Digoxin ist ein sogenanntes Herzglykosid. Unter anderem sorgt es dafür, dass sich das Herz kraftvoller zusammenzieht und langsamer schlägt.

Wegen ihrer starken Auswirkungen aufs Herz wurde die Substanz schon früh als Medikament eingesetzt. Allerdings ist die Grenze zur Vergiftung schnell überschritten, bei der die Symptome drohen, die auch die britische Patientin erlebt.

Nachdem die Ärzte wissen, was hinter den Beschwerden steckt, geben sie der Frau Antikörper, die im Blut ans Digoxin andocken und es unschädlich machen.

Infolge der Behandlung kehrt das Herz wieder in seinen gewohnten Rhythmus zurück. Nach fünf Tagen kann die Frau die Klinik verlassen, ihr Körper hat keinen bleibenden Schaden genommen.

Die Ärzte bitten die Patientin, dem Händler auf dem Wochenmarkt mitzuteilen, welche Verwechslung ihm unterlaufen ist. Außerdem empfehlen sie, dass Beinwell nun doch in die nationale toxikologische Datenbank aufgenommen wird - wegen der möglichen Verwechslung mit Fingerhut.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
mo3b 03.12.2016
1. Online-Nachschlagewerk
Jede Wette das war Wikipedia. Ich kann mir so richtig vorstellen, wie die Ärzte der Patientin mitteilen, dass sie einen Verdacht haben, aufgrund sorgfältiger Recherche bei W.... einem Online-Nachschlagewerk.
ulrich_loose 03.12.2016
2. Wäre sicher besser gewesen
am Abend einen Melissentee aus dem Supermarkt oder ein paar Baldrian Kapseln aus der selben Quelle zu sich zu nehmen. Bei der Gelegenheit - Verwechslungen sind auch im Supermarkt möglich. Wer erinnert sich nicht an die Fälle der mit Kreuzkraut verunreinigten Rucola Salaten.
kai-ser210 03.12.2016
3. Fragen über Fragen..
Müssten dann nicht auch andere Tee-Genießer dieses Marktstandes Beschwerden bekommen? Oder wenn die Käufer die gekauften Pflanzen, wie anscheinend oft vorgesehen, zur Wundbehandlung genutzt haben - wie wirkt sich der giftige Fingerhut bei so etwas aus? Fände ich durchaus interessant. Und zu guter Letzt: Kann - und sollte - man den Verkäufer bzw. den Verantwortlichen deswegen nicht mal richtig dran kriegen? Immerhin verkauft er da ein Gift als vermeintliche Kräuter an eine breite Kundschaft. Harmlos finde ich das nicht gerade. Aber die Ärzte sagen der Frau, sie solle das in die Hand nehmen und den Marktverkäufer informieren. Also kann es augenscheinlich ja nicht sooo wild sein. Naja, ich lerne trotzdem daraus, dass ich mir keinen Tee aus irgendwelchen "handgepflückten" Marktkräutern kochen werden. Hatte ich zwar in nächster Zeit auch nicht vor, aber das behalte ich trotzdem mal lieber im Hinterkopf. Man kann ja schließlich nie wissen.
permissiveactionlink 03.12.2016
4. Nicht minder gefährlich
ist die Verwechslung von Bärlauch (Allium ursinum) mit der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale). Letztere produziert ein sehr wirksames Gift, das Colchicin, ein Alkaloid, das die Zellteilung hemmt und Betroffene sehr qualvoll sterben lässt (0,8mg pro kg Körpergewicht sind für Erwachsene tödlich). Die Pyrrolizidin-Alkaloide im Jakobs-Greiskraut bzw. -Kreuzkraut (Senecio jacobaea) finden sich beinahe in allen Kräutertees als Verunreinigung und führen bei hoher Dosierung insbesondere bei Weidetieren zu tödlichen Intoxikationen durch die Hepatotoxischen Inhaltsstoffe. Greisenkräuter sind zudem als krebserregend eingestuft.
CancunMM 03.12.2016
5.
Zitat von mo3bJede Wette das war Wikipedia. Ich kann mir so richtig vorstellen, wie die Ärzte der Patientin mitteilen, dass sie einen Verdacht haben, aufgrund sorgfältiger Recherche bei W.... einem Online-Nachschlagewerk.
Und ? Was wäre daran so schlimm, wenn die Ärzte es aus Wikipedia haben ? Sie wären natürlich sofort darauf gekommen, dass es der Tee gewesen sein muss. Und hätten natürlich auch gewusst, dass man bei Digoxinvergiftung Antikörper geben muss... Schon klar. Was mich nur an dem Fall stört: Die Ärzte raten ihr, dass sie dem Typen sagen soll, dass er was falsches verkauft ? Äh ? Polizei ? Körperverletzung ? Laden zu machen ?
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