Ein rätselhafter Patient Saures Blut

Heftige Magen-Darm-Beschwerden treiben eine 66-Jährige in die Notaufnahme. Sie hat Diabetes, leidet an Depressionen, Asthma und Bluthochdruck. Ihr Blut ist lebensgefährlich sauer - die Patientin erleidet einen Herzstillstand. Was ist der Grund?

Reanimationstrainingraining: Ein zu niedriger pH-Wert im Blut und Mangel an Elektrolyten können zu einem Herzstillstand führen
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Reanimationstrainingraining: Ein zu niedriger pH-Wert im Blut und Mangel an Elektrolyten können zu einem Herzstillstand führen

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Mit dem Rettungswagen wird eine 66-Jährige ins Royal Adelaide Hospital in der australischen Stadt gebracht. Bereits seit mehreren Wochen fühle sie sich nicht wohl, erzählt sie den Ärzten in der Notaufnahme. Seit drei Wochen esse und trinke sie nicht mehr richtig und habe Durchfall. Die Frau ist Diabetikerin.

Bei der ersten Untersuchung erfahren die Mediziner, dass ihre Patientin bereits seit 15 Jahren unter der Zuckerkrankheit leidet. Wegen des Mangels an Insulin ist der Blutzuckerspiegel regelmäßig zu hoch, und die Frau hat Schwierigkeiten, ihn mit Medikamenten gut zu kontrollieren. Zudem leidet die 66-Jährige an Asthma, Bluthochdruck und Depressionen. Sie nimmt sowohl blutdrucksenkende Mittel als auch Aspirin sowie den Blutzuckersenker Metformin.

Zu hoher Kaliumspiegel

Als die Rettungsdienstmitarbeiter die Patientin untersuchten, waren ihr Blutzuckerspiegel und ihr Blutdruck niedrig gewesen, sie hatte deutlich zu schnell geatmet und ihr Herzschlag war langsam. In der Notaufnahme ist die Patientin zudem verwirrt. Eine Laboruntersuchung des Bluts zeigt verschiedene auffällige Werte: Unter anderem ist der Kaliumspiegel beunruhigend hoch - ein Risiko für das Herz. Außerdem ist das Blut der Frau deutlich zu sauer.

Offensichtlich arbeiten die Nieren der Patientin nicht richtig. Für gewöhnlich sorgt das Organ dafür, dass der pH-Wert im Blut in einem bestimmten Bereich liegt.

Die Ärzte behandeln sowohl den hohen Kaliumspiegel als auch den pH-Wert, um sich auf die Suche nach der zugrunde liegenden Ursache für die Probleme machen zu können. Doch bereits wenige Minuten nach diesen ersten Schritten verschlechtert sich der Zustand der Patientin so dramatisch, dass ihr Herz zu schlagen aufhört.

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25 Minuten lang reanimieren die Notfallmediziner die 66-Jährige. Während der Herz-Lungen-Wiederbelebung legen sie ihr einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre und schließen sie an ein Beatmungsgerät an. Tatsächlich gelingt die Wiederbelebung. Als der Kreislauf der Frau wiederhergestellt ist, untersuchen die Ärzte sie weiter. Doch weder Röntgenbilder noch ein EKG oder eine Blutuntersuchung auf giftige Substanzen bringen verwertbare Ergebnisse.

Dennoch haben die Mediziner einen Verdacht: Die seit Wochen bestehenden Magen-Darm-Beschwerden, der zu hohe Laktatspiegel im Blut - könnte der Darm das Problem sein?

OP ohne Befund

Die Ärzte bringen ihre Patientin auf die Intensivstation und bereiten sie für eine Darm-Operation vor. Nach der Reanimation benötigt die Frau hohe Konzentrationen an Medikamenten, die den Kreislauf unterstützen. Zudem wird sie an eine Blutwäsche angeschlossen und bekommt Antibiotika.

26 Stunden nach der Aufnahme ins Krankenhaus operieren Chirurgen die Patientin, allerdings können sie am Darm nichts finden. Ohne augenscheinliche Ursache für die Probleme der Patientin machen die Ärzte mit der Dialyse weiter. Tatsächlich normalisieren sich die meisten Blutwerte innerhalb der nächsten drei Tage.

