Hirntoddiagnose "In keinem Fall wurden Lebenden Organe entnommen"

Bei der Diagnose Hirntod haben Ärzte in den vergangenen Jahren Fehler gemacht. Der Chirurg Thomas Breidenbach von der Deutschen Stiftung Organtransplantation erklärt, was schieflaufen kann und warum das Thema so schnell Ängste schürt.
Beurteilung von Kernspinbildern: Erst zwei voneinander unabhängige Befunde erlauben die Diagnose Hirntod

Beurteilung von Kernspinbildern: Erst zwei voneinander unabhängige Befunde erlauben die Diagnose Hirntod

Foto: Corbis
ZUR PERSON

Thomas Breidenbach, Jahrgang 1964, ist Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Bayern. Der Chirurg und Transplantationsmediziner leitet die Region seit 2010, zuvor war er stellvertretender Leiter des Transplantationszentrum am Klinikum Augsburg.

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr werden in Deutschland 2000 Hirntoddiagnosen gestellt. Wie häufig passieren dabei Fehler?

Breidenbach: Selten! Alle Berichte darüber, dass so etwas häufig passiert, schüren nur die Ängste der Menschen. Es gibt Einzelfälle, über die wir stolpern, wenn wir bei der Frage nach einer Organspende hinzugezogen werden. Insgesamt ist es aber eine der sichersten Diagnosen, die wir in der Medizin haben. Laut den Richtlinien der Bundesärztekammer  müssen zwei Ärzte, die über mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen verfügen, unabhängig voneinander den Hirntod feststellen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem passieren Fehler. Gerade sind durch einen Bericht in der "Süddeutschen Zeitung"  acht Fälle aus den Jahren 2011 bis 2013 bekannt geworden, in denen nicht alle Kriterien der Richtlinien korrekt eingehalten wurden.

Breidenbach: Richtig, sechs davon waren in den letzten drei Jahren in Bayern, bei denen die Richtlinien nicht korrekt eingehalten wurden. Das entspricht 0,67 Prozent aller Spendermeldungen mit Hirntoddiagnostik in dieser Zeit. Wir haben alle Fälle mit einem Neurologen im Team besprochen, auch um daraus zu lernen. Anhand der Beispiele zeigt sich, wie gut unser Kontrollsystem funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Was überprüfen Sie genau?

Breidenbach: Die DSO überwacht, ob alle Formalitäten und die Richtlinien eingehalten worden sind. Wir prüfen zum Beispiel, ob alle Protokolle vorliegen, ob Datum und Zeitpunkt der Todesbescheinigung mit dem Hirntodprotokoll übereinstimmen, ob alle Unterschriften vorhanden sind.

SPIEGEL ONLINE: Kontrollieren Sie auch, ob die Diagnose Hirntod stimmt und ob alle erforderlichen Tests gemacht wurden?

Breidenbach: Die Diagnose selbst können wir nicht überprüfen, dafür gibt es die zwei Spezialisten. Aber natürlich schlagen die Koordinatoren Alarm, wenn ihnen auffällt, dass etwas fehlt. Durch die Skandale im letzten Jahr sind wir nochmals sensibler geworden, und meine Mitarbeiter überprüfen noch genauer.

SPIEGEL ONLINE: Musste eine Organentnahme nach den Prüfungen gestoppt werden?

Breidenbach: Um eines klarzustellen: In keinem einzigen Fall wurden einem lebenden Menschen Organe entnommen. In der "Süddeutschen Zeitung" klingt es so, als ob bei den Patienten bereits die Organentnahme geplant wurde und die Organspende in letzter Sekunde gestoppt worden sei. Dieser Eindruck ist völlig falsch. Eine Organspende wird erst dann eingeleitet, wenn alle Voraussetzungen vorliegen. Zuerst wird der Hirntod diagnostiziert, dann werden die Angehörigen gefragt, und erst wenn die Zustimmung vorliegt, werden die notwendigen Untersuchungen gemacht und geprüft, ob eine Spende möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Einem Kind wurden offenbar nach formal fehlerhafter Hirntoddiagnostik Organe entnommen.

Breidenbach: Das stimmt. Dieser Fall wurde deshalb der Staatsanwaltschaft übergeben. Die Obduktion des Kindes hat aber bestätigt, dass der Hirntod zum Zeitpunkt der Organentnahme sicher eingetreten war.

SPIEGEL ONLINE: Wurde die Diagnose Hirntod in den sechs Fällen in Bayern nach der Überprüfung bestätigt?

Breidenbach: In drei Fällen wurde die Hirntoddiagnostik korrekt wiederholt. Einmal wollten die Angehörigen nicht, dass die Prozedur erneut vorgenommen wird, daraufhin wurde der Prozess abgebrochen, der einer Organspende vorausgeht. In zwei Fällen gab es noch eine Restaktivität im EEG. Das hieß: Voraussetzungen nicht erfüllt, Vorbereitung für die Organspende abgebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Ärzte lassen sich von der DSO widerstandslos erklären, dass sie den Totenschein falsch ausgestellt haben?

Breidenbach: Nicht in jedem Fall, aber dafür sind wir geschult. Eine Ärztin war davon überzeugt, dass der Mensch tot war und konnte nicht einsehen, dass wir aufgrund einer Formalität etwas ändern müssen. Ich wurde dann eingeschaltet und habe bestätigt, dass wir so keine Organentnahme machen können. Am Ende reicht nicht das Dafürhalten eines Arztes, dass ein Mensch tot ist. Alle Richtlinien müssen zu hundert Prozent eingehalten werden.

SPIEGEL ONLINE: Kennen denn auch Ärzte in kleineren Krankenhäusern, die nicht so oft mit dem Thema Hirntod in Berührung kommen, die Richtlinien genau genug?

Breidenbach: Nicht immer. Aber für diese Fälle gibt es unabhängige Konsiliarärzte, die in die Klinik fahren und die zweite Hirntoddiagnostik durchführen. Und wenn es in dem Krankenhaus keinen Spezialisten dafür gibt, kommen zwei Konsiliarärzte. Ein zusätzliches mobiles Kompetenzteam, wie es der Chirurg Gundolf Gubernatis in der "SZ" fordert, brauchen wir nicht, weil wir es schon haben. Trotzdem ist es natürlich auch im Interesse der DSO, dass die Voraussetzungen besser definiert werden, die ein Mediziner haben muss, um eine Hirntoddiagnostik durchzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark beeinflusst diese Diskussion die Spendenbereitschaft der Menschen?

Breidenbach: Immens, glaube ich. Die Frage, ob man wirklich tot ist, berührt alle Menschen in ihren Sorgen. Deshalb ist es so wichtig, dass unser Kontrollsystem funktioniert und wir die Fehler richtig einordnen.

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