Hinrichtungsdrama in USA Die Hilfsmittel der Henker

Mit Midazolam werden Patienten vor einer OP beruhigt. US-Staaten haben das Medikament für Hinrichtungen entdeckt. Jetzt musste ein Todeskandidat nach dem Einsatz 43 Minuten lang leiden - bis er starb. Es ist nicht die einzige Arznei, die die Henker missbrauchen.

Todeszelle in Texas, USA: Vecuroniumbromid lähmt die Muskeln
ASSOCIATED PRESS

Todeszelle in Texas, USA: Vecuroniumbromid lähmt die Muskeln


43 Minuten kämpfte Clayton Locketts Körper, dann erst gab er auf. In den USA ist eine Hinrichtung per Giftinjektion aus dem Ruder gelaufen, beim Spritzen der ersten von drei Substanzen platzte offenbar eine Vene. Lockett blieb bei Bewusstsein, atmete schwer und begann, mit den Zähnen zu knirschen. Der 38-Jährige, der unter anderem wegen Mordes an einer 19-Jährigen zum Tode verurteilt wurde, starb schließlich, obwohl die Hinrichtung abgebrochen wurde, an einem Herzinfarkt.

Der Todeskandidat erhielt als einer der ersten einen Giftcocktail aus den drei Mittel Midazolam, Vecuronium und Kaliumchlorid gespritzt. Diese Kombination war am 15. Oktober 2013 erstmals bei einer Hinrichtung in Florida eingesetzt worden. Das erste Mittel, Midazolam, bei dem die Injektion missglückte, sollte ihm das Bewusstsein nehmen. Die zweite Substanz Vecuronium lähmt, die dritte, Kaliumchlorid stoppt den Herzschlag.

Midazolam wird erst seit kurzem überhaupt bei Hinrichtungen eingesetzt. Damit reagierten die US-Bundesstaaten Florida und Ohio auf Lieferengpässe des bis dahin häufig genutzten Pentobarbital: ein Betäubungs- und Schlafmittel, das in entsprechender Dosierung sicher und nach kurzer Zeit zum Tod führt. Allerdings wurde dieses von einer dänischen Firma entwickelt, die ihre Exporte und den Vertrieb streng kontrolliert. Das Unternehmen versucht so sicherzustellen, dass US-Gefängnisse nicht mit dem Medikament beliefert werden, die es für Hinrichtungen verwenden.

Midazolam: Gängiges Beruhigungsmittel

Bei Midazolam handelt es sich um ein in der Anästhesie häufig eingesetztes Medikament, das unter anderem als Tablette unter dem Handelsnamen "Dormicum" vertrieben wird. Das Benzodiazepin wirkt entspannend, verhindert Krampfanfälle, reduziert die Merkfähigkeit und nimmt Ängste. Als Medikament wird es auch in Deutschland häufig genutzt, um Patienten vor einer Operation zu beruhigen und traumatische Erinnerungen auszulöschen. Seltener dient es dazu, in der Intensivmedizin Narkosen herbeizuführen.

Theoretisch sollte die Midazolam-Injektion dem Todeskandidaten schnell das Bewusstsein nehmen. Durch die geplatzte Vene konnte sich der Stoff im aktuellen Fall wahrscheinlich nicht richtig im Körper verteilen und seine Wirkung entfalten. Erst zehn Minuten nach der Verabreichung wurde Lockett für bewusstlos erklärt - offenbar ein Fehler. Drei Minuten später begann er nach Luft zu ringen und sich zu winden.

Auch bei der ersten Hinrichtung im US-Bundesstaat Ohio, bei der Midazolam eingesetzt wurde, musste der Todeskandidat mindestens zehn Minuten lang leiden. Insgesamt vergingen bei dem 53-Jährigen Dennis McGuire 24 Minuten zwischen der ersten Injektion und dem Tod. Die Kinder des verurteilten Mörders, die bei der Hinrichtung aus dem Nachbarzimmer zusahen, berichteten, dass McGuire um Luft gerungen hatte. Sie haben beschlossen, aufgrund der Vorkommnisse zu klagen.

