Arbeit bei Extremtemperaturen Neuer Ärztepräsident verlangt Hitzepausen

Arbeitgeber sollten ihren Mitarbeitern bei Hitze mehr Pausen gönnen, fordert der neue Ärztepräsident Reinhardt. Aus Politik und Forschung kommt Rückendeckung: Arbeit bei Extremtemperaturen sei gesundheitsgefährdend.
Bauarbeiter auf Straßenbaustelle: "Arbeit bei den enormen Temperaturen ist gesundheitsgefährdend"

Bauarbeiter auf Straßenbaustelle: "Arbeit bei den enormen Temperaturen ist gesundheitsgefährdend"

Foto: Francesca Agosta/KEYSTONE/dpa

Vor den neuen Extremtemperaturen fordert der neue Ärztepräsident Hitzepausen für Arbeitnehmer. "Wichtig ist, bei großer Hitze die Schlagzahl etwas herunterzufahren und - wenn irgendwie möglich - die ein oder andere Pause extra einzulegen", sagte der im Mai zum Präsident der Bundesärztekammer gewählte Klaus Reinhardt der "Neuen Osnabrücker Zeitung" . "Arbeitgeber sollten es aus Fürsorge für ihre Mitarbeiter ermöglichen, dass bei extremer Hitze das Tempo gebremst wird."

Ärztepräsident Klaus Reinhardt (Archivfoto)

Ärztepräsident Klaus Reinhardt (Archivfoto)

Foto: Guido Kirchner/DPA

Rückendeckung kommt von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: "Arbeit bei den enormen Temperaturen ist gesundheitsgefährdend." Die klassische Pausenregelung sei "für die extreme Hitze nicht ausgelegt". Verordnete lange Mittagspausen nach Vorbild der Siesta in südlichen Ländern hält Lauterbach für falsch. "Notwendig sind flexible Regelungen."

Die Gewerkschaft IG BAU beklagte, es gebe zwar Regelungen, diese würden aber von zahlreichen Bauunternehmern gebrochen. "Viele stellen sich quer und ignorieren offenbar ganz bewusst die strengen Auflagen, um Kosten zu sparen", sagte IG-BAU-Sprecher Ruprecht Hammerschmidt der Zeitung. "In drastischen Ausnahmefällen lässt man lieber einen Bauarbeiter umkippen, als ihm eine Flasche Wasser hinzustellen."

Gefährliche Hitze

Wie gefährlich Hitzewellen sind, wie wir sie im Moment erleben, haben Forscher des Robert Koch-Instituts in Berlin untersucht. Ihren Schätzungen zufolge kostet Hitze Tausenden Menschen in Deutschland das Leben. "Man sieht, dass vor allem in den Altersgruppen 75 bis 84 und über 85 Jahren ein besonderes Risiko besteht", sagt Matthias an der Heiden. Mit einer aktuellen Zunahme der Todesfälle in Deutschland wegen der Juni-Hitze sei zu rechnen.

Eine Studie von Autoren um an der Heiden kam kürzlich zu dem Schluss, dass die Hitzewelle 2003 mit 7600 Hitzetoten die folgenschwerste im Zeitraum 2001 bis 2015 war. Für den Sommer 2018 lagen noch keine bundesweiten Auswertungen vor - allein für Berlin gehen Experten aber von etwa 490 Todesfällen aus. In den Hitze-Sommern 2006 und 2015 starben den Berechnungen zufolge im ganzen Land jeweils mehr als 6000 Menschen.

Bei mehreren Arten von Erkrankungen verschlimmern sich die Symptome bei hohen Temperaturen, dazu zählen etwa Atemwegserkrankungen. Betroffen sind dem Experten zufolge aber nicht nur Menschen mit Grunderkrankungen: Hitze belaste generell das Herz-Kreislaufsystem - der Körper muss die eigene Temperatur konstant halten.

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Die brütende Hitze bleibt Deutschland auch an den letzten Juni-Tagen erhalten: Bis zu 39 Grad kann es an diesem Wochenende in Ostdeutschland heiß werden - damit sind nach Einschätzung des Deutschen Wetterdiensts (DWD) erneut rekordverdächtige Werte möglich.

Derweil ist in Frankreich der bisherige Temperaturrekord schon am Freitag gefallen - mit mehr als 45 Grad in mehreren südfranzösischen Orten. So wurden in Gallargues-le-Montueux 45,9 Grad registriert. In Frankreich hatten am Freitag 4000 Schulen nicht geöffnet oder eine Notfallbetreuung eingerichtet, wie Frankreichs Premier Édouard Philippe mitteilte.

oka/dpa
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