In der Zwischenzeit schließen sie eine Reihe anderer möglicher Ursachen aus - und landen schließlich bei einer seltenen und auch umstrittenen Diagnose: Wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten, könnte der Flüssigkeitsmangel - gepaart dem Diabetesmedikament Metformin - dazu geführt haben, dass die Nieren versagen. Das gestörte Organ konnte deshalb den pH-Wert sowie den Elektrolytespiegel im Blut nicht mehr wie gewohnt steuern. Das würde die Beschwerden der Patientin und auch die Laborwerte und den Kreislaufstillstand erklären.

Eine so schwere Nebenwirkung des Metformins nennen Ärzte metforminassoziierte Laktatazidose, wobei unklar ist, ob Metformin der Auslöser der Übersäuerung des Blutes ist oder nur begünstigend wirkt. Bis zur Hälfte der Patienten überlebt eine so schwere Verschiebung des pH-Wertes im Blut nicht.

Im Fall der australischen Patienten, so schreiben Dumisani Ncomanzi und seine Kollegen in dem Fallbericht, habe die Betroffene die Intensivstation erst nach 35 Tagen wieder verlassen. So lange habe es gedauert, bis die Blutwerte sich nach fortlaufender Dialyse wieder normalisiert hatten.

Auch in diesem Fall ist unklar und umstritten, ob das Metformin wirklich Auslöser der Laktatazidose sein kann. Das akute Nierenversagen der Patientin kann auch eine Folge der Kombination aus Flüssigkeitsmangel und mehreren Medikamenten der Patientin sein, die das Organ beeinträchtigen. Fest steht aber laut dem Fallbericht, dass der Metforminspiegel im Blut nach der Operation tatsächlich deutlich zu hoch ist.