Tötung mit Hilfsmitteln der Medizin

Neben Midazolam erhielt Dennis McGuire allerdings das Schmerzmittel Hydromorphon, aus diesem Grund und aufgrund der geplatzten Vene bei Lockett sind die Fälle nicht vergleichbar. Lockett wurden, nachdem seine vermeintliche Bewusstlosigkeit festgestellt wurde, zwei weitere Medikamente gespritzt: Vecuroniumbromid und Kaliumchlorid.

Vecuroniumbromid, das die Skelettmuskulatur entspannt, wird bei Patienten vom Kleinkind bis zum Erwachsenen eingesetzt, um den Körper während Operationen still zu halten. In höherer Konzentration lähmt das Medikament die Atemmuskulatur, Patienten müssen deshalb beim Einsatz des Mittels künstlich beatmet werden, bis ihre spontane Atmung wieder einsetzt.

Kaliumchlorid führt zu einer erhöhten Kaliumkonzentration im Blut, die einen Herzinfarkt auslösen kann oder den Herzschlag stoppt. Chirurgen machen sich dies unter anderem zunutze, um bei Herzoperationen einen Stillstand einzuleiten und den Körper an eine Herz-Lungen-Maschine anzuschließen. Das Herbeiführen des Herzstillstands gilt als äußerst schmerzhaft. Todeskandidaten müssen deshalb zum Zeitpunkt der Kaliumchlorid-Injektion bereits bewusstlos sein.

Führende US-Mediziner hatten gegen den Plan protestiert, Midazolam bei Hinrichtungen zu verwenden. "Die Bevölkerung sollte bedenken, dass die Medikamente, die genutzt werden, um ihnen zu helfen, jetzt abgezweigt werden, um Menschen zu töten", sagte Joel Zivot von der Emory University School of Medicine in Atlanta im Januar dem britischen "Guardian".

irb

insgesamt 220 Beiträge
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static2206 30.04.2014
1. Ich halte eh nichts von der Todestrafe
aber manchmal denke ich, dass einfaches Erschießen wohl humaner wäre. (mir ist die Ironie durchaus bewusst hier von Human zu sprechen). Ich finde es sowieso makaber, dass ein so angeblich hochzivilisiertes Land wie die USA immer noch Methoden aus dem Mittelalter und davor anwenden. Darunter fällt die Todesstrafe genauso wie Folter bis zum Geständnis.
schmusel 30.04.2014
2.
Erzählst du das auch den 4% unschuldig hingerichteten in den USA (SPON berichtete kürzlich)?
mimas101 30.04.2014
3. Hmm
soweit mir bekannt ist machen das alles auch noch medizinische (Halb-)Laien. Da wäre, wenn man die Todesstrafe nicht aufgibt, eine gut geölte Guillotine die humanste Art jemanden hinzurichten.
Georg_Alexander 30.04.2014
4. Staatlich angeordneter Mord
unterscheidet unzivilisierte Gesellschaften von zivilisierten. Jeder Amerikaner, der als zivilisiert gelten möchte, sollte sich davon bedingungslos distanzieren. Inwiefern unterscheidet sich die hier beschriebene Barbarei noch von derjenigen, die die Schergen des Nazi-Regimes begingen?
monster10 30.04.2014
5. optional
Dormicum als Narkotika einzusetzen ist schon sehr grenzwertig, dann nur noch mit KCL und Norcuron jemanden umzubringen ist menschenverachtend........ Jeder , der auch nur etwas von Narkosen versteht, weis, dass ein Schmerzmittel wie Fentanyl einfach unabdingbar ist, um zu verhindern, dass man zuverlässig keine Schmerzen mehr hat...... Aber vielleicht hören diese grausamen Hinrichtungen jetzt endlich auf.
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