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Yoga gegen Angststörungen Furchtlos beim Sonnengruß

Wer unter Ängsten leidet, muss meist lange auf einen Therapieplatz warten. Kundalini-Yoga empfinden viele Menschen als entspannend - aber hilft es auch bei Angststörungen?
Von Nina Weber

2020 ist ein Jahr, in dem Ängste vermutlich bei vielen Menschen mehr Raum einnehmen als in anderen Jahren. Die Sorge, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Die Angst, aufgrund der wirtschaftlichen Lage seinen Job zu verlieren oder keinen zu finden. Die Furcht, in einem möglichen weiteren Lockdown Familie und Freunde kaum sehen zu können.

Nehmen diese und andere - durchaus realistische - Ängste so überhand, dass Betroffene sich fast nur noch mit dieser Furcht beschäftigen, eigentlich Alltägliches aufgrund der Angst meiden und auch Panikattacken erleiden, spricht man von einer generalisierten Angststörung.

Lange Wartezeiten überbrücken

Das Problem ist keineswegs selten. Etwa vier bis sechs Prozent der Bevölkerung hat oder hatte bereits eine solche Angststörung, schätzen  Experten.

Betroffenen wird eine Verhaltenstherapie empfohlen, um die Störung zu überwinden. Dass diese vielen Menschen hilft, ist durch Studien gut belegt. Allerdings ist es in der Praxis oft schwer, eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu finden - oder man muss lange auf einen Behandlungsplatz warten. Gibt es andere Möglichkeiten, die Angststörung zu behandeln?

Was ist eine generalisierte Angststörung?

Betroffene haben übermäßige Angst vor einem Unglück oder einer Erkrankung. Sie machen sich viele unbegründete Sorgen um alltägliche Lebensumstände wie ihren Beruf oder befürchten, dass den eigenen Kindern schlimme Dinge wie etwa Unfälle passieren könnten. Generalisierte Ängste treten oft im jungen Erwachsenenalter auf: Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leiden einmal in ihrem Leben darunter. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Verhaltenstherapie, Yoga, Stressberatung

Laut einer neuen, im Fachblatt "Jama Psychiatry"  erschienen Studie hilft Yoga - genauer: Kundalini-Yoga - zwar nicht so gut wie eine Verhaltenstherapie. Aber es hat laut der Untersuchung von Naomi Simon von der New Yorker Grossman School of Medicine zumindest einen kleinen Effekt. Kundalini-Yoga beinhaltet körperliche Übungen, Entspannungstechniken und Mediation.

Das Forscherteam wollte in seiner Untersuchung prüfen,

  • ob Verhaltenstherapie und Kundalini-Yoga besser gegen eine Angststörung helfen als eine Kontroll-Hilfsmaßnahme in Form einer Stressberatung,

  • ob Yoga dabei nicht weniger effektiv ist als die Verhaltenstherapie.

226 von einer Angststörung Betroffene nahmen an der Studie teil und wurden zufällig einer der drei Gruppen (Verhaltenstherapie, Yoga, Stressberatung) zugeteilt. Alle drei Maßnahmen hatten denselben zeitlichen Umfang: Es gab zwölf zweistündige Termine innerhalb von fünf Wochen, zusätzlich waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer angehalten, sich jeden Tag 20 Minuten einer Hausaufgabe aus dem jeweiligen Programm zu widmen.

Insgesamt wurden alle Maßnahmen größtenteils sehr gut angenommen. Auch gab es nur relativ wenige Nebenwirkungen wie etwa einen Schwindelanfall bei einem Yogakurs oder größere Angst im Rahmen von Verhaltenstherapie und Stresstraining.

Die Teilnehmer wurden direkt nach Ende des Programms sowie ein halbes Jahr später strukturiert dazu befragt, ob und wie sich ihre Symptome verbessert hatten. Direkt nach dem Programm hatten rund 71 Prozent der Teilnehmer, die eine Verhaltenstherapie gemacht hatten, eine deutliche Verbesserung. In der Yogagruppe waren es rund 54 Prozent, in der Kontrollgruppe mit dem Stresstraining immerhin ein Drittel.

Ein halbes Jahr später konnten sogar rund 77 Prozent der Verhaltenstherapie-Teilnehmer weiterhin von einer deutlichen Verbesserung berichten, in der Yogagruppe waren es rund 63 Prozent, in der Stresstraining-Gruppe 48 Prozent.

Angstlösende Effekte durch Kundalini-Yoga?

Das Ergebnis bestätigt in erster Linie etwas schon Bekanntes: Dass eine Verhaltenstherapie das Mittel erster Wahl bei einer generalisierten Angststörung ist. Dazu kommt die Erkenntnis, dass - so formulieren es die Studienautorinnen und - autoren - "Kundalini-Yoga möglicherweise einige kurzfristige angstlösende Effekte für einige Menschen hat, aber diese nicht so stark oder nicht anhaltend sein könnten".

Einen Ersatz für die Verhaltenstherapie ist Yoga demnach wohl nicht - aber vielleicht für manche eine Möglichkeit, die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Im Gegensatz zur Therapie muss man allerdings die Yogastunden in aller Regel selbst bezahlen. Zwar gewähren einige Krankenkassen inzwischen für bestimmte Yogakurse einen Zuschuss, dies geschieht jedoch meist im Rahmen von Krankheitsvorbeugung.