HIV-Schutz mit Medikamenten "Die Leute können sich das nicht leisten"

Eine Pille pro Tag und die Angst vor einer Ansteckung sinkt: Seit September ist in Deutschland ein Medikament zum Schutz vor HIV zugelassen. Nur leisten kann sich das Mittel kaum jemand, die Politik fühlt sich nicht zuständig.
HIV-Medikament Truvada

HIV-Medikament Truvada

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Sex verband Frederic lange Zeit mit Sorgen. "Als schwuler Mann, der in den Neunzigern aufgewachsen ist, war HIV für mich immer ein Thema", sagt der Berliner. Heute fühlt er sich sicherer. Der Preis dafür: Seit wenigen Monaten schluckt der gesunde Mann Anfang 30 jeden Morgen eine Pille, die eigentlich zur Behandlung HIV-Infizierter entwickelt wurde.

Im September hat die EU-Kommission das Medikament Truvada zur HIV-Prophylaxe zugelassen. Da seine Wirkstoffe die Vermehrung des Erregers im Körper unterdrücken, können sie zuverlässig vor einer Ansteckung schützen - eine regelmäßige Einnahme vorausgesetzt. Das Problem: Eine Monatsration kostet in Deutschland 820 Euro. Die Krankenkassen zahlen zwar für die Behandlung einer HIV-Infektion, die Ausgaben für die Prophylaxe aber übernehmen sie nicht.

Dabei kommt die Truvada-Prophylaxe sowieso nur für eine kleine Gruppe infrage. Bei ihnen ist das HIV-Risiko so hoch, dass der Nutzen des Mittels Nachteile wie hohe Kosten und Nebenwirkungen überwiegt. Frederic gehört zu dieser Gruppe. Von den rund 3200 Personen, die sich laut Schätzungen des Robert Koch-Instituts 2016 in Deutschland mit HIV infiziert haben, waren 2200 Männer, die Sex mit Männern hatten.

"Semi-legale" Generika aus Indien

Für Jens Ahrens von der Berliner Aidshilfe ist die gegenwärtige Situation unhaltbar: "Wenn man Prävention betreiben will, dann muss man das Medikament auf breiter Ebene zur Verfügung stellen." Auch Ingo Ochlast, Allgemeinmediziner mit einer HIV-Schwerpunkt-Praxis in Berlin, sieht eine vertane Chance: "Die Verordnung des Medikaments Truvada in der Prävention ist schlichtweg nicht existent. Gerade die Leute, die das Medikament recht dringend brauchen, können es sich nicht leisten."

Wer nicht auf die Prophylaxe verzichten möchte, dem bleibt oft nur ein Schlupfloch. Über Großbritannien können Truvada-Generika aus Indien bestellt werden. Die Mittel enthalten dieselben Wirkstoffe wie Turvada, werden aber von anderen Unternehmen hergestellt und kosten nur einen Bruchteil. In Deutschland sind sie noch verboten, weil Truvada unter Patentschutz steht. Auch Frederic bestellt regelmäßig über eine indische Onlineapotheke das Generikum Tenivir-EM nach Großbritannien.

Der Prozess sei "semi-legal", sagt Ochlast. Hinzu kommt, dass der Verkauf eigentlich an die Auflage geknüpft ist, regelmäßig zum Arzt zu gehen. Bei den Bestellungen im Ausland fehlt diese Kontrollinstanz. Frederic zumindest lässt sich alle drei Monate von einem Mediziner untersuchen. Denn Nebenwirkungen wie Kopfschmerz, Schwindel, Erbrechen und Durchfall sind häufig - sie treffen immerhin jeden zehnten Nutzer.

Warum nicht einfach Kondome?

Dem Argument, dass man sich einfacher und günstiger mit Kondomen schützen könnte, widerspricht er: "Kondome verlangen im Eifer des Gefechts eine rationale Entscheidung. Genau an dem Punkt, an dem man an alles denken will außer an Krankheit und Angst." Auch dem Chefarzt am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin, Keikawus Arastéh, zufolge, ergibt es wenig Sinn, auf Kondome zu verweisen, wenn ein Patient an der Prophylaxe interessiert ist.

"Der Mensch ist halt so, wie er ist und keine Wunschvorstellung", sagt Arastéh. Bei manchen könnten Kondome auch zu Erektionsstörungen führen. Einer der wichtigsten Punkte ist für Arastéh aber die Selbstbestimmung über den Schutz: "Der passive Partner ist immer darauf angewiesen, dass der aktive das mit dem Kondom richtig hinkriegt." Mit Tenofovir im Körper sei der Schutz nicht mehr von einem anderen abhängig.

Experten empfehlen dennoch, trotz der Behandlung weiter Kondome zu verwenden. Ein Grund dafür sind andere Geschlechtskrankheiten, daneben minimieren Kondome aber auch das HIV-Restrisiko. In Studien senkte Truvada das Risiko für eine HIV-Infektion im Schnitt nur um 90 Prozent. Allerdings steckten sich vor allem Menschen an, die das Medikament trotz der Versuche gar nicht oder nur unregelmäßig einnahmen.

Kostenübernahme: Keiner will verantwortlich sein

Andere Länder haben bereits Modelle entwickelt, um Truvada als Prophylaxe-Pille bezahlbar zu machen. Dort sind die Kosten für das Originalpräparat gesenkt, Generika zugelassen oder die Krankenkassen zahlen zumindest einen Teil des Preises. In Deutschland hingegen ist die Situation verzwickt. Erst im November entschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), dass er nicht verantwortlich für die Frage sei, ob Truvada für Präventionszwecke von den Krankenkassen bezahlt werden muss.

Das Gremium entscheidet eigentlich darüber, welche Arzneimittel die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen müssen. Der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken aber erklärte, präventiv würden nur Schutzimpfungen oder medizinische Vorsorgeleistungen finanziert. "Bei Truvada handelt es sich zweifellos nicht um einen Impfstoff." Die Preisgestaltung sei zudem die Angelegenheit des Herstellers. Truvada-Hersteller Gilead hingegen will bei dem Preis nicht zwischen Prophylaxe und HIV-Therapie unterschieden - und verweist zurück zum G-BA. Das Gremium könnte über Möglichkeiten der Verordnung entscheiden, so das Unternehmen.

Eigentlich könnte die Politik dem Hin und Her ein Ende bereiten - indem sie über die Zulassung günstigerer Generika oder über Gesetzesveränderungen entscheidet. An ihr liege es, die Verantwortung für die Kosten zu übernehmen, meinen Arastéh und Ochlast. Das Bundesgesundheitsministerium selbst sieht aber keinen Handlungsbedarf, genauso wenig wie die Gesetzlichen Krankenkassen.

Möglicherweise wird das Problem am Ende einfach ausgesessen. Das Patent für Truvada läuft in Europa im Juli 2017 ab. Dann dürfen Generika auch hierzulande legal auf den Markt kommen.

irb/dpa
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