Grundsätzlich infrage stellen Ncomanzi und seine Kollegen das häufig verwendete und grundsätzlich sichere Medikament Metformin nicht. Gleichwohl aber rufen sie zur Vorsicht auf, wenn bei Patienten wegen akuter Ereignisse die Nierenfunktion eingeschränkt ist.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
sponjo 15.06.2014
1. Selten?
Leider nicht. Letztes Jahr wurden bei uns 4 Patienten mit einer bedrohlichen Lactatazidose dialysiert. Metformin ist kontraindiziert bei einer GFR ('Clearance, Nierenfunktion') von weniger als 60 ml/min. Das ist dann etwa jeder 2. über 70 Jährige. Verschrieben wird es trotzdem, ist im DMP so vorgesehen und - ja genau - billig. Aber selbst wenn man mehr als eine GFR von 60 hat, Flüssigkeitverluste im Rahmen großer Hitze oder Durchfällen oder egal was und schon sind die alten Herrschaften mit der Nierenfunktion im kritischen Bereich. Co Medikationen aus der Priscus Liste kommen oft hinzu. Von Co Morbiditäten wie Herzinsuffizienz oder Lungenerkrankungen die an sich schon eine KI darstellen ganz abgesehen. Metformin ist ein sinnvolles Diabetesmedikament, die KI's werden häufig nicht gesehen. PS: den Bauch aufmachen weil man eine Lactatazidose nicht erkennt - das ist bitter. Eine Intestinale Ischämie kann man auch anders diagnostizieren.
wernerthurner 15.06.2014
2. Lactacidose
Zitat von sysopDPAHeftige Magen-Darm-Beschwerden treiben eine 66-Jährige in die Notaufnahme. Sie hat Diabetes, leidet an Depressionen, Asthma und Bluthochdruck. Ihr Blut ist lebensgefährlich sauer - die Patientin erleidet einen Herzstillstand. Was ist der Grund? http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/herzstillstand-und-nierenversagen-durch-zu-niedrigen-ph-wert-im-blut-a-974965.html
Wie richtig dargestellt handelt es sich um eine Sonderform der metabolischen Acidose, der Lactacidose.http://de.wikipedia.org/wiki/Laktatazidose N i c h t s N e u e s, gab es schon immer, wird es auch immer wieder geben ob mit oder ohne Metformin, wo derzeit versucht wird, dieses ältere, bewährte und vor allem preisgünstige Medikament in Verruf zu bringen um die neuen, extrem teuren, mit nicht weniger (eher mehr) Nebenwirkungungen behafteten "Blutzuckersenker" auf dem lukrativen Arzneimittel Markt zu pushen. Leider wird dieser Passus im Artikel "Auch in diesem Fall ist unklar und umstritten, ob das Metformin wirklich Auslöser der Laktatazidose sein kann. Das akute Nierenversagen der Patientin kann auch eine Folge der Kombination aus Flüssigkeitsmangel und mehreren Medikamenten der Patientin sein, die das Organ beeinträchtigen." manche so "aufgeklärten" Zucker-Patienten nicht davon abhalten vehement auf die neuen, extrem teuren Zucker Medikamente zu pochen. P.S. (Oberlehrer Modus an) Der Mensch hat i.d.R. zwei Nieren, ständig von "der Niere" , dem "Organ" zu schreiben, ist nicht ganz korrekt (Oberlehrer Modus aus)
derwauwau 15.06.2014
3. Metformin war einst wegen tödlicher Nebenwirkungen verboten
Nach meiner Umstellung auf Metformin vor ca. 15 Jahren wäre ich nachts (gefühlt) beinahe 2mal abgekratzt. Gemäß Beipackzettel tippte ich auf Übersäuerung des Blutes und setzte Metformin ab. Seither nie mehr wieder sowas erlebt. Meine Schilderung dieses Falls in der Diabetiker-NG wurde als Spinnerei abgetan.
dieter.l 15.06.2014
4.
Einen Gruß an das Redaktionsteam, aber ich bitte um Entschuldigung, wenn es sich um eine Diabetikerin handelt, dann wird mit-an-Sicherheit-grenzender-Wahrscheinlichkeit Ursache ein sehr hoher Glukosespiegel sein. Diese Laktatazidose spricht leider für eine falsche Diagnose des Diabetestypus! Metformin führt bei einer fälschlichen Behandlung eines Typ-1 Diabetikers genau zu diesem Befund! Metformin ist nur für Typ-2 Diabetiker geeignet und in dem geschilderten Fall wird es sich mit Sicherheit um eine Fehleinstufung des behandelnden Arztes gehandelt haben. Oder wurde etwa ein großflächiger Befund von abgestobenen Gewebe verschwiegen, der auch zu hohen Laktatwerten von größer 8mmol/l führt? Mir scheint Ursache des Dramas gewöhnlicher Ärztepfusch und die Sterblichkeit bei solch einem Befund liegt bei 40 - 100%. Mit einem abschließenden Gruß
wernerthurner 15.06.2014
5. Lactacidose eher selten
Zitat von sponjoLeider nicht. Letztes Jahr wurden bei uns 4 Patienten mit einer bedrohlichen Lactatazidose dialysiert. Metformin ist kontraindiziert bei einer GFR ('Clearance, Nierenfunktion') von weniger als 60 ml/min. Das ist dann etwa jeder 2. über 70 Jährige. Verschrieben wird es trotzdem, ist im DMP so vorgesehen und - ja genau - billig. Aber selbst wenn man mehr als eine GFR von 60 hat, Flüssigkeitverluste im Rahmen großer Hitze oder Durchfällen oder egal was und schon sind die alten Herrschaften mit der Nierenfunktion im kritischen Bereich. Co Medikationen aus der Priscus Liste kommen oft hinzu. Von Co Morbiditäten wie Herzinsuffizienz oder Lungenerkrankungen die an sich schon eine KI darstellen ganz abgesehen. Metformin ist ein sinnvolles Diabetesmedikament, die KI's werden häufig nicht gesehen. PS: den Bauch aufmachen weil man eine Lactatazidose nicht erkennt - das ist bitter. Eine Intestinale Ischämie kann man auch anders diagnostizieren.
Zustimmung. Was die Kontraindikationen (KIs) anbelangt, insbesondere eingeschränkte Nieren-aber auch Leberfunktion, so so sieht es bei den neuesten, teuren Antidiabetika aber nicht wesentlich anders aus, bei llerding häufigeren sonstigen Nebenwirkungen. Lactadzidose ist bei der grossen Menge an Diabetikern dann doch ein eher seltenes Ereignis. http://www.allgemeinarzt-online.de/diabetes/a/1601209